Wie sieht eine Gehaltsabrechnung aus, welche Unternehmensstrukturen und moderne Zahlungsformen gibt es? Solche und weitere Inhalte können die Schüler an Wirtschaftsgymnasien lernen, besonders vertieft im Fach „Privates Vermögensmanagement“. Während dieser Name zunächst langweilig klingt, sind es die Themen ganz und gar nicht. So schwärmt Andrea Prox, Abteilungsleiterin Wirtschaftsgymnasium der Konstanzer Wessenbergschule (WBS): „Egal, welche Ausbildung oder welches Studium die Abiturienten wählen: Die Inhalte des neuen Fachs helfen ihnen in allen Belangen. Denn das ganze Leben besteht aus wirtschaftlichem Handeln – und wenn es nur beim Busfahren ist.“

Schauen, wie die Aktien stehen

Privates Vermögensmanagement (PV) wird ab dem kommenden Schuljahr an drei Wirtschaftsgymnasien im Landkreis Konstanz als Ergänzungsfach angeboten (siehe Infotext). Stefan Wiest, der es an der Wessenbergschule voraussichtlich unterrichten wird, gibt weitere Einblicke: „In der Eingangsklasse stehen unter anderem moderne Zahlungsformen via intelligenter Uhr (Smart Watch) oder Handy auf dem Plan. Viele unserer Schüler nutzen dies, wissen aber nicht, was dahintersteckt, auch datenschutzrechtlich.“ Im darauffolgenden Schuljahr warten ebenfalls praxisnahe Themen: Es geht um Aktien, Anleihen und Fonds, aber auch um das staatliche Rentensystem und private Vorsorgemöglichkeiten. „Hier können wir über das gesamte Schuljahr zwei bis drei Aktien verfolgen, aber auch über Investmentfonds und Risiken aufklären“, sagt Stefan Wiest. „Der Sinn ist nicht, dass anschließend alle Schüler an die Börse rennen, sondern dass sie sich auskennen.“

Was ein Mietvertrag bedeutet

Im Abschlussjahr geht es um Rechte und Pflichten von Mieter und Vermieter, die Mietpreisbremse und um Immobilien als Kapitalanlage. „Und da mich die Schüler auch jetzt schon jedes Jahr fragen, ob wir nicht mal eine Einkommensteuererklärung machen können, freue ich mich besonders, dass dies ausdrücklich Teil des Faches PV ist“, sagt der 36-Jährige.

Steffen Mangelsdorf, Lehrer in Singen: „Schule und Theorie mit Lebensalltag und Praxis verbinden? Das Fach Privates Vermögensmanagement macht dies möglich.“
Steffen Mangelsdorf, Lehrer in Singen: „Schule und Theorie mit Lebensalltag und Praxis verbinden? Das Fach Privates Vermögensmanagement macht dies möglich.“

Der neue Bildungsplan, der ab August in Kraft tritt, sei so offen gehalten, dass die Lehrer Spielräume haben und die Inhalte der Zeit anpassen können. „Bei uns unterrichtet niemand Dinge, die er vor 20 Jahren an der Uni gelernt hat“, sagt Andrea Prox. Allein deshalb nicht, weil Lehrer an beruflichen Schulen auch oft vor den Auszubildenden in der Berufsschule stehen und daher immer auf dem aktuellen Stand sein müssen. Auch Prox selbst orientiert sich eng am Lebensumfeld ihrer Schüler: „Wenn ich über die Mietpreisbremse spreche, untersuchen wir im Unterricht den Konstanzer Wohnungsmarkt“, sagt sie.

Stefan Wiest sieht noch einen weiteren Vorteil

„Die Inhalte des Faches PV nutzen den Schülern bis ins Alter, denn gekauft und gewohnt wird immer.“ Der 36-Jährige, der Betriebswirtschaftslehre und Geschichte unterrichtet, kommt selbst aus der Praxis: „Ich habe bei der Sparkasse Singen eine Bankausbildung absolviert, fand es aber immer spannend, Schüler zu unterrichten. Nun kann ich beides verbinden“, sagt er, und: „In der Bank war es zwar ruhiger als in der Schule, aber meine Leidenschaft gilt den jungen Menschen.“

Nicht für alle Wirtschaftsgymnasien ist das Private Vermögensmanagement als Schulfach neu: Die Robert-Gerwig-Schule (RGS) in Singen bietet es schon länger an. Seit 2015 war es im finanzwissenschaftlichen Profil ein Wahlpflichtfach und wird mit dem neuen Bildungsplan auch dort künftig zum Ergänzungsfach. Steffen Mangelsdorf, Mit-Koordinator des finanzwissenschaftlichen Profils an der RGS, ist überzeugt vom Konzept: „Schule und Theorie mit Lebensalltag verbinden? Das Fach Privates Vermögensmanagement macht dies möglich. Viele Themen aus der Lebenswelt werden durch Planspiele und Fachvorträge vertieft.“

Bianca Meßmer, 18 Jahre, Robert-Gerwig-Schule: „Privates Vermögensmanagement bereitet Schüler auf alltägliche Situationen wie die Finanzierung einer Immobilie und diversifizierte Investitionen für die Altersvorsorge vor, daher ist es ein sehr wichtiges Fach für meine Zukunft.“
Bianca Meßmer, 18 Jahre, Robert-Gerwig-Schule: „Privates Vermögensmanagement bereitet Schüler auf alltägliche Situationen wie die Finanzierung einer Immobilie und diversifizierte Investitionen für die Altersvorsorge vor, daher ist es ein sehr wichtiges Fach für meine Zukunft.“ | Bild: Kirsten Astor

Robert-Gerwig-Schülerin Bianca Meßmer, 18 Jahre, bestätigt: „PV bereitet Schüler auf alltägliche Situationen wie die Finanzierung einer Immobilie und diversifizierte Investitionen für die Altersvorsorge vor, daher ist es ein sehr wichtiges Fach für meine Zukunft.“ Genauso sieht es Schüler Niklas Beller: „Da ich sehr an Wirtschaftsfragen interessiert bin, ist das Angebot perfekt auf mich abgestimmt. Inhalte wie der Immobilienmarkt, die Analyse des Kapitalmarktes oder komplexe Anlage-Entscheidungen machen PV so attraktiv.“