Die Bevölkerung ist pessimistisch: 52 Prozent der Bürger in Baden-Württemberg sieht die wirtschaftlichen Perspektiven der nahen Zukunft skeptisch, nur 40 Prozent sind optimistisch eingestellt. Allerdings steige der Optimismus seit Oktober wieder, wie eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt.

Arbeitslosenquote bei 4,4 Prozent

Zur Sorge gibt es Anlass, das zeigen die Daten der Agentur für Arbeit für den Kreis Konstanz: Die Zahl der Arbeitslosen beträgt aktuell 7120, 38 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Arbeitslosenquote beträgt 4,4 Prozent, im Vorjahr waren es noch 3,2 Prozent.

„Die Lage am Arbeitsmarkt ist ernst“, sagt Jutta Driesch, Leiterin der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg. „Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit um 40 Prozent für den Kreis Konstanz, das ist enorm.“ Ihr Blick in die Zukunft: Dass sich die aktuelle Lage, eine Folge der Pandemie, rasch ändern werde, glaubt Driesch nicht. Mit etwas Glück bleibe sie gleich. Es liegt auf der Hand, dass das Hotel- und Gaststättengewerbe am stärksten von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen ist, gefolgt von Handel sowie dem Metall- und Elektrobereich.

Bild: SK

„Der Handel tut sich am schwersten“

Am kritischsten sei die Lage beim Handel, so schätzt es Driesch ein. „Die Branche tut sich am schwersten mit der Digitalisierung„. Die Konkurrenz durch einen gut aufgestellten Online-Handel ist groß. „Der Wandel auf dem Arbeitsmarkt kommt allerdings nicht so überraschend, wie es scheint“, sagt sie. Corona habe die Entwicklung nur beschleunigt. Deshalb wundere es sie auch nicht, dass es bei den kaufmännischen Berufen einen hohen Anteil Arbeitsloser gebe. Die Berufssparte der Erziehungs- und Gesundheitsberufe bleibe hingegen stabil, auch das passe zur Krise, sei aber gleichermaßen ein langfristiger Trend.

Auch im Maschinenbau ist es schwierig

Nicht nur Handel und Gastronomie, auch die verarbeitende Industrie bekommt die Krise stark zu spüren. Angela Frick, Mitinhaberin von Günter Frick Maschinenbau in Steißlingen, spricht von Umsatz-Einbußen in Höhe von etwa 30 Prozent. Der Zulieferbetrieb stellt Brenn- und Schweißteile her. Die belieferten Firmen litten aber selbst unter deutlich weniger Aufträgen als üblich. Somit benötigten sie weniger Teile, die sie zukaufen.

Kurzarbeit hilft über die Runden zu kommen

Der Familienbetrieb, in dem acht Personen beschäftigt sind, kommt im Moment leidlich über die Runden. Die Mitarbeiter seien an zwei Tagen pro Woche in Kurzarbeit, dadurch konnten Entlassungen vermieden werden, sagt Frick. Auch auf die Besetzung einer Lehrstelle hat die Firma 2020 verzichtet. Obwohl sich Frick noch gut erinnert, wie begehrt Fachkräfte im Maschinenbau vor der Krise waren. Jutta Driesch bestätigt den Effekt, der durch das Instrument Kurzarbeit erzielt wird: „Dass die Kurzarbeiterzahl gestiegen ist, ist positiv zu sehen. Das sichert Arbeitsplätze.“ Angela Frick ist froh, dass ihre Firma nicht der Automobilbranche zuliefert. Trotzdem gebe es vielfältige Verflechtungen. Ihre Kunden könne die Firma halten und versuche, das Umsatzniveau von 2019 zu erreichen.

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Es gibt auch Gewinner der Krise – zumindest in kurzfristiger Perspektive. Die Lebensmittelbranche verzeichnet ein sattes Umsatzplus. Die Umsätze seien überdurchschnittlich gestiegen, schreibt Frank Eichwald, Geschäftsführer von Edeka Sulger in Stockach. Demgegenüber stünden aber hohe Kosten für zusätzliches Personal, Umbaumaßnahmen und Sicherheitsdienste. „Im Bereich Imbiss und Bäckerei haben wir deutliche Verluste“, schreibt er.

Gekauft wird: Obst, Gemüse, Fleisch, Getränke

Umsatzsteigerungen gebe es bei Obst und Gemüse, Fleisch, Getränken und den Grundnahrungsmitteln, schreibt Mit-Geschäftsführerin Silke Sulger. Bei anderen Produkten – Toilettenpapier – waren sie zunächst hoch und gingen rasch wieder auf das normale Maß zurück. Als Krisengewinner will Sulger den eigenen Betrieb nicht sehen: „Wenn die Kaufkraft sinkt, werden alle damit zu kämpfen haben“, sagt sie voraus.

Das Cano in Singen eröffnet – und viele Läden schließen

In den übrigen Bereichen des Einzelhandels ist die Lage düsterer. Das Cano Einkaufszentrum in Singen eröffnete im Dezember seinen Betrieb – viele der Geschäfte mussten im Lockdown wieder schließen. Unter diesen Bedingungen sei man mit der Markteinführung zufrieden, schreibt Centermanagerin Caroline Faustmann. „Natürlich hatten wir uns den Start anders vorgestellt.“ Der Händlermix komme dem Zentrum entgegen, so dürften derzeit 20 Geschäfte, die der Nahversorgung dienen, geöffnet bleiben, weitere Läden bieten „click and collect“ an.

Lage im Kreis: schlechter als anderswo im Land

Und die Perspektiven? Bei Arbeitslosigkeit und der Zahl der Kurzarbeiter liege der Kreis Konstanz in Baden-Württemberg weit vorne, erläutert Jutta Driesch, die Lage ist also eher prekär. Das liege am hohen Anteil von Gastronomie und Gastgewerbe am Bodensee. Die Kreise Tuttlingen und Bodenseekreis seien noch stärker betroffen – dort gibt es jeweils viel metallverarbeitende Industrie. „Sollte der Lockdown noch stark verlängert werden, wird es Insolvenzen geben“, sagt sie. Trotzdem: Im Sommer 2020 sei es schnell bergauf gegangen. Das dürfte auch dieses Jahr möglich sein.