Als das Telefon klingelt, ist Rouven Becker schon seit fünf Tagen in freiwilliger Quarantäne. Am anderen Ende der Leitung erkundigt sich eine freundliche Stimme nach Beckers Befinden. Die Stimme gehört zu einem von 90 Mitarbeitern im Gesundheitsamt des Landkreises Konstanz. Sie kümmern sich in der Corona-Pandemie von Gottmadingen aus um die Nachverfolgung von Menschen, die Kontakt zu einer mit Sars-CoV-2 infizierten Person hatten.

Freiwillig in Quarantäne

Rouven Becker hatte solch einen Kontakt. Er absolviert gerade eine Ausbildung zum technischen Zeichner und kommt in seinem Kurs mit 15 Personen zusammen. Als er erfuhr, dass ein Mitschüler und zwei Ausbilder positiv auf das Coronavirus getestet wurden, zog er sofort die Reißleine und ging nach Hause in die selbstgewählte Quarantäne.

„Durch einen angeborenen Herzfehler bin ich vorbelastet“, erzählt Rouven Becker. Er kennt seinen Körper. Zu Hause beobachtete er sich nun noch genauer auf Corona-Symptome. Zwischen seinem freiwilligen Rückzug und dem Anruf aus dem Gesundheitsamt lagen fünf Tage, weil ein Wochenende dazwischen lag.

„Da sitzen die richtigen Leute“

Das nun folgende Interview des Containment Scouts, also des Kontaktermittlers, hat Rouven Becker als ausgesprochen freundlich in Erinnerung. „Ich wurde nach meiner Situation vor Ort befragt, ob ich versorgt werde, ob ich die Abstandsregeln eingehalten und eine Maske getragen habe, ob im Unterrichtsraum gelüftet wurde“, erzählt Becker. „Dann wurde das weitere Vorgehen besprochen. Ich bekam die Corona-Verordnung zugeschickt und wurde aufgefordert, ein Gesundheitstagebuch zu führen. Dazu gehörte zweimal täglich Temperatur messen.“

Becker wurde aufgefordert, sich beim Hausarzt zu melden, sobald er Symptome bemerke. Dann wurde das Ende der Quarantäne festgelegt. „Für mich war es ein sehr nettes, einfühlsames Gespräch“, schildert Rouven Becker. „Da sitzen die richtigen Leute an der richtigen Stelle.“ Er ist froh, dass er bis zum Ende seiner Quarantäne keine Covid-19-Symptome hatte.

Alles sind hoch motiviert

Ein Besuch im Gottmadinger Kontakt-Nachverfolgungszentrum bestätigt diese Einschätzung. Alle Mitarbeiter, mit denen die Besucher kurz sprechen können, sind hoch motiviert und loben den Teamgeist. Dabei ist die Arbeit zum Teil durchaus herausfordernd. „Wir sind ja kein Call-Center“, sagt der Leiter des Zentrums, Paul Glassner. „Wenn wir anrufen, überbringen wir den Menschen eine Hiobsbotschaft, die sie erstmal verdauen müssen.“

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Viele reagierten sehr gefasst und verständnisvoll. Manche hätten zum Teil sogar schon ein Kontakttagebuch vorbereitet. Es gebe aber auch Menschen, die sich große Sorgen machten und sehr viele Fragen hätten. So ein Gespräch könne schon mal schnell eine Stunde oder länger dauern, weiß Glassner.

Gut auf zweite Welle vorbereitet

Das Gesundheitsamt hat die Phase der Entspannung in der Pandemie im Sommer genutzt, um sich auf die zweite Welle vorzubereiten. Abläufe wurden genau durchgeplant. Im Juni startete das Zentrum mit 19 Mitarbeitern. Durch das explosive Infektionsgeschehen musste die Kapazität ständig erweitert werden.

Claudia Andreoli gehört zu den zehn Zoll-Beamten, die zurzeit bei der Kontaktnachverfolgung helfen.
Claudia Andreoli gehört zu den zehn Zoll-Beamten, die zurzeit bei der Kontaktnachverfolgung helfen. | Bild: Sabine Tesche

Mittlerweile wurden 90 Arbeitsplätze geschaffen. Unterstützung kommt aus anderen Behörden und Abteilungen des Landratsamtes Konstanz. Seit 11. November sind auch zehn Zollbeamte an Bord. Sozialarbeiter, Vermessungstechniker, Mitarbeiter der Straßenmeisterei und auch ein Tierarzt haben sich freiwillig für die Kontaktnachverfolgung zur Verfügung gestellt.

Psychologin steht zur Verfügung

Anja Zeiher arbeitet gewöhnlich im Amt für Innovation und Digitalisierung im Landratsamt. Seit Juli unterstützt sie das Gesundheitsamt. Sie kann helfen, wenn es technische Probleme gibt.

Anja Zeiher arbeitet normalerweise im Amt für Innovation und Digitalisierung. Nun hilft sie freiwillig bei der Kontaktnachverfolgung.
Anja Zeiher arbeitet normalerweise im Amt für Innovation und Digitalisierung. Nun hilft sie freiwillig bei der Kontaktnachverfolgung. | Bild: Sabine Tesche

Ihre Hauptarbeit ist aber, Menschen darüber zu informieren, dass sie Kontakt mit einem Corona-Infizierten hatten und in Quarantäne müssen. Auch wenn sie die Überbringerin schlechter Nachrichten ist, macht ihr die Arbeit Spaß. Das liegt an den Kollegen: „Das ist hier ein ganz tolles Team. Der Zusammenhalt ist groß.“

Teams für bestimmte Bereiche wurden gebildet. So sind die Zuständigkeiten klar gegliedert und Ansprechpartner zum Beispiel für Pflegeheime, Schulen oder die privaten Kontakte definiert. Ines Rudolf ist im Haus die Verwaltungschefin. Sie lobt die hohe Motivation der Beschäftigten, obwohl oft am Limit gearbeitet werde. Manchmal gebe es auch schwierige Telefonate. Selten wollten die Betroffenen sich den Anordnungen nicht fügen. Für die Mitarbeiter steht eine Betriebspsychologin zur Verfügung, sollte die Belastung zu groß werden.

Bis Mitte Dezember 3956 Fälle

„Wir sind froh über die Räume in Gottmadingen„, sagt der Sozialdezernet Stefan Basel. „Mittlerweile sind wir über vier Stockwerke verteilt.“ Der Vorteil sei, dass alle Ansprechpartner vor Ort sind: Ärzte, medizinisches Personal, Verwaltung, Nachverfolger. „Bisher kommen wir mit der Nachverfolgung gut hinterher“, sagt Ines Rudolf stolz. „Im Moment schaffen wir es noch, die Sieben-Tage-Inzidenz von über 100 Personen täglich abzuarbeiten.“

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Bis Mitte Dezember hatte das Zentrum in Gottmadingen 3956 Corona-Fälle aus dem Landkreis zu bearbeiten. 11.259 K1-Kontakte wurden in Quarantäne geschickt. K1 steht für Kategorie eins. Das heißt, dass diese Person eine halbe Stunde oder länger mit einer infizierten Person zusammen war. Diese Menschen bekommen Anordnungen und müssen zu Hause bleiben. Das ist nicht zu verwechseln mit der Isolation, die dann erforderlich wird, wenn eine Infektion nachgewiesen ist. Darüber wird auch die Ortspolizeibehörde informiert. „Mit den Kontaktpersonen der Kategorie 2 wird auch gesprochen“, ergänzt Paul Glassner.

Feiertage mit kleinerer Besetzung

Für die bevorstehenden Feiertage hat Paul Glassner einen abgespeckten Dienstplan mit kleinerer Mannschaft aufgestellt. Am 24. und 27. Dezember wird nicht gearbeitet. Am 1. und 3. Januar haben ebenfalls alle Mitarbeiter frei. An den übrigen Tagen ab dem 25. Dezember wird von 10 bis 17 Uhr gearbeitet. 25 bis 30 Mitarbeiter werden in der Zeit weiter Kontakte nachverfolgen.