Francesco Musacchio sitzt auf einer Bank. Der 65-Jährige wartet. An diesem Tag soll er ein drittes Mal gegen der Coronavirus geimpft werden. „Ich freue mich darauf“, sagt der gebürtige Italiener, der in den 1960er-Jahren nach Deutschland gekommen ist. Mittlerweile lebt er im Zentrum für Betreuung und Pflege in Stockach.

Francesco Musacchio lebt im Zentrum für Betreuung und Pflege in Stockach. Er wartet geduldig auf seine dritte Impfung.
Francesco Musacchio lebt im Zentrum für Betreuung und Pflege in Stockach. Er wartet geduldig auf seine dritte Impfung. | Bild: Steinert, Kerstin

Musacchio wird zusammen mit 57 Heimbewohnern und 19 Mitarbeitern einer der ersten sein, der durch das mobile Impfteam des Kreisimpfzentrum (KIZ) in Singen erneut geimpft wird. „Bis zum 22. September haben wir momentan sieben Einrichtungen auf der Liste, die wir mit unserem mobilen Impfteam, besuchen und deren Bewohner und Mitarbeiter wir impfen werden“, sagt Stefanie Matzner, Koordinatorin der mobilen Impfteams. Danach schließt das KIZ in Singen und damit endet auch die Arbeit des mobilen Impfteams – zumindest vorläufig. Welche Aufgaben nach dem 22. September auf Matzner und ihr Team wartet, ist ungewiss. „Das werden wir vom Sozialministerium erfahren“, sagt sie.

Anstrengende Organisation

Doch jetzt stehen erst mal die Impf-Auffrischungen an. Anja Martin, Pflegedienstleiterin des Zentrums für Betreuung und Pflege in Stockach, hat den Impftag in der Einrichtung organisiert. „Das war stressig“, sagt sie. Wie bei den ersten Impfungen mussten alle Heimbewohner, Angehörige und Betreuer erneuert über die Impfrisiken aufgeklärt werden. Erneut mussten die Einverständniserklärungen unterschrieben werden. Und erneut war dafür nur wenig Zeit vorhanden. Innerhalb von fünf Tagen musste alles erledigt sein. „Aber wir haben es geschafft“, sagt sie und lächelt.

Impfteam ist vorbereitet

Langsam kommen immer mehr Senioren zum Verwaltungsgebäude des Pflegeheims. Dort hat das Impfteam bereits alles vorbereitet: Die Spritzen sind aufgezogen, die Pflaster und Aufkleber der Impfchargen liegen bereit. Einzeln werden die Bewohner ins Zimmer gerufen, wo schon Arzt Gerhard Metzger wartet.

Auch die 81-jährige Doris Mack, die seit einigen Wochen im Pflegeheim wohnt, wird nochmals gepikst. Allerdings bekommt sie nicht die dritte, sondern die zweite Impfung. „Leider ist meine Mutter nach der ersten Impfung im Frühjahr kurz danach doch an Corona erkrankt. Zum Glück hat sie es überstanden“, sagt ihre Tochter Melanie. Sie ist an diesem Tag extra gekommen, um ihre Mutter persönlich zum Impfen zu begleiten.

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Doris Mack hat sich hübsch gemacht. Sie trägt eine rosa Bluse, glitzernden Schmuck, die Haare sind gemacht. Die Dame ist eher etwas schüchtern. Früher sei das anders gewesen, sagt ihre Tochter. Mit früher meint sie, vor der Corona-Erkrankung. Seither sei sie sehr geschwächt und nicht mehr die selbe. Zu Hause konnte sie nicht mehr bleiben. Der Umzug ins Seniorenheim war die Konsequenz.

Anja Martin, Pflegedienstleiterin im Zentrum für Betreuung und Pflege in Stockach, begleitet Doris Mack zum Impfen. Der Arzt Gerhard Metzger ist mit dem mobilen Impfteam des Kreisimpfzentrums (KIZ) Singen gekommen, um die 58 Bewohner der Einrichtung und 19 Mitarbeiter zu impfen – teilweise zum dritten Mal.
Anja Martin, Pflegedienstleiterin im Zentrum für Betreuung und Pflege in Stockach, begleitet Doris Mack zum Impfen. Der Arzt Gerhard Metzger ist mit dem mobilen Impfteam des Kreisimpfzentrums (KIZ) Singen gekommen, um die 58 Bewohner der Einrichtung und 19 Mitarbeiter zu impfen – teilweise zum dritten Mal. | Bild: Steinert, Kerstin

Auch wenn Doris Mack nicht unbedingt ein Fan von Spritzen ist, lässt sich nun impfen. „Ja, mit der Impfungen fühle ich mich sicherer“, sagt sie. Vielleicht gehe sie dann auch mehr wieder weg – eventuell etwas essen. „Vielleicht ein Eis essen?“, fragt Melanie Mack. „Oder ein Ei“, sagt ihre Mutter.

Richtig froh ist die Einrichtungsleiterin des Pflegeheims Angelika Jauch, dass viele der Bewohner eine Auffrischung bekommen. „Ich selbst habe mich mit Corona angesteckt. Ich musste sogar beamtet werden“, sagt sie. Ihrem sonnigen Gemüt ist aber nicht anzumerken, wie nahe sie dem Tod war. „Es war schon sehr kritisch. Auch jetzt noch kämpfe ich mit den Folgen. Long-Covid spüre ich deutlich“, erklärt sie.

Im Heim gab es auch Covid-19-Todesfälle

Jauch verdeutlicht, dass man Corona auf keinen Fall unterschätzen sollte. „Das Virus zu ignorieren ist gesellschaftlich nicht tragbar. Es ist unverantwortlich“, sagt sie. Es sei nicht wie eine Grippe. Die Sterblichkeitsrate sei höher. Zumindest nach ihrer Erfahrung. „Ja, natürlich gab es bei uns auch Bewohner, die wegen Corona gestorben sind“, sagt sie. Kurz verschwindet ihr sonniges Gemüt. Hat sie Angst vor dem Herbst und einer erneuten Infektionswelle? „Angst ist das falsche Wort. Ich habe eher Respekt“, erklärt Jauch. Deshalb sei es ihr auch wichtig, dass die Bewohner ihres Heims möglichst gut gewappnet seien.

Der frühere Boxer wird geimpft

Gesund bleiben möchte auch Francesco Musacchio. Er sitzt immer noch auf der Bank und wartet. Dabei kommt er ins Erzählen. „Ich war früher Boxer. Ich habe gegen Rene Weller gekämpft. In der zweiten Runde ist er k.o. gegangen“, sagt er, ballt die Fäuste und boxt in die Luft. Der Kampfgeist blitzt durch seine stahlblauen Augen, die selbst Terence Hill neidisch machen würden. Und dann hat das Warten endlich ein Ende. Er ist nun der nächste in der Reihe. Der Arzt wartet auf ihn mit der Spritze in der Hand.