„Die Fallzahlen sind hoch, alle sind im Moment in Hab-Acht-Stellung“, sagt Sozialdezernent Stefan Basel in der künftig wieder wöchentlich stattfindenden Corona-Konferenz des Landratsamts. Die Sieben-Tages-Inzidenz liegt im Kreis Konstanz bei 342,3, die Zahl der aktuell mit Covid-19 Infizierten bei 1586 (Stand: 23. November). Das sind deutlich höhere Zahlen als man sie aus den vorherigen Wellen gewöhnt ist, doch im Vergleich zu anderen Regionen steht der Kreis Konstanz noch gut da. Vermutlich liege das an einer hohen „Dunkelziffer“ an Geimpften, sagt Stefan Basel.

Wie ist die Lage aktuell an den Kliniken?

In Konstanz sei die Lage angespannt, berichtet Marcus Schuchmann, Ärztlicher Direktor. „Wir sind im Krisenmodus und versuchen, die Versorgung aller Patienten aufrechtzuerhalten.“ Er hoffe, dass die Klinik nicht bald in den Notfallmodus wechseln müsse. Im Moment würden alle verschiebbaren Eingriffe verschoben. Derzeit werden acht Covid-19-Patienten stationär behandelt, es gebe zwei Verdachtsfälle. Die Patienten seien zwischen 19 und 90 Jahre alt, die große Mehrheit ungeimpft.

So ist die Lage am Hegau-Bodensee-Klinikum

Auch Frank Hinder, Ärztlicher Direktor am Hegau-Bodensee-Klinikum, blickt mit Sorge auf die Entwicklung. „Im Moment bekommen wir das gut kompensiert, wir rechnen aber mit deutlich mehr Patienten“, sagt er. 22 Patienten seien in Radolfzell und Singen in Isolation, sechs Patienten in Singen auf der Intensivstation, ein Patient mit Verdacht auf Covid-19. Auf der Normalstation liegen drei Patienten, bei zwei weiteren bestehe Verdacht. In Radolfzell sind aktuell sieben Covid-19-Patienten zur Behandlung aufgenommen. „Hier haben wir eine 14-Betten-Station eingerichtet, um vorbereitet zu sein“, sagt Hinder. Um schlimmere Zustände in den Krankenhäusern zu verhindern, ruft er dazu auf, die Impfanstrengungen zu verstärken und Kontakte möglichst zurückzufahren.

Intensivmedizinische Apparate – essenziell in der Behandlung von Covid-19.
Intensivmedizinische Apparate – essenziell in der Behandlung von Covid-19. | Bild: Andrea Jagode

Wie werden die Patienten behandelt?

Bei den Medikamenten, die zur Behandlung der Covid-Patienten eingesetzt werden, habe es Verbesserungen gegeben, erläutert Marcus Schuchmann auf Nachfrage. Allerdings gebe es weiterhin nur wenige zugelassene Medikamente, die Ärzte müssen bei nicht-zugelassenen Medikamenten einen „Heilversuch“ anmelden. So gebe es zum Beispiel ein Medikament, das die Weiterverbreitung des Virus im Körper verhindern soll. „Der Einsatz ist möglich, wenn der Patient dafür geeignet ist“, sagt Schuchmann. Formal zugelassen sei noch nichts. Darüber hinaus behandele man nach wie vor symptomatisch, gebe Cortison gegen die Entzündung und Sauerstoff, um der Lunge das Atmen zu erleichtern.

Wo kann man sich künftig impfen lassen?

Beim Impfen wird es Änderungen geben. In Absprache mit der Landesregierung sollen künftig in den Kreisstädten feste stationäre Impfstützpunkte entstehen, sie sollen die mobilen Impfaktionen ergänzen. Im Kreis Konstanz soll es sie in Konstanz im Bürgersaal, in Singen in Bahnhofsnähe, im Radolfzeller Milchwerk und in Stockach geben, erläutert Stefan Basel. Ziel sei es, an möglichst vielen Wochentagen Impfungen anbieten zu können. Das größte Problem dürfte es sein, das notwendige medizinisch ausgebildete Personal zu finden, also Ärzte und Arzthelfer. Auch pensionierte Ärzte seien aufgerufen, sich zu melden. „Es werden sehr viele Impfungen sein“, sagt Basel, da erwartet wird, dass all jene, die sich im Sommer impfen ließen, in den kommenden Wochen zur Auffrischungsimpfung kommen werden. Ziel sei es auch, lange Warteschlangen im Freien zu vermeiden, die Menschen sollen sich mit einem einfachen System anmelden können.

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Was halten die Klinikärzte von einer Impfpflicht beim Gesundheitspersonal?

„Eine Impfpflicht in Gesundheitseinrichtungen unterstütze ich voll“, sagt Marcus Schuchmann. Eine größere Zahl an Kündigungen deswegen halte er für unwahrscheinlich, das zeigten die Erfahrungen aus anderen Ländern. Bei einer allgemeinen Impfpflicht sei er zurückhaltender, wolle sie aber nicht ausschließen. Frank Hinder sieht es ähnlich und ergänzt: Das ist ein klares Plädoyer für eine Impfpflicht.

Reichen die jetzigen Maßnahmen aus Sicht der Mediziner, um einen Lockdown zu verhindern?

Die Ärztlichen Direktoren können nur Vermutungen äußern. „Das Boostern reduziert die Gefahr, das Virus weiterzutragen, sehr rasch. Das könnte auch in der vierten Welle noch wirken“, sagt Schuchmann. Er glaube aber auch, dass es zu deutlichen Kontaktreduzierungen kommen müsse. „Wenn das Gesundheitssystem ständig überlastet wird, gibt es nur zwei politische Auswege“, ergänzt Frank Hinder: eine allgemeine Impfpflicht oder einen weiteren Lockdown. Sozialdezernent Stefan Basel sieht die Bemühungen der Landesregierung, im Moment sehr rasch nachzusteuern. Er appelliert aber an die Eigenverantwortung der Menschen, sich impfen zu lassen und Kontakte zu reduzieren. Aktuell habe das Land die Alarmstufe 2 ausgerufen, die Landkreise würden gut informiert. „Wenn die Intensivstationen überlastet sind, wird ein Lockdown unvermeidbar sein.“