Aber was stimmt denn nun? Steigen die Fallzahlen, weil wir mehr testen? Ist Corona gar nicht so schlimm? Verursacht die Grippe wirklich mehr Tote? Ein Faktencheck mit Zahlen aus dem Landkreis Konstanz:

1. Zurzeit wird mehr auf Corona getestet und deswegen steigen auch die Zahlen

Es stimmt, dass zurzeit mehr getestet wird. Das hängt mit den neuen Regelungen für Reiserückkehrer zusammen. Allerdings liegt hier auch der erste Fallstrick. Eins zu eins vergleichen kann man die Zahlen der Testungen zu Beginn der Pandemie in Deutschland (März/April) und jetzt nämlich nicht. Denn im März/April wurden mehrheitlich Personen getestet, die grippeähnliche Symptome aufwiesen. Jetzt werden mehrheitlich Personen getestet, die symptomfrei sind, aber aus dem Ausland kommen.

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Trotzdem mal der Versuch eines Vergleichs: Die meisten Neuinfektionen gab es im Landkreis Konstanz Mitte April. In diesem Zeitraum (zum Beispiel KW 16) haben die Abstrichzentren in Konstanz und Singen 457 Abstriche gemacht. Gemeldet wurden dem Gesundheitsamt in dieser Woche 39 bestätigte Fälle. Darunter sind aber nicht nur bestätigte Fälle aus den Abstrichen in den Testzentren in Singen und Konstanz, sondern zusätzlich auch aus Laboren und anderen Teststationen. „Das Gesundheitsamt erhält lediglich die positiven Testergebnisse der im Landkreis Konstanz wohnhaften Personen“, erklärt Marlene Pellhammer, Pressesprecherin des Landratsamts Konstanz. Aus welchen Labor oder Teststation (zum Beispiel Flughafen oder Autobahnraststätte) der Abstrich gemacht wurde, sei nicht bekannt.

Ohnehin haben die Testzentren in Singen und Konstanz nur bis Ende Juni getestet. Seit Ende August/Anfang September sind die Abstrichzentren in Konstanz und Singen wieder geöffnet. Die Anzahl der Testungen sammelt als zentrale Stelle mittlerweile die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Seit dem 24. August bis zum 8. September (KW 35/36) wurden in Konstanz etwa 600 Abstrich durchgeführt. Das Zentrum in Singen hat am 31. August wieder geöffnet und bis zum 8. September (KW 36) 370 Tests gemacht. Zusammen haben die beiden Abstrichstationen also 970 Tests durchgeführt. Hier fehlen aber die Zahlen der Testungen, die Hausärzte an Labore schicken oder Reiserückkehrer an Autobahnraststätten haben machen lassen.

Positive Ergebnisse von Patienten, die wohnhaft im Landkreis Konstanz sind, gab es im gleichen Zeitraum 49. Das zeigt: Trotz deutlich mehr Tests, gibt es nur zehn positive Befunde mehr. Deutschlandweit zeigt sich ein ähnliches Bild. In der 16. Kalenderwoche haben sich laut Robert-Koch-Institut (RKI) 331 902 Menschen auf der Virus testen lassen. Positive Befunde gab es in dieser Woche 22 082. In der Kalenderwoche 35 machten die Ärzte 1 101 299 Abstriche, 8178 davon waren positiv.

2. Das Coronavirus ist in einem Forschungslabor entstanden

Zahlreiche Wissenschaftler sind sich einig, dass das Virus einen natürlichen Ursprung hat. In einer Studie, die im wissenschaftlichen Journal Nature im März veröffentlicht wurde, kommen die Forscher zu dem Schluss: „Sars-CoV-2 ist kein Labor-Konstrukt oder absichtlich manipuliertes Virus.“ Hinweise darauf gibt die Genetik des Virus selbst. Die Interaktion des Virus mit dem menschlichen ACE2-Rezeptoren (Angiotensin-converting enzyme 2, ein Enzym zum Andocken an der menschlichen Zelle) seien nicht „ideal“.

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Coronaviren nutzen das Enzym ACE2 in der Zellwand als Andockstelle (Rezeptor), um sich Zugang zum Zellinneren zu verschaffen. Nur dort können sie sich vermehren. Je mehr dieser Rezeptoren an Zellen vorhanden sind, desto einfacher und schneller breiten sich die Viren aus. Da diese Andockstellen aber nicht ideal aufeinanderpassen, lässt das den Schluss zu, dass sich das Virus natürlich entwickelt hat – also durch Evolution.

3. Die Bundesregierung wusste schon vorher von dem Coronavirus

Die Behauptung geht auf eine Risikoanalyse des Bevölkerungsschutzes zurück, die 2013 dem Bundestag vorgelegt wurde. Ein wichtiges Detail, dass bei dieser Analyse nicht übersehen werden darf: Die Experten, die diese Analyse schrieben, haben keine Epidemie, sondern den Umgang damit geplant. Dafür spielten sie das Szenario einer weltweiten Pandemie mit dem fiktiven Erreger Modi-Sars durch. Der Erreger ist hypothetisch, hat jedoch realistische Eigenschaften. „Die Wahl eines Sars-ähnlichen Virus erfolgte u. a. vor dem Hintergrund, dass die natürliche Variante 2003 sehr unterschiedliche Gesundheitssysteme schnell an ihre Grenzen gebracht hat“, so der Bericht. Damit gemeint ist die Verbreitung der schweren Atemwegserkrankung Sars von November 2002 bis Juli 2003, an der nachweislich mehr als 8000 Menschen auf sechs Kontinenten erkrankten und knapp 800 starben.

Ziel der Risikoanalyse von 2013 ist, einen Überblick zu bekommen, welche Gefahren und Ereignisse mit welcher Wahrscheinlichkeit eintreten und wie groß der zu erwartende Schaden ist. Die Analyse soll als Basis für politische Entscheidung dienen, wenn eine weltweite Pandemie ausspricht. Ebenfalls aus der Analyse geht hervor, dass die Experten den Ausbruch einer neuartigen Krankheit nicht ausschließen: „Das Auftreten von neuen Erkrankungen ist ein natürliches Ereignis, das immer wieder vorkommen wird. Es ist aber in der Praxis nicht vorhersehbar, welche neuen Infektionskrankheiten auftreten, wo sie vorkommen werden und wann dies geschehen wird. Daher ist eine spezifische Prognose nicht möglich.“ Diese Analyse ist öffentlich einsehbar unter https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Downloads/BBK/DE/Downloads/Krisenmanagement/BT-Bericht_Risikoanalyse_im_BevSch_2012.html.

4. An der echten Grippe sterben mehr Menschen

Die Todesfälle durch Covid-19 und Influenza sind nicht vergleichbar. Die Grippetoten werden statistisch geschätzt, Corona-Opfer werden dokumentiert. Experten beobachten dabei, wie viele Tote es in der Grippe-Saison im Vergleich zu den übrigen Monaten des Jahres gibt. Gibt es in diesem Zeitraum einen Anstieg der Mortalität (Sterberate), werden diese Toten der Grippe zugeordnet. In der besonders schweren Grippesaison 2017/18 gab es Schätzungsweise 25 000 Grippetote, allerdings waren nur 1674 Todesfälle nachweislich an Influenza erkrankt. Aktuell sind in Deutschland 73 bestätigte positive Influenza-Fälle (Stand: KW 33-36) bekannt. Im Kreis Konstanz gab es 2017/18 genau 376 gemeldete Influenza-Fälle. Ursächlich daran gestorben sind laut Gesundheitsamt Konstanz neun Menschen. Im Folgejahr (2018/19) erkrankten 248 Menschen an der Grippe, drei starben. 2019/20 gab es 363 gemeldete Influenza-Fälle und Todesfälle keine.

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Zum Vergleich: Seit März 2020 sind 17 Personen (Stand: 11. September) in Folge des Coronavirus gestorben. Zusammengefasst: An der Grippe sind im Landkreis Konstanz in der Saison 2019/2020 null Personen gestorben, am Coronavirus 17. Für die Grippesaison 2019/2020, die die Arbeitsgemeinschaft Influenza des RKI bereits Mitte März für beendet erklärt hat, wurden 434 Todesfälle in Deutschland mit bestätigter Influenza-Infektion an das Institut übermittelt. Die statistischen Schätzungen zu den Todesfällen wurden jedoch noch nicht veröffentlicht. Bis Mitte März gab es acht Corona-Tote, bis heute (Stand: 11. September) sind es 9342 Tote.

5. Das Maskentragen ist gesundheitsschädlich

Immer wieder wird behauptet, die Masken, die wir verpflichtet sind im Supermarkt, in Bussen und in Behörden zu tragen, seien gesundheitsschädlich. Richtig ist: Ist eine Mund-Nasen-Bedeckung durch die Atemluft durchfeuchtet, rät die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die Maske zu wechseln. Dann können sich nämlich Keime in der Maske ansiedeln. „Masken, die durchfeuchtet sind, gehören ausgewechselt – egal ob nur kurz oder mehrere Stunden getragen“, sagt Stefan Bushuven, Hygieneexperte am Klinikum Singen. Sonst verlieren sie ihre Schutzwirkung und es sammeln sich Viren und Bakterien aller Art darin an.

Deshalb sollten Masken regelmäßig bei mindestens 60 Grad, besser 95 Grad gewaschen werden. Eine weitere Befürchtung ist, dass durch den Stoff vor den Atemwegen eine erhöhte CO2-Rückatmung stattfindet. Auch das stimme, sagt Bushven. „Das CO2 wirkt sich aber auf Kleinkinder anders aus als auf Erwachsene und hängt sicher auch ab von der Tragedauer. Deswegen sollen kleine Kinder keine Masken tragen“, erklärt er.

6. Bill Gates hat den Virus geschaffen, um die Welt zu regieren

Der Microsoft-Gründer ist eine der Hauptfiguren in vielen Verschwörungstheorien. Er soll nicht nur für das Virus verantwortlich sein, sondern will die Menschen mit Mikrochips versehen und leitet im Geheimen die Weltgesundheitsorganisation WHO. Fakt ist: Die „Melina und Bill Gates“-Stiftung setzt sich seit vielen Jahren für den Gesundheitsschutz ein. Dazu spendet die Stiftung viel Geld an die WHO. Nach der USA ist die Stiftung der größte Geldgeber der WHO. Etwa zehn Prozent der Spendengelder kommen von der Gates-Stiftung.

Angeblich macht das Gates nur, damit er die WHO und wie Marionetten nutzen kann, um Zwangsimpfungen zu verordnen. Daran soll der Milliardär kräftig verdienen. Denn er entwickelt selbst einen Impfstoff. Immer wieder geht auch das Gerücht um, er habe das Virus in einem Labor in Wuhan entwickeln lassen. Gleichzeitig soll er im Kampf gegen den Erreger den Menschen Mikrochips einpflanzen lassen wollen, um über sie mit Hilfe von 5G die totale Kontrolle zu erlangen. So die Theorie. Diese Behauptung kommt daher, weil Gates angeblich in einem Interview gesagt hat: „Die Welt werde erst zur Normalität zurückkehren, sobald man der gesamten Menschheit einen Impfstoff verabreicht habe.“

Dieses Zitat ist aber falsch übersetzt. Eigentlich hat er Folgendes gesagt: „Man kann durchaus sagen, dass die Dinge erst dann wieder wirklich normal werden, wenn wir einen Impfstoff haben, den wir nahezu der ganzen Welt zur Verfügung gestellt haben.“ Die Theorie, dass Gates die Menschen mit Mikrochips ausstatten will, kommt auch von einem Zitat: „Irgendwann werden wir einige digitale Zertifikate haben, aus denen hervorgeht, wer sich erholt hat, wer kürzlich getestet wurde oder – wenn es einen Impfstoff gibt – wann geimpft wurde.“ Gates erwähnte die Verwendung der Chips in einem anderen Zusammenhang. Er bezog sich dabei auf digitale Zertifikate als Teil der Bemühungen, eine digitale Plattform zu schaffen, die die selbstverwalteten Tests für Covid-19 zu Hause erweitern würden.

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7. Nur sechs Prozent der Corona-Toten in den USA sind wirklich an Covid-19 gestorben

Diese Behauptung wird angeblich durch einen Bericht der US-Gesundheitsbehörde gestützt. Allerdings wird hier ein wichtiges Detail unterschlagen. Der Bericht der Behörde sagt nämlich aus, dass 94 Prozent der verstorbenen Covid-19-Patienten mindestens eine Vorerkrankung haben. Menschen mit Vorerkrankungen wie Krebs, Herzkreislauf-Erkrankungen oder Diabetes-Typ-2 sind einem höheren Sterberisiko ausgesetzt als andere, wenn sie sich mit dem Coronavirus infizieren.

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