Das Dilemma ist für jeden klar erkennbar: Die Zahl der Covid-19-Infektionen steigt rasch, im Landkreis liegt die Sieben-Tages-Inzidenz am Dienstag bei 172. Gleichzeitig ist die Bevölkerung der Maßnahmen müde und immer weniger bereit, sich an alle oder gar weitergehende Einschränkungen zu halten.

„Bei uns ist Alarmstimmung!“

„Bei uns im Landratsamt ist Alarmstimmung“, beschreibt Landrat Zeno Danner die Lage in der wöchentlichen Corona-Konferenz, „die sich allerdings ganz offensichtlich nicht nach außen überträgt“. Aktuell gibt es nur zwei Strategien, die das Landratsamt anwenden kann, um die dritte Welle zu brechen: Impfen und Testen. Während ersteres begehrt ist, aber noch nicht flächendeckend möglich, soll das Testen, wenn es nach dem Landrat geht, möglichst noch besser angenommen werden. Ein drittes Mittel wird in den nächsten Tagen voraussichtlich kaum verhindert werden können: Bleibt die Inzidenz über dem Wert von 150, droht eine Ausgangssperre.

Die Lage an den Krankenhäusern

„Hier ist die Lage sehr angespannt“, sagt Frank Hinder, Ärztlicher Direktor des Hegau-Bodensee-Klinikums Singen. Am Radolfzeller Krankenhaus habe man inzwischen drei Stationen für Corona-Patienten aufgemacht, in Singen zwei plus die Intensivstation. 35 Patienten seien im Moment in Isolation. Hinzu komme, dass die Kliniken überhaupt voll seien – mit Patienten, die andere Erkrankungen hätten und sich lang zurückgehalten hätten, nun aber wirklich die Behandlung nicht mehr hinausschieben könnten. Marcus Schuchmann, Ärztlicher Direktor am Klinikum Konstanz, bestätigt, dass der Druck auf das Klinikpersonal zunehme. Im Moment befänden sich 19 Patienten im Covid-Bereich, drei seien auf der Intensivstation, einer davon invasiv beatmet. „Wir haben Betten der Schmerzklinik umgewidmet, das bleibt nicht ohne Verluste für die Schmerzpatienten“, sagt Schuchmann.

Was man übers Impfen bei Hausärzten wissen sollte

Petra Zantl aus dem Vorstand der Ärzteschaft im Kreis Konstanz bilanziert die erste Woche, in der die Hausärzte an der Impfkampagne mitgewirkt haben. „Das Impfen ist aufwendig, aber es läuft erfolgreich“, sagt sie. Allerdings warnt sie vor falschen Schlussfolgerungen, die manche Impfwilligen nun zögen. „Viele Menschen wollen sich jetzt lieber beim Hausarzt impfen lassen“, manche sagten sogar einen Termin im Impfzentrum ab. Das sei überhaupt nicht sinnvoll.

Impfen dauert: Hausarzt Christian Zeleny zieht eine Impfdosis auf. Es soll nun schneller vorwärts gehen.
Impfen dauert: Hausarzt Christian Zeleny zieht eine Impfdosis auf. Es soll nun schneller vorwärts gehen. | Bild: Claudia Wagner

Appell: den ersten möglichen Impftermin zusagen

„Wir brauchen dringend alle Schienen dieser Impfkampagne“, sagt Zantl. Jeder möge, sofern es zumutbar sei, den ersten Termin nutzen, der ihm angeboten werde. Im Kreisimpfzentrum werde weiterhin mit großer Kapazität geimpft, ergänzt Danner. Ziel seien 800 Impfungen pro Tag. Im Moment sind noch Astrazeneca-Termine für den heutigen Mittwoch und Donnerstag frei.

Drei Testtage sollen mehr Klarheit bringen

Neben dem Impfen, auf das große Teile der Bevölkerung warten, setzt das Landratsamt in der aktuellen Situation auf umfangreiches Testen. In der kommenden Woche sind kreisweit drei Testtage geplant, die vom 23. bis 25. April stattfinden sollen. Ziel der Testtage sei es, die Dunkelziffer an Corona-Infektionen herauszufiltern, erläutert Martin Staab, Oberbürgermeister von Radolfzell, der die Initiative federführend vorbereitet hat. In der Regel sei etwa ein Prozent der Tests, die ohne konkreten Anlass gemacht würden, positiv. Dabei sei klar: durch das umfangreiche Testen werde zu diesem Zeitpunkt der Inzidenzwert zunächst steigen, ergänzt Zeno Danner: „Das ist aber die einzige Möglichkeit, Infektionsketten zu unterbrechen und mittelfristig die dritte Welle zu brechen.“

23. bis 25. April: möglichst alle lassen sich testen

Der erste Testtag, Freitag, 23. April, richte sich an Unternehmen, Schulen und Kindertagesstätten, sagt Staab. Die Unternehmen sind vom Landrat, von der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer gemeinsam angeschrieben worden. Viele hätten bereits zugesagt, mitzumachen. Es gebe sogar bereits Kindergärten, die in Radolfzell mit Testen begonnen hätten. „Allerdings ist nicht zu erwarten, dass bei diesen ersten Testtagen viele Kitas mitmachen“, räumt Staab ein, da dies eine längere Vorbereitungszeit brauche. Schließlich müssten die Eltern jedes Kindes ihr Einverständnis erklären. Am Samstag und Sonntag ist dann die breite Bevölkerung aufgerufen, sich in den jeweiligen gemeindeeigenen Zentren testen zu lassen. Dazu müsse man einen Termin auf den Internetseiten der Testzentren vereinbaren. Ziel sei es, dass ein Drittel der Landkreisbevölkerung an diesem Wochenende getestet werde.

Wann kommt die Ausgangssperre?

Auch die Ausgangsbeschränkungen sind nun, da der Inzidenzwert die Marke von 150 überschritten hat, wieder ein Thema. Es entspreche der Erlasslage des Sozialministeriums, dass ein Landkreis, dessen Inzidenzwert für längere Zeit über 150 steige, mit Ausgangsbeschränkungen reagieren müsse, erläutert Danner. „Es ist eine heikle Maßnahme“, äußert Zeno Danner nochmals seine Bedenken, die sich vor allem auf die schwindende Akzeptanz in der Bevölkerung beziehen.

Vorbereitungen für die Maßnahme

„Aber wir bereiten die Maßnahme im Moment vor“, sagt Danner. Im Moment gebe es nicht mehr viele weitere Maßnahmen, die man noch ergreifen könne. Sollte die Ausgangssperre in Kraft treten, wird sie von 21 Uhr abends bis 5 Uhr morgens gelten. Laut Bundesverordnung, die gestern beschlossen wurde, soll sie bereits in Kraft treten, wenn der Inzidenzwert drei Tage lang die Marke 100 überschreitet.