Frau Krimmel, Sie sind die neue Leiterin des Amtes für Kinder, Jugend und Familie im Landkreis Konstanz. Sie sind Volljuristin und waren zuvor zwölf Jahre beim Jobcenter. Warum der Wechsel?

Bis zur Ausschreibung dieser Amtsleiterstelle fürs Jugendamt hatte ich überhaupt keine Ambitionen gehabt, mich beruflich zu verändern. Im Jobcenter hatte ich ein sehr abwechslungsreiches und schönes Aufgabengebiet. Ich habe mich dort wohlgefühlt. Aber die Amtsleiterstelle passt, finde ich, wirklich gut zu meinem bisherigen Werdegang. Vor dem Jobcenter war ich als Anwältin tätig – genauer gesagt als Familienrechtsanwältin. Ich habe schon immer im Bereich Familienrecht und Kinder zu tun gehabt. Daher habe ich mich jetzt noch mal ganz bewusst für diese neue Herausforderung entschieden. Die Ausschreibung kam für mich auch genau zum richtigen Zeitpunkt.

Warum das?

Ich habe drei Kinder. Die sind jetzt alle groß. Vor drei oder vier Jahren hätte ich das nicht machen können. Ich war alleinerziehend. Allein mit drei Kindern stemmt man so eine Stelle nicht.

Sie waren einmal Anwältin für Familienrecht. Reicht diese Qualifikation für die Leitung des Jugendamtes? Eigentlich würde man auf dieser Stelle einen Pädagogen erwarten.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Qualifikation für die Amtsleiterstelle ideal ist, weil man heute mehr denn je als Amtsleiterin mit rechtlichen Sachverhalten konfrontiert wird. Das fängt beim Datenschutz an, geht weiter über Akteneinsichtsgesuche und endet bei rechtlichen Vereinbarungen. Für die pädagogischen Aufgaben haben wir den Sozialen Dienst. Dieser ist für das Kindeswohl zuständig. Unsere Referatsleitung geht diesen Aufgaben schon sehr lange und sehr gut nach. Das sind Mitarbeiter, die an der Basis arbeiten. Diese Mitarbeiter brauchen die sozialpädagogische Ausbildung. Ich als Amtsleitung brauche andere Fähigkeiten.

Jugendämter haben manchmal einen schlechten Ruf. Der Vorwurf Amtsversagen taucht dann auf – wie nach dem tragischen Fall des dreijährigen Alessio aus Lenzkirch, der von seinem Stiefvater 2015 zu Tode geprügelt wurde.

Ich kenne den Fall Alessio nicht im Detail. Das war vor meiner Zeit im Jugendamt. Aber als Amtsleitung ist es meine Aufgabe, die Organisationsstrukturen so zu legen, dass die Mitarbeiter ihre Arbeit gut machen können. Jugendämter haben oft mit Personal- und Fachkräftemangel und gleichzeitig zu vielen Fällen zu kämpfen. Es ist weniger ein Problem der fachlichen Qualifikation, sondern eher eine organisatorische Frage.

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Der Soziale Dienst wirft einen Blick in die Familien. Doch es gibt eine hohe Fluktuation bei den Mitarbeitern des Sozialen Dienstes. Woran liegt das?

Das ist in der Tat ein Problem. Viele Jugendämter haben gerade einen großen Fachkräftemangel. Das ist leider auch ein bisschen ein Kreislauf. Denn je weniger Fachkräfte sie haben, je weniger Personal, desto höher ist die Belastung für den Einzelnen und desto schneller sagt dieser: Das ist mir zu viel, die Verantwortung ist mir zu groß. Die Kündigung ist oft die Folge. Und dann haben sie wieder zu wenig Personal. Damit beginnt der Kreislauf von vorne. Diesen Kreislauf müssen wir jetzt relativ schnell durchbrechen.

Haben Sie dafür schon eine Idee?

Schwierig. Fachkräfte zu kriegen, ist ein Problem. Wir kämpfen alle damit. Die Arbeit im Jugendamt ist wirklich eine tolle Arbeit, aber sie ist auch mit viel Verantwortung verbunden.

Wo gibt es weiteren Handlungsbedarf?

Der größte Handlungsbedarf ist die Umsetzung der SBG-VIII-Reform (Anmerk. d. Red.: Sozialgesetzbuch). Eine Reform der Kinder- und Jugendhilfe. Kinder, die eine Behinderung haben, werden bislang vom Sozialamt betreut. Diese Kinder sollen künftig vom Jugendamt betreut werden. Ziel sind Hilfen aus einer Hand. Das Jugendamt soll der Ansprechpartner für alle Familien sein. Das heißt auch: Wir werden eine deutliche Fallzahlsteigerung bekommen.

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Mehr Fälle, das heißt auch zusätzliche Arbeit für den Sozialen Dienst.

Ja, das wird bestimmt nicht ganz personalneutral ablaufen. Wir werden langfristig sicher mehr Personal benötigen. Und das vorhandene Personal braucht weitergehende Qualifikationen.

Hat sich die Corona-Pandemie auf die Anzahl der Inobhutnahmen ausgewirkt?

Nein, die Zahlen haben sich nicht gesteigert. Laut KVJS (Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg) gibt es eher einen Rückgang. Die Erklärung des KVJS ist, dass möglicherweise die pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen, Schul- und Kitaschließungen und Einschränkungen der Angebote der Jugendsozialarbeit dazu geführt haben, dass Bedarfe weniger oft erkannt wurden.

Heißt das: Das Jugendamt muss jetzt genauer hinschauen und eventuell Versäumnisse nachholen?

Ja, es gibt mehr Bedarfe nach Corona – vielleicht nicht unbedingt bei Inobhutnahmen. Wir sind gerade dabei, eine Post-Corona-Strategie zu entwickeln. Das heißt, zu schauen, was hat Corona mit den Kindern und Jugendlichen gemacht? Wo brauchen sie mehr Unterstützung? Wo müssen wir genauer hingucken? Brauchen wir mehr Schulsozialarbeiter? Die Medienkompetenz muss man auch im Auge behalten.

Inobhutnahme ist ja nicht die einzige Aufgabe des Jugendamtes. Es ist ja nicht nur „böse“, sondern hilft.

In der Bevölkerung ist der Gedanke vorherrschend: Wenn das Jugendamt kommt, nimmt es einem die Kinder weg. Das ist überhaupt nicht die Hauptaufgabe vom Jugendamt. Die ist, den Familien Unterstützungsleistungen zu geben. Und zwar so, dass sie gut klarkommen. Und da gibt es einen ganz bunten Strauß an vielfältigen Hilfen zur Erziehung, die wir anbieten. Es geht nicht darum, ein Kind aus seiner Familie zu reißen. Ganz im Gegenteil: Wir sind vielmehr daran interessiert, die Familien zu stärken.

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Das Jugendamt sucht oft Pflegefamilien. Welche Kriterien muss man erfüllen?

Ja, Pflegefamilien suchen wir immer. Rund 200 Kinder leben im Landkreis Konstanz in Pflegefamilien. Pflegeeltern müssen vor allem Herzlichkeit, Geduld und Einfühlungsvermögen mitbringen. Natürlich sollten sie auch körperlich und psychisch belastbar sein. Sie müssen wirtschaftlich abgesichert sein und Platz und Zeit für das Kind haben. Familien- und Lebensformen in jeglicher Konstellation sind willkommen: verheiratet, unverheiratet, Patchwork, gleichgeschlechtlich oder alleinstehend.