Der erste Schultag beginnt in Stockach am Busbahnhof chaotisch. Seit 7.30 Uhr stehen einige Grundschüler da, die zur Gemeinschaftsschule in Eigeltingen fahren wollen. „Um 7.38 Uhr sollte der Bus kommen, der nächste steht für 8 Uhr im Plan“, sagt Mutter Irmgard Zehnle. Laut App sollte der Bus pünktlich sein, sagt die Schülerin Lina Engesser. Erst kommt lange kein Bus, dann gleich mehrere direkt hintereinander. Fast keiner hat eine Nummer, sodass die Fahrgäste fragen müssen, wohin sie fahren. Johanna Volk, Lehrerin in Eigeltingen, übernimmt das für ihre Schüler. Um 8.20 Uhr kommt schließlich ein Bus, der sie mitnimmt. Der Busfahrer behält die Nerven und antwortet auf die Frage „Fahren Sie nach Singen?“ mit einem freundlichen: „Ich probiere es.“

Lina Engesser (links), Marie Bernhardt, Alina Hass und Melanie Stengele warten eine Stunde am Busbahnhof in Stockach, bis endlich der Bus nach Eigeltingen kommt.
Lina Engesser (links), Marie Bernhardt, Alina Hass und Melanie Stengele warten eine Stunde am Busbahnhof in Stockach, bis endlich der Bus nach Eigeltingen kommt. | Bild: Claudia Ladwig

Fahrgäste beschweren sich

Auf dem Papier funktioniert alles. Die neuen Regionalbusse fahren planmäßig von A nach B. Die Realität sieht anders aus: Busse lassen Fahrgäste an der Haltestelle stehen, Busfahrer fahren falsche Strecken, Fahrkarten können nicht ausgestellt werden und auf den Bussen stehen nicht die richtigen Liniennummern.

So hat sich das Ralf Bendl, Leiter des Amtes für Nahverkehr und Straßen beim Landratsamt Konstanz, nicht vorgestellt. „Der Start der Regionalbusse ist holpriger als gedacht“, sagt er. Er verstehe den Frust vieler Fahrgäste und möchte sein Bedauern betonen. 

Das könnte Sie auch interessieren

Versprochen wurde den Fahrgästen ein besseres öffentliches Verkehrsnetz. Gelingen soll das durch eine Million mehr Fahrtkilometer und eine bessere Taktung zu Randzeiten – auch in kleinen Ortschaften. „Dieses hohe Ziel haben wir immer noch und wir arbeiten daran, dass wir dieses Ziel auch einhalten“, sagt Bendl. Deshalb mache er auch Druck auf die Verkehrsbetriebe, die diese Aufgabe übernommen haben. Für die Bereiche Radolfzell, Engen und Singen fährt die Stadtbus Tuttlingen Klink GmbH, den Raum Stockach übernimmt die Behringer Verkehrsbetriebe.

Viele Busse, wie hier in Stockach, haben keine oder eine falsche Liniennummer. Auch Busfahrer können oft keine Auskunft geben. Die Verwirrung ist daher groß.
Viele Busse, wie hier in Stockach, haben keine oder eine falsche Liniennummer. Auch Busfahrer können oft keine Auskunft geben. Die Verwirrung ist daher groß. | Bild: Claudia Ladwig

Fahrgäste machen Unmut über Beschwerde-Telefon frei

Seit der Übernahme der neuen Busunternehmen klingelt das Beschwerde-Telefon im Landratsamt oft. „Aus Stockach haben wir wenig Beschwerden bekommen“, sagt Bendl. Die chaotische Situation am Morgen am Stockacher Busbahnhof ist wohl nicht bis zu ihm durchgedrungen. Dafür aber durchaus einige Beschwerden aus dem Raum Singen, Engen und der Höri, wo die Stadtbus Tuttlingen Klink GmbH fahre. Dort geht einiges schief. Das schreibt auch die SÜDKURIER-Leserin Anna Krüger.

Der Bus von Gottmadingen sei zwar am Morgen rechtzeitig losgefahren, aber nicht wie im Fahrplan vorgesehen über Bietingen und Dietlishof nach Hilzingen gefahren, sondern in das Industriegebiet von Gottmadingen. „Auf meine wiederholte Nachfrage, ob er denn auch wirklich nach Hilzingen führe, verwies der offensichtlich überforderte Busfahrer auf sein Navi und zeigte mir eine Fahranweisung, die überhaupt nicht mit der Streckenführung nach Hilzingen übereinstimmte“, erzählt sie. 20 Minuten später als geplant kam der Bus dann endlich an der richtigen Haltestelle an.

Fahrgäste am Radolfzeller Busbahnhof vor dem Einsteigen in die neuen Linienbusse.
Fahrgäste am Radolfzeller Busbahnhof vor dem Einsteigen in die neuen Linienbusse. | Bild: Jarausch, Gerald

Technik ist Teil des Problems

Ein Teil des Problems sei die Technik, wie Ralf Bendl erklärt. „Leider sind die Verkehrsunternehmen mit vielen Ersatzbussen unterwegs, die nicht mit der richtigen Technik ausgestattet sind“, sagt er. Die schönen, neuen, gelben Regionalbusse konnten nicht in ausreichender Menge rechtzeitig geliefert werden, weswegen die Firma Klink mit vielen Ersatzbussen in rot, blau-weiß und rot-weiß unterwegs seien. „Und in diesen Bussen funktioniert die Technik, die eigentlich für die neuen Busse gedacht ist, nicht richtig. Auch die Navigationsgeräte und die Linien-Anzeige sind davon betroffen“, sagt Bendl. Rechtzeitig bestellt seien die Busse gewesen. Nur der Hersteller hätten nicht so schnell bauen und liefern können. Die nächsten gelben Busse sollen im Februar ausgeliefert werden.

Ein weiterer Grund, warum die Busse falsche Strecken fahren: Viele der Fahrer hätten keine ausreichenden Ortskenntnisse. Aber mit etwas Routine bekomme man auch das Problem in den Griff. Die Busfahrer selbst fühlen sich bei ihrer Arbeit sehr unwohl. „Verloren“ sei er, sagt der eine. Ein anderer spricht von „geplantem Chaos“. Er fahre die Haltestellen nach Fahrplan ab, doch der Fahrscheindrucker gebe ihm keinerlei Informationen, sodass er Fahrgästen keine Auskünfte geben könne, ob, wann und wo sie umsteigen müssten.

Schulleiter hat mit Verspätung gerechnet

Auch Günter Aßfalg, Leiter der Hermann-Hesse-Schule Gaienhofen, hat das Chaos am ersten Schultag bemerkt. Der Schulleiter war zwar selbst nicht an den Haltestellen, doch angesichts vieler verspäteter oder nicht mitgenommener Schüler und Anrufe erboster Eltern konnte er sich ein gutes Bild von den Zuständen auf der Höri machen. Insbesondere die Verbindung zwischen Überlingen am Ried, Bohlingen und Gaienhofen sei problematisch. „Das reinste Chaos“, fasst er seine Eindrücke zusammen. Mit Anlaufschwierigkeiten habe er allerdings gerechnet.

„Der Start der Regionalbusse ist holpriger, als gedacht.“Ralf Bendl, Leiter des Amtes für Nahverkehr und Straßen beim Landratsamt Konstanz
„Der Start der Regionalbusse ist holpriger, als gedacht.“Ralf Bendl, Leiter des Amtes für Nahverkehr und Straßen beim Landratsamt Konstanz | Bild: Michael Jahnke

So gebe es an den Haltestellen keine aktuellen Fahrpläne, eine Haltestelle in Bohlingen sei gar nicht eingerichtet. Teilweise hätten Eltern ihre Kinder zur Schule gebracht und abgeholt, auch habe es Kinder gegeben, die nicht wussten, mit welchem Bus sie zurückfahren sollen. Auch die Schulverwaltung fühlt sich laut Aßfalg in der Situation alleingelassen und schlecht informiert. Beispielsweise wisse niemand, wer für die Ausgabe der Sammelfahrscheine für jene Busse zuständig ist, mit denen Klassen zum Sportunterricht gebracht würden. Diese Ausgabe habe mit dem bisherigen Betreiber Südbadenbus (SBG) immer gut geklappt. Er habe beim Landratsamt zwar nette Ansprechpartner, doch sei deren Einflussmöglichkeit wahrscheinlich begrenzt.

Was sagt die Klink GmbH?

Der Frust sitzt tief: bei den Fahrgästen, den Busfahrern und dem Landratsamt. Und was sagt das Busunternehmen Klink dazu? Aktuell nichts. Auch nach mehreren Kontaktversuchen durch den SÜDKURIER konnte ein Verantwortlicher nicht gesprochen werden. Wie soll es also weitergehen? Für Amtsleiter Ralf Bendl ist klar: „Wir werden nachbessern, optimieren und Druck machen.“ Allerdings brauche das Landratsamt die Hilfe der Fahrgäste. „Nur wenn wir die Sorgen-Buslinien kennen, können wir daran arbeiten“, sagt er. „Wir sammeln alle Hinweise und Beschwerden und geben diese an die Klink GmbH weiter und fordern diese auf, die Missstände zu beenden“, erläutert Bendl. Und was, wenn sich die Situation nicht bessert? „Es muss funktionieren. Eine Alternative gibt es nicht“, sagt er. Schlimmstenfalls bekomme die Klink GmbH weniger Geld wenn diese die Vertragsbedingungen nicht erfüllen könne.

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.