Jetzt ist es möglich: Für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren ist der Impfstoff von Biontech/Pfizer durch die EMA zugelassen. Eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission für alle Jugendlichen dieser Altersgrupppe steht noch aus – und sie wird es vermutlich so bald nicht geben. Warum nicht? Und was halten ein Kinderarzt, Eltern und eine Schulleiterin davon, Kinder gegen Covid-19 impfen zu lassen?

Kinderärzte bleiben zurückhaltend

Andreas Trotter, Chefarzt der Kinderklinik am Hegau-Bodensee-Klinikum Singen, bleibt abwartend. „In pädiatrischen Fachkreisen hat man Bedenken, was die Sicherheit des Impfstoffs angeht“, sagt er. Wie bei allen zugelassenen Impfstoffen gibt es eine Studie, an der in diesem Fall 1200 Kinder teilnahmen. Alle haben den Impfstoff gut vertragen.

Ein 15-Jähriger wird in einer Arztpraxis in Nordrhein-Westfalen mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft. Unumstritten ist das Impfen der sehr Jungen nicht. Bild: dpa
Ein 15-Jähriger wird in einer Arztpraxis in Nordrhein-Westfalen mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft. Unumstritten ist das Impfen der sehr Jungen nicht. Bild: dpa | Bild: Wagner, Claudia

An der Studie nahmen 1200 Kinder teil

„1200 Kinder, das ist keine große Zahl“, sagt Trotter. Auch bei Astrazeneca habe man erst nach etwa 100.000 Impfungen festgestellt, dass Hirnvenenthrombosen auftreten können. Für alle Covid-19-Impfstoffe gilt: Die Erfahrungen damit sind äußerst gering. Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGPI) schreibt: „Die Stiko wird die Grundlagen für eine Impfempfehlung sorgfältig und kritisch bewerten. Die meisten gesunden Kinder erkranken nicht schwer nach einer SARS-CoV2-Infektion. Mit einer allgemeinen Impfempfehlung zur Erfüllung des Impfziels Eigenschutz des Kindes ist ohne ausreichende Evidenz nicht zu rechnen.“

Bei Angehörigen einer Risikogruppe: bitte impfen!

Trotter empfiehlt Eltern deswegen, sich auf den Rat des Kinderarztes zu verlassen. Wenn ein Jugendlicher oder eine Jugendliche einer Risikogruppe angehöre oder vorerkrankt sei, dann solle man ihn oder sie impfen lassen. Denn dann bestehe für dieses Kind oder Jugendlichen ein erhöhtes Risiko durch eine Corona-Infektion. „Alle Kinder ab 12 Jahren impfen zu lassen, dazu besteht keine Notwendigkeit“, sagt Trotter.

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Bei welchen Vorerkrankungen sollte man impfen?

Genau festlegen will sich Trotter nicht. „Bei Trisomie 21 ist es ratsam, ein Kind zu impfen oder auch bei einer schweren Immunsuppression etwa bei der Behandlung einer Krebserkrankung“, sagt er. Darüber hinaus sollten sich Eltern mit dem Kinderarzt absprechen.

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Wie stehen Eltern zur Impfung der Kinder?

Bei Eltern von Kindern im Jugendalter besteht durchaus eine gewisse Bereitschaft, sie impfen zu lassen. Erika Landthaler aus Konstanz-Dettingen hat einen 14-jährigen Sohn und eine elfjährige Tochter. „Ich habe mit meinem Sohn gesprochen, er soll es selbst entscheiden. Er möchte sich aber auf jeden Fall impfen lassen und sagt, dass er seine Freiheit zurückhaben möchte“, sagt Landthaler. Weder sie noch jemand aus ihrer Familie habe jemals schlechte Erfahrungen mit dem Impfen gemacht – auch wenn sie durch die Waldorfschule ihrer Kinder viele Impfskeptiker kenne.

Alle Familienmitglieder sind grippeschutz-geimpft

Landthaler glaubt auch, dass es sinnvoll war, sich und die Kinder gegen Grippe zu impfen. „Vielleicht haben wir uns auch deshalb nicht mit Corona angesteckt – und, weil die Kinder viel draußen sind und ein gutes Immunsystem haben.“

Lata Schauenburg aus Radolfzell hat noch Zeit, abzuwarten: „Mein Sohn ist erst elf, also müssen wir im Moment nichts entscheiden“, sagt sie. Ganz überzeugt ist sie aber nicht. „Da es derzeit keine Empfehlung der Stiko gibt, würde ich abwarten. Ich habe das Vertrauen, dass die Stiko die Impfstoffe nur dann empfiehlt, wenn sie wirklich sicher sind.“ Sie selbst und ihr Mann sind inzwischen gegen Corona geimpft – als gesundheitlichen Schutz für alle.

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Forderungen nach Reaktionen der Politik

Aber wie sollen in Zukunft Jugendliche an Freizeit und Kultur teilnehmen, wenn die meisten Erwachsenen, also ihre Eltern, geimpft sind? Landrat Zeno Danner hat dazu eine klare Haltung, die er in der bisherigen Debatte vermisst: Klar sei, dass es in nächster Zukunft gar keine Möglichkeit geben werde, die Jugend flächendeckend zu impfen – es gebe nach wie vor schlicht zu wenig Impfstoff. „Wenn man Jugendliche aber nicht impft, dann muss man sie mit ihren Eltern gleichstellen“, sagt er. Es könne nicht sein, dass eine Familie an einer Sportveranstaltung teilnehmen wolle – die Eltern könnten ihre Impfausweise zeigen und die jugendlichen Kinder müssten vorher aufwendig zu einer Teststelle, um sich testen zu lassen.

„Mir fehlt dieser Aspekt in der öffentlichen Debatte“, sagt Danner in der wöchentlichen Corona-Konferenz. Es gehe um Gerechtigkeit den Jungen gegenüber. „Ich denke, dass die Politik rasch auf das Problem reagieren sollte.“