Herr Bushuven, sind Sie eigentlich schon geimpft?

Ja, ich habe mich wie viele meiner Kollegen aus dem Rettungsdienst im Januar impfen lassen. Zu dem Zeitpunkt stand als einziger der Biontech-Impfstoff zur Verfügung.

Haben Sie irgendwelche Nebenwirkungen gespürt?

Ich hatte wenig Probleme. Nur bei der zweiten Impfung hatte ich mich am zweiten Tag auf die Couch gelegt. Aber das war nichts Dramatisches. Es gibt Menschen, die nach einer Impfung kurzfristig Symptome wie bei einem grippalen Infekt haben. Das gibt es öfter.

Stimmt es eigentlich, dass solche Beschwerden eigentlich etwas Gutes sind?

Es ist eine Immunreaktion. Das heißt, die Leute bekommen so was wie eine beginnende Grippe, die aber meist schnell wieder weggeht. Es zeigt, dass der Körper arbeitet. Das heißt aber nicht, dass es im Gegenzug ein schlechtes Zeichen ist, wenn man nichts spürt. Auch dann werden fast alle Personen immun. Einige spüren es eben nur nicht oder kaum.

Der Impfstoff Astrazeneca ist ja ziemlich im Verruf geraten, weil die Nebenwirkungen besonders bei Frauen unter 60 Jahren verheerend sein können. Empfehlen Sie Impfungen mit diesem Impfstoff?

Momentan ist die Empfehlung der Stiko, also der Ständigen Impfkommission, den Impfstoff nicht an Menschen unter 60 Jahren zu verimpfen. Unter bestimmten Umständen ist es aber auch möglich als unter 60-Jähriger Astrazeneca zu erhalten. Aber Personen, die in ihrer Vorgeschichte eine sehr seltene Veranlagung zu einer bestimmten Form der Blutgerinnungsstörung haben, unter anderem die sogenannte HIT, sollten diesen Impfstoff nicht erhalten. Bei denen können in seltenen Fällen Sinusvenenthrombosen, also ein Blutgerinnsel im Gehirn oder Reaktionen der Blutplättchen, die für unsere Gerinnung da sind, entstehen. Normale Thrombosen treten hierdurch nicht häufiger auf. Diese Krankheit ist aber extrem selten und tritt bei einer Person auf 100.000 Geimpfte auf. Doch wenn man eine solche Immun-vermittelte Reaktion nicht frühzeitig erkennt und behandelt, dann kann diese gefährlich werden.

Wie kann ich das erkennen?

Wenn Geimpfte – unabhängig vom Impfstoff – vier bis fünf Tage nach der Impfung Kopfschmerzen oder kleine Punktblutungen an den Schienbeinen bekommen, müssen sie unbedingt einen Arzt aussuchen.

Vor den Nebenwirkungen von Astrazeneca braucht man also eigentlich keine Angst haben, weil sie nur in extrem seltenen Fällen auftreten?

Laut Paul-Ehrlich-Institut liegt die Rate an Sinusvenenthrombosen bei circa 1:100.000 Impflingen. Dagegen wurden Millionen Impfdosen ohne schwere Komplikationen verabreicht. Das Auftreten einer solchen Reaktion ist damit deutlich geringer als das Jahres-Risiko für einen Herzinfarkt oder einen schweren Autounfall. Die Frage ist daher immer: Welches Risiko gehe ich ein? Gehe ich das Risiko ein, diese eine extrem seltene Nebenwirkung zu bekommen oder Corona zu bekommen oder Corona an eine Person weiterzugeben, die möglicherweise damit ein erhebliches Problem hat. Das muss jeder für sich selbst abschätzen. Ein Null-Risiko gibt es nie im Leben. Für mich war es eine ganz klare Entscheidung mich impfen zu lassen.

Es gibt ja noch weitere Befürchtungen, die es rund um das Thema Corona-Impfung gibt, zum Beispiel, dass Impfungen Autismus auslösen, Frauen unfruchtbar werden und die Impfungen unsere DNA verändern. Wie viel Wahrheit steckt da drin?

Das sind verbreitete Impf-Mythen. Die Corona-Impfstoffe können rein physiologisch unsere DNA gar nicht verändern. Das Thema Unfruchtbarkeit: Von ärztlicher Seite haben wir keinen Anhalt dafür. Der Hintergrund dazu ist, dass das Spike-Protein des Coronavirus‘ dem Protein Syncytin auf der Plazenta ähnelt. Aber nur Schwangere haben eine Plazenta, eine nicht-schwangere Frau nicht. Und eine tatsächliche Interaktion konnte auch nicht nachgewiesen werden. Zumal: Wenn der Impfstoff unfruchtbar machen würde, müsste Corona es auch tun – und das tut es nicht. Autismus – dieser Mythus hält sich wacker, egal bei welchem Impfstoff. Vor über 20 Jahren gab es dazu eine einzelne aufsehenerregende Studie, die Zusammenhänge nachweisen wollte, jedoch später aufgrund von Datenmanipulation und Interessenskonflikt zurückgezogen wurde. Es gibt seit 2003 über hundert medizinische Berichte und Kontrollstudien dazu, die den Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus widerlegt haben.

Ein Moment, den viele Menschen herbeisehnen: die Impfung mit einem Mittel gegen das Coronavirus. Doch es gibt auch Impfgegner. Was ist wissenschaftlich fundiert, was sind Mythen oder interessengesteuerte Falschinformationen? Der Mediziner Stefan Bushuven geht im Interview darauf ein.
Ein Moment, den viele Menschen herbeisehnen: die Impfung mit einem Mittel gegen das Coronavirus. Doch es gibt auch Impfgegner. Was ist wissenschaftlich fundiert, was sind Mythen oder interessengesteuerte Falschinformationen? Der Mediziner Stefan Bushuven geht im Interview darauf ein. | Bild: Jarausch, Gerald

Um wie viel sinkt eigentlich mein Risiko, nach einer Impfung an Covid zu erkranken?

Nach der ersten Dosis Biontech/Pfizer sind das 52 Prozent – so die Studiendaten. 95 Prozent weniger Ansteckungen nach der zweiten Impfung. Aber Achtung: Auch wenn Sie doppelt geimpft sind, gibt es einzelne Personen, die trotzdem krank werden. Doch sie sind dann nur leicht erkrankt und geben das Virus normalerweise nicht weiter. Und das ist das Wichtige an der ganzen Geschichte. Bei Moderna liegt die Messung in den Zulassungs-Studien bei 94 Prozent, bei Astrazeneca bei etwa 70 Prozent. Die Ergebnisse der Impfung in Israel und Großbritannien stützen diese Angaben.

Dann schützt Astrazeneca weniger gut?

Das kann man so nicht sagen. Die Hersteller von Astrazeneca haben parallel vier Studien betrieben, um mehr Sicherheit zu generieren. Da kam dann als Mittelwert 70 Prozent raus. Das haben viele Menschen so verstanden, dass Astrazeneca kein guter Impfstoff ist. Das stimmt aber so nicht. Man sagt bei Impfstoffen: Alles über 50 Prozent Wirksamkeit ist zulassungsfähig und sollte benutzt werden – so die WHO. Grippeimpfstoffe, welchen wir jedes Jahr verimpfen, bieten circa 50 Prozent Schutz, das ist auch ausreichend. Ein 70-prozentiger Schutz ist daher eigentlich viel. Außerdem: Wenn man den zweiten Impftermin bei Astrazeneca von acht auf zwölf Wochen verschiebt, kommt man auch in den 80- bis 90-Prozent-Bereich. Und was selten gesagt wird: Astrazeneca schützte in den Zulassungsstudien zu 100 Prozent vor einem schweren Krankheitsverlauf – also einer nötigen Behandlung in einer Intensivstation. Keiner von den Astrazeneca-Geimpften, das waren rund 12.000 Menschen, war wegen Covid-19 auf einer Intensivstation. Bei Biontech/Pfizer gab es solche Einzelfälle. Aber das ist es auch. Es sind Einzelfälle.

Müssen wir uns jetzt jedes Jahr gegen Corona impfen lassen – ähnlich wie gegen die Grippe?

Es kann passieren, dass dies erforderlich wird. Aber das Coronavirus ist nicht so veränderlich wie zum Beispiel das Influenzavirus. Das bedeutet, das Coronavirus mutiert nicht so häufig wie das Influenzavirus. Das Coronavirus verfügt über ein Protein mit einer Art Korrekturmechanismus. Mutationen entstehen durch Fehler bei der Vermehrung. Das Coronavirus kann seine RNA überprüfen. Das können viele andere Viren nicht. Daher gibt es bei andere Viren viel häufiger Mutationen. Natürlich kann das Coronavirus auch mutieren, sonst hätten wir die Varianten nicht. Aber es passiert vergleichsweise nicht so häufig.

Können wir die Krankheit Covid-19 ausrotten – ähnlich wie die Pocken?

Ja, das glaube ich. 1874 gab es im preußischen Kaiserreich eine Pocken-Impfpflicht. Da wurde jeder geimpft. Da wurde gar nicht gefragt. Dadurch konnte sich kaum jemand einer Impfung entziehen. Und damit kriegt man tatsächlich diese Krankheiten weg. Heute haben wir ein anderes ethisches Bewusstsein bezüglich unserer Selbstbestimmung. Das ist ja auch gut. Wenn wir aber dadurch einen zu großen Teil der Bevölkerung bekommen, der sich nicht impfen lässt oder nicht geimpft werden kann, dann kriegen wir das Virus nicht ausgerottet – wie bei Masern zum Beispiel.

Brauchen wir eine Impfpflicht?

Das ist eine schwierige Frage. Einen politisch-motivierten Impfzwang, also eine Strafe, wenn ich mich nicht impfen lasse, kann und will ich mir in unserer Gesellschaft nicht vorstellen. Aus meiner Sicht besteht jedoch für jeden, der Solidarität von anderen erwartet, die Pflicht, sich gründlich über die Impfung Gedanken zu machen und sich dann freiverantwortlich im Sinne der Gemeinschaft zu entscheiden. Das geschieht nur, indem man sich gründlich über Impfungen informiert – aber nicht auf Facebook oder Youtube. Ein gewisser Impfdruck wird allerdings über das Sozialgefüge kommen. Wenn ich zum Beispiel ohne Impfpass oder Test nicht mehr in ein Flugzeug steigen darf. Darüber wird durch die Gesellschaft Druck aufgebaut. Einige Bereiche werden das sicherlich tun. Ich denke, dass die Gesellschaft so vieles selbst regeln und die Motivation so steigen wird. Ob das eine gute Motivation sein wird, ist eine andere Frage. Letztlich werden sich sicherlich nicht alle impfen lassen und es wird Menschen geben, die (aktuell noch) nicht geimpft werden können, zum Beispiel Schwangere und Kinder. Das heißt, wir müssen zusätzlich mit den anderen Maßnahmen – Abstand halten, Kontaktverfolgung, Quarantäne – die Krankheit ausrotten. Ich glaube, dass wir das in den Griff kriegen. Da bin ich optimistisch.

Fragen: Kerstin Steinert