„Die seelischen Folgen sind nachhaltiger als die unfertige Fähigkeit in Bruchrechnen oder Grammatik“, fasst Udo Baer die Auswirkungen der Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche bei seinem Online-Vortrag der VHS zusammen.

Der fehlende Lehrstoff wegen geschlossener Schulen lasse sich nachholen, die Verunsicherung der Schüler sei das größere Problem, führt der Gesundheitswissenschaftler und Diplom-Pädagoge aus Berlin aus. Er veranschaulicht das an einer Reihe von Beispielen aus dem echten Leben

Selbst Churchill brauchte in der Jugend Hilfe

Dass besondere Situationen auch besondere Maßnahmen erfordern, erklärt Baer am Beispiel von Winston Churchill. Jener brauchte Pausen, um die auf ihn einströmenden Eindrücke verarbeiten zu können. Churchill habe während seiner Internatszeit die Schule schmeißen wollen.

Schließlich konnte er dem Direktor ein Zugeständnis abringen: „Er durfte während der Pause einmal ums Gelände laufen, was sonst nicht erlaubt war“, berichtet Baer. „Wahrscheinlich wäre Churchill sonst nicht Premierminister von Großbritannien geworden“, betont er.

Wenn das Ende des Fernunterrichts zur Qual wird

Ähnlich sind die Probleme des achtjährigen Tim. Seine Eltern unterstellten ihm, dass er Bauchschmerzen vor dem Schulbesuch nur vorschütze. „Tim ist ein sehr empfindsamer Mensch, der Eindrücke nicht so gut filtern kann“, erläutert Baer. Homeschooling helfe diesen Kindern, weil während des Unterrichts nicht auf einmal so viele Eindrücke auf sie einprasseln.

„Wenn sie wieder in die volle Klasse kommen, wird das für sie schlimm. Kinder müssen Rückzugsmöglichkeiten bekommen in Kindergärten und Schulen“, fordert er deshalb.

Angst, die Großeltern mit Corona anzustecken

Bei anderen habe die Pandemie Ängste ausgelöst. Wie beim zwölfjährigen Stefan, der „immer gut war, interessiert und neugierig. Er zieht sich plötzlich zurück, wirkt weggetreten“. Es stellt sich heraus, dass er seine Großeltern vermisst und Angst hat, sie mit Corona anzustecken.

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Diese Angst habe er seinen Eltern gegenüber jedoch nicht ausdrücken können. Über Ängste zu sprechen, sei für viele Erwachsene ein Tabu. Doch gerade Kinder bräuchten Vorbilder, die ihnen zeigen, dass man über seine Gefühle sprechen darf.

Der Druck auf die Jugend ist in der Pandemie gewachsen

Baer geht noch auf einen Punkt ein: Auf den Jugendlichen lag in der Corona-Pandemie viel Druck. Ingrid (14 Jahre) entwickelte Kopfschmerzen, wirkte depressiv, wurde jähzornig. Der Druck, den sie sonst über den Schulbesuch abbauen konnte, habe sich angestaut.

Die Mutter war im Homeoffice, der Vater hatte Kurzarbeit. „Der Kontakt mit den Freundinnen fehlte. Später wurde die Klasse geteilt, und die beste Freundin war im anderen Teil“, ergänzte er. Viele Veränderungen. Da sei es die Aufgabe der Eltern, zu helfen, den Druck sukzessive abzubauen. „Den Druck als Ganzes werden Sie nicht los, aber fangen Sie mit einer Sache an. Treffen Sie eine Vereinbarung, wonach die Noten zweitrangig sind“, empfiehlt der Fachmann.