Die Freude auf allen Seiten ist groß: Ab kommendem Montag, 29. Juni, dürfen schrittweise wieder alle Kinder zurück in ihre Kindertagesstätten. Dies hält Alfred Kaufmann, Leiter des Konstanzer Sozial- und Jugendamts, für überfällig. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Vertretern der Stadtverwaltungen Singen und Radolfzell sagte er: „Wir waren frustriert, dass wir lange Zeit nicht mehr als die Hälfte der Kinder betreuen durften. Wir verstehen auch, dass die Eltern bei uns Sturm liefen. Durch den engen Kontakt zu den Familien wussten wir, wie sie mit der Zeit immer mehr in Bedrängnis gerieten.“

Langes Hin und Her

Auch der Konstanzer Sozialbürgermeister Andreas Osner hadert mit den Vorgaben aus Stuttgart. „Es gab ein langes Hin und Her in der Kommunikation und viele Verordnungen der Landesregierung, die in der Kürze der Zeit nicht umsetzbar waren. Außerdem weckten sie durch falsche Begriffe riesige Erwartungen bei den Eltern, die mehrfach enttäuscht wurden“, so Osner. „Deshalb freuen wir uns umso mehr, dass die Kitas nun ansatzweise in den Regelbetrieb zurückkehren.“

„Wir machen die Rolle rückwärts und kehren zu einem Konzept zurück, das wir vor 15 Jahren mal hatten“ – Leonie Braun, Abteilungsleiterin Kindertagespflege Singen
„Wir machen die Rolle rückwärts und kehren zu einem Konzept zurück, das wir vor 15 Jahren mal hatten“ – Leonie Braun, Abteilungsleiterin Kindertagespflege Singen | Bild: Kirsten Astor

Kein Kontakt unter den Gruppen

Ansatzweise ist das richtige Wort. Denn vom Betrieb vor dem Corona-Lockdown sind die Abläufe in den Einrichtungen im Landkreis weit entfernt. Deshalb heißt die neue Verordnung, die bis Sommer 2021 gilt, auch „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“. Das offene Konzept, nach dem die meisten Kitas arbeiten, ist weiterhin nicht möglich. Die Kinder, die bisher zwischen verschiedenen Räumen wechseln durften, müssen sich auf Einschränkungen einstellen. „Wir machen die Rolle rückwärts und kehren zu einem Konzept zurück, das wir vor 15 Jahren mal hatten“, erläutert Leonie Braun, Abteilungsleiterin Kindertagesbetreuung in Singen. Gruppen werden nun nach ähnlicher Betreuungszeit zusammengesetzt und dürfen ihren Raum nicht verlassen – außer für den Gang zur Toilette, zum Essen oder ins Freie. Die Gruppen sollen keinen Kontakt zueinander haben. „Doch anders als in den vergangenen Wochen werden Erzieher nun in verschiedenen Gruppen eingesetzt, sonst bekommen wir nicht alle Kinder unter“, sagt Leonie Braun. Das bedeutet auch: Tritt ein Corona-Fall auf, muss die gesamte Einrichtung geschlossen werden.

„Wir sprechen momentan eher von Betreuung als von frühkindlicher Bildung“ – Ute Seifried, Sozialbürgermeisterin Singen
„Wir sprechen momentan eher von Betreuung als von frühkindlicher Bildung“ – Ute Seifried, Sozialbürgermeisterin Singen | Bild: Kirsten Astor

Drei Stunden dauert das Essen für drei Gruppen

Die Bring- und Holsituation gestaltet sich ebenfalls anders: Jedes Kind erhält feste Zeiten, damit Eltern sich so wenig wie möglich begegnen. Eine große Herausforderung stellen die Mahlzeiten dar: „Wir berechnen pro Gruppe eine Dreiviertelstunde fürs Essen“, erklärt Leonie Braun. „Anschließend muss der Raum eine Viertelstunde lang gelüftet werden, die Tische und möglichst auch die Stühle werden gesäubert. Dann erst folgt Gruppe 2 und nach derselben Prozedur Gruppe 3. Bei einem dreigruppigen Kindergarten dauert alleine das Essen drei Stunden lang.“ Das Spielen im Garten bleibt beschränkt. Entweder teilen die Kitas ihren Außenbereich in verschiedene Teile auf oder die Kinder dürfen nur nacheinander rausgehen.

Das könnte Sie auch interessieren
„Nun haben die Familien eine ganz andere Sicht auf unsere Arbeit.“ – Monika Laule, Sozialbürgermeisterin Radolfzell
„Nun haben die Familien eine ganz andere Sicht auf unsere Arbeit.“ – Monika Laule, Sozialbürgermeisterin Radolfzell | Bild: Kirsten Astor

Zusammenrücken dank Corona

„Wir sprechen momentan eher von Betreuung als von frühkindlicher Bildung“, sagt Singens Sozialbürgermeisterin Ute Seifried. Sie und ihre Kollegen aus den anderen Gemeinden bitten um Verständnis der Eltern. „Das haben wir aber neben all der Verzweiflung in den vergangenen Wochen auch erfahren“, sagt sie dankbar. Monika Laule, Sozialbürgermeisterin in Radolfzell, schließt sich an: „Vor Corona kamen die Eltern mit immer höheren Ansprüchen auf uns zu, aber in der Krise sind wir zusammengerückt. Nun haben die Familien eine ganz andere Sicht auf unsere Arbeit.“ Die Zusammenarbeit mit den Elternbeiräten loben die Verantwortlichen aus Konstanz, Singen und Radolfzell als kritisch-konstruktiv. Sie zollen Familien sowie Erziehern Respekt für ihre Leistung der vergangenen Wochen.