Für die einen ist es Lebenselixier, für die anderen Teufelszeug: das Smartphone. Seine Verbreitung erfordert immer mehr Sende- und Empfangseinrichtungen. Mit der Einführung der Mobilfunktechnik der fünften Generation (5G) wird diese Zahl wohl erneut ansteigen. Gegner sehen dies kritisch. Sie haben jedoch einen schweren Stand. Denn: Sie fühlen ihre Bedenken nicht ernst genommen.

Wighard Strehlow aus Allensbach ist einer der Mobilfunkkritiker. Mehr als 10.000 Studien in der ganzen Welt belegten die gesundheitlichen Schäden, die die Mobilfunkstrahlung verursache, erklärt er. Der promovierte Chemiker arbeitete nach einem Forschungsjahr in den USA 13 Jahre lang in der pharmazeutischen Industrie.

Strehlow leitet in Allensbach das Hildegard-Zentrum und seit 1997 den Förderkreis Hildegard von Bingen. Das Hildegard-Zentrum arbeitet nach den Methoden der Heilkundlerin Hildegard von Bingen. Wighard Strehlow führt aus, dass die 5G-Strahlung das menschliche Gehirn durchdringe und eine „Blut-Hirn-Schranke“ öffne. Dadurch drängen Zellschrott abgestorbener Körperzellen, Schadstoffe und Gifte ins Gehirn ein und lösten Nervenentzündungen und Stress aus.

Umstrittene Meinung

Dass die Theorien Strehlows wissenschaftlich belegbar sind, dafür fehlt bislang allerdings jeder Nachweis. Bereits 2006 hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) aufgezeigt, dass Untersuchungen eines Arztes über Veränderungen des Blutbildes durch elektromagnetische Felder, insbesondere durch Mobilfunk, nicht den üblichen wissenschaftlichen Standards entsprächen.

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2009 veröffentlichte das Umweltbundesamt einen Bericht aus dem Deutschen Mobilfunk-Forschungsprogramm (DMF), das sich mit „einer möglichen Schwächung der Blut-Hirn-Schranke und der Schädigung von Nervenzellen“ befasst. „Aus den Ergebnissen des DMF ergeben sich insgesamt betrachtet keine Gründe, die bisherigen Schutzkonzepte und Grenzwerte in Zweifel zu ziehen.

Vorliegende Hinweise auf gesundheitsrelevante Effekte konnten nicht bestätigt, neue Hinweise nicht gefunden werden“, heißt es darin. Eine Einschränkung macht das DMF allerdings: Eine Aussage über Langzeit-Auswirkungen bei einer körpernahen und intensiven Nutzung von Smartphones könne es nicht treffen.

Strahlung so gering wie möglich halten

Die Allensbacher Diplom-Psychologin, Heilpraktikerin und Sprecherin im Arbeitskreis Elektrosmog des BUND Konstanz, Hanna Tlach sieht es als positiv an, dass der Ausbau des 5G-Netzes dazu führt, dass Mobilfunk-Betreiber hinsichtlich der Antennenstandorte miteinander kooperieren müssen. Darüber hinaus solle allerdings die Politik eine Zusammenlegung der Netze verlangen, damit Wettbewerb entstehe „bei Serviceleistungen und Preisen“, führt Tlach aus.

Das alleine reiche aber nicht aus. Die Mobilfunkstrahlung „sollte nach unabhängigen Studien bei den bisherigen und erst recht bei den wenig untersuchten 5G-Frequenzen so gering wie möglich gehalten werden“, so Tlach weiter. „Die Forderung nach vorsorglicher Strahlenminimierung ist übrigens auch auf der Website des Bundesamtes für Strahlenschutz zu finden – allerdings eher klein gedruckt“, erklärt sie.

Tlach kritisiert, dass die ausgelobten Grenzwerte weniger die Verbraucher als die Wirtschaft schützten. Mobilfunkversorgung sei vor allem im Freien wichtig, in Innenräumen gebe es per Festnetz genügend Datenmengen in Echtzeit. Das bewirke, dass die Sendeleistung verringert werden könne und so die Belastung geringer sei.

Diagnose-Funk fordert Risikobewertung

Das Ehepaar Birgit Schnack-Iorio und Francesco Iorio aus Hegne wiederum beruft sich auf Erkenntnisse von Diagnose-Funk. Der Verein mit Sitz in Stuttgart bezeichnet sich als Umwelt- und Verbraucherorganisation zum Schutz vor elektromagnetischer Strahlung. „Neue Technik muss nachweisbar zu weniger Elektrosmog führen“, sagen sie.

Darüber hinaus möchte Diagnose-Funk eine Technikfolgenabschätzung (TA) zur Pflicht machen. Eine TA befasst sich mit den Risiken und Chancen der technischen Entwicklungen für die Gesellschaft. „Sie muss durch eine industrie- und regierungsunabhängige Kommission unter Beteiligung bürgerschaftlicher Interessenverbände erfolgen“, heißt es von dem Verein. Und weiter: „Ohne wissenschaftliche Bewertung der Wirkungen der 5G-Frequenzen auf Mensch, Tier und Natur darf 5G nicht eingeführt werden.“

Projekte könnten sich erheblich verzögern

Die berechtigt klingende Forderung müsste dann auf alle Lebensbereiche ausgedehnt werden, allerdings mit nicht unerheblichen Folgen. Neue Ideen, Projekte und Technologien könnten so möglicherweise nur nach jahrelangen, wenn nicht gar jahrzehntelangen Verzögerungen eingeführt werden.

Naheliegender erscheint da der Wunsch nach „Erhalt und Schaffung von funkfreien Gebieten für elektrohypersensible Menschen“. Menschen also, die besonders stark auf elektronische Strahlung reagieren. Diagnose-Funk fordert nicht nur, die negative Wirkung von Mobilfunkstrahlung auf den Körper zu erforschen.

Umweltschutz als weitere Pflicht

Umweltschutz sei ebenfalls Pflicht. „Die Kommune muss über den Netzausbau ein Gutachten zum ökologischen Fußabdruck vorlegen“, so die weitere Forderung. Eine aus dessen Sicht nicht unerhebliche Vorgabe etwa für die Stadt Konstanz, die im Mai 2019 den Klimanotstand ausgerufen hat.

Außerdem möchte die Verbraucherorganisation das Grundrecht, analog und ohne digitale Überwachung leben zu können. „Die Datenerfassung darf nur mit ausdrücklicher Zustimmung jedes Bürgers erfolgen. Von Jugendlichen unter 16 Jahren dürfen keine Daten erfasst werden“, heißt es. Mit Einführung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist diesem Wunsch zumindest teilweise Rechnung getragen worden. Aber wer mit offenen Sinnen durch das Internet surft, stößt auf Seiten, die sich als Datensammler herausstellen.