An der Kindlebildstraße am Bahnhof Reichenau wächst ein Stück Kulturgeschichte: Die Allee aus italienischen Pyramidenpappeln, die an die berühmte Baumreihe auf dem Damm zur Insel anschließt. Hier stellt das Grün entlang der Straße wieder her, was der Straßenbau zerstört hatte. An anderen Stellen schafft es Ausgleich für Zubetoniertes oder Futter für Bienen, manchmal unterstreicht es die Straßenführung oder bindet den Staub. Nur eins darf das Grün an der Straße nicht: den Verkehr behindern. „Der Baum ist per se ein Hindernis“, sagt Daniel Schrodin, Leiter des Straßenverkehrsamts des Landkreises Konstanz.

Das gilt vor allem für Pyramidenpappeln. Diese zählen zu den bei Stürmen weniger standfesten Bäumen. Um Bruchholz zu vermeiden, müssen sie stärker als viele andere Bäume kontrolliert und beschnitten werden. Würde es hier nicht darum gehen, die historische Allee wieder herzustellen, keiner dürfte entlang der Straße italienische Pyramidenpappeln setzen. Das Bundes-Naturschutzgesetz schreibe „gebietsheimische Gehölze“ vor, sagt Michael Eberhardt, Landschaftspfleger beim Büro Eberhard für Entwicklungs- und Freiraumplanung. Dieses hat für Projekte der Neubauleitung Singen des Regierungspräsidiums Freiburg schon vielfach Grünplanungen übernommen.

Der Raum Konstanz falle in die Kategorie Alpenvorland, sagt der Landschaftspfleger. Zu den typischen Pflanzen dort zähle etwa die Stieleiche. Für die Wahl der Art spielten freilich immer auch die konkreten Bedingungen an einem Standort eine Rolle. Eschen würden grundsätzlich nicht mehr gepflanzt, weil sie massenweise von einem Pilz befallen werden, der zum Absterben der Triebe führt. Auch Ulmen seien wegen eines Pilzes in besonderer Gefahr und würden auch nicht mehr gesetzt. Der Heimat-Paragraf im Naturschutzgesetz solle verhindern, dass fremde Arten einheimische Ökosysteme gefährden, sagt Michael Eberhardt.

Im Graben an der Brücke über die B 33-neu auf der Höhe Reichenau wachsen Pyramidenpappeln heran. Die Stangen bieten Raubvögeln Sitzplätze an.
Im Graben an der Brücke über die B 33-neu auf der Höhe Reichenau wachsen Pyramidenpappeln heran. Die Stangen bieten Raubvögeln Sitzplätze an. | Bild: Rindt, Claudia

Wie nahe Bäume überhaupt an Straßen stehen dürfen, hinge davon ab, welches Tempo dort erlaubt sei, und ob es beispielsweise Leitplanken oder einen Damm gebe, der die Fahrbahn von der Anpflanzung trennt. Die Bauart moderner Fahrbahnen sichert einen gewissen Abstand zum Grün: Bankett und Entwässerungssystem gehörten auch zur Straße, sagt Daniel Schrodin vom Straßenbauamt des Landkreises. Außerorts müsse der Abstand zwischen Asphaltkante und Baum bei mindestens 7,50 Metern liegen.

Tempolimit spielt auch eine Rolle

An der Kindlebildstraße am Bahnhof Reichenau dürfen auch in 2,50 Meter Entfernung Bäume stehen. Das sei erlaubt worden, weil an dieser Stelle die Autos maximal Tempo 50 fahren dürfen, sagt Michael Eberhardt. Ein Teil der neu angepflanzten Pyramiden-Pappeln wird zur mächtigen Allee heranwachsen und dennoch keine Gefahr für die Autofahrer darstellen. Denn die Bäume stehen am Graben der Brücke, die über die B 33-neu führt. Die Bäume werden so hoch wachsen, dass sie weit über das Bauwerk hinausragen, und dann doch einen Sicherheitsabstand zu den Fahrbahnen haben.

Vor den Jungpflanzen sind Stangen in den Boden gerammt, auf denen sich Greifvögel niederlassen können. Dies sei weniger ein Service für die Tiere als ein Schutz für die Jungbäume, sagt Michael Eberhardt. Schwere Tiere wie Mäusebussarde würden ansonsten die dünnen Stängel der Jungpflanzen knicken.

Straßen durchschneiden Wälder

Was geschieht dort, wo der Wald wild bis an eine der alten Straßen wächst? Der Landkreis Konstanz sei geprägt von eher kleineren Waldflächen, die durchschnitten sind von öffentlichen Verbindungsstraßen, sagt Bernhard Hake, der Leiter des Kreisforstamts. Der Forst bemühe sich um die Entwicklung eines gestuften Waldrands. Das heißt: Die größeren Bäume stehen erst in zweiter Reihe, also abgerückt von den Fahrbahnen.

Zudem versuche der Forst, den Laubholzanteil zu erhöhen und so auch die Artenvielfalt. Nadelbäume seien gerade an der Straße ungünstig. Sie reagierten besonders empfindlich auf Streusalz, sagt Bernhard Hake. Welche Baumart gefördert werde, das komme immer auch auf die Struktur des umgebenden Waldes an: „Den Wunderbaum gibt es nicht.“ Jedes Jahr werde bei Begehungen jeder Baum an einer Straße auf Schwächen und Schäden geprüft, und zwar zu einer Zeit, wenn er Laub trägt und zu einer ohne Laubkleid.

Ständige Kontrollen, das gehört auch zum Alltag des Straßenbauamts im Landkreis, zuständig für die Grünpflege an 340 Kilometern Kreisstraße, 230 Kilometern Landstraße, 140 Kilometern Bundesstraße und 150 Kilometern Radwege. 62 der 73 Personen im Straßenbauamt sind für solche Aufgaben auf Tour. Sie arbeiten in der Straßenmeisterei. Auch sie sind zur Baumschau unterwegs zu Zeiten, in denen Bäume das Laub tragen und zu denen sie das Laub abgeworfen haben.

Ausgleichspflanzungen für die CO2-Bilanz

Bei Nachpflanzungen spiele die Frage wie viel Kohlendioxid ein Baum aufnehmen und in Sauerstoff verwandeln kann, keine Rolle, sagt Straßenverkehrsamtsleiter Daniel Schrodin. Auf 2,3 Hektar Fläche im Landkreis aber werde entsprechend einem Sonderprogramm zur Stärkung der ökologischen Vielfalt Saatgut für besondere Blütenmischungen ausgebracht. Damit diese Flächen nicht zu viele Nährstoffe abbekommen, werde das Mähgut aufwendig abtransportiert und nicht einfach liegen gelassen. An anderen Stellen dürfe es vor Ort verrotten.

Über dem Straßendamm an der Westtangente in Konstanz dürfen sogar Obstbäume wachsen. Sie sind weit genug abgerückt von den Fahrbahnen. Das Fallobst kann den Verkehr nicht behindern. Auf den Magerböden des Damms wachsen bald Blumen.
Über dem Straßendamm an der Westtangente in Konstanz dürfen sogar Obstbäume wachsen. Sie sind weit genug abgerückt von den Fahrbahnen. Das Fallobst kann den Verkehr nicht behindern. Auf den Magerböden des Damms wachsen bald Blumen. | Bild: Rindt, Claudia

Vor dem Mähen übernehmen die Einsatzkräfte der Straßenmeisterei eine wahre Sisyphosaufgabe: Sie klaubten mit der Hand den Müll auf. Früher habe man ihn abgesaugt, doch mit ihm auch Insekten. Deshalb sei nun die Handarbeit üblich. An den Straßenrändern des Landkreises sammelten die Teams im Jahr 120 bis 140 Tonnen Müll auf, sagt Daniel Schrodin.

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