Dieser Mann kommt an diesem Abend nicht auf den letzten Drücker. Er sitzt frühzeitig an einem Tisch auf der Terrasse des Naturfreundehauses am Untersee bei Markelfingen. Hierhin hat der Kreisverband des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zum Sommergespräch eingeladen. Und Cem Özdemir, eines der bekanntesten Gesichter der Grünen in Deutschland, ist der Gesprächspartner.

Der 53-Jährige zeigt sich als nahbarer Politiker. Er schüttelt Hände, plaudert mit Besuchern, die seinetwegen nach und nach eintreffen. Özdemir hat Verwandte mitgebracht. Dabei sind Onkel und Tante aus der Türkei, die gerade in Deutschland zu Besuch sind. Auch weil es andererseits unmöglich ist, dass der Erdogan-Kritiker Cem Özdemir derzeit selbst in die Türkei reisen kann, ohne dort Repressalien fürchten zu müssen.

Die Zukunft braucht das Soziale

Bernd Löhle, Kreisvorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, legt zu Beginn die Spur für die Erörterung der Frage, ob die Zukunft das Soziale braucht. Er spricht von der neoliberalen Politik in den vergangenen Jahrzehnten, verweist auf die ungleiche Verteilung von Vermögen in Deutschland und kommt zum Schluss, dass „die Not eher größer als kleiner geworden ist.“ Natürlich braucht die Zukunft das Soziale.

Die ersten Fragen von Moderator Stephan Schmutz sind aktuellen politischen Entwicklungen geschuldet. Ob der Grüne der SPD zu einer Doppelsitze raten würde, will der frühere SWR-Berichterstatter wissen. Özdemir, der selbst zehn Jahre lang in der Bundespolitik Teil einer Doppelspitze seiner Partei war, sieht die Anzahl der Führungskräfte nicht als das Problem: „Entscheidend ist jemand, der den Laden einsammelt, nach innen und nach außen.“

„Wer wohnt denn da, wo die Luft am schlechtesten ist?“

Und was sagt der grüne Bundestagsabgeordnete, der in Berlin den Verkehrsausschuss des Parlaments leitet, zum Aus für die Maut in Deutschland? „Gut, dass die EU den Wahnsinn gestoppt hat. Unsäglich, was das kostet.“ Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hätte die Sache noch rechtzeitig stoppen können, doch er habe „den gesamten Rechtssachverstand“ in den Wind geschlagen. Und dann klingt Ironie durch: „Qualifikation darf kein Hinderungsgrund sein, in Deutschland Verkehrsminister zu werden.“

Mit der Maut ist dann der Bogen zum Sozialen geschlagen. Denn wenn die Bundesrepublik nun Hunderte Millionen Euro Entschädigung an mit dem Maut-Projekt beauftragte Firmen zahlen muss, fehlt das Geld an anderer Stelle, zum Beispiel für Investitionen in Bildung und Erziehung. Wird noch an das Soziale gedacht, oder denkt jeder nur noch ans Klima? Für Özdemir gehören Klimakrise, eine gute Umweltpolitik und soziale Gerechtigkeit nachvollziehbar zusammen: „Wer wohnt denn da, wo die Luft am schlechtesten ist?“

Forderung von mehr Chancengerechtigkeit

Der Politiker, der Sohn türkischer Einwanderer ist und auf dem zweiten Bildungsweg zu Fachabitur und Studienabschluss als Diplom-Sozialpädagoge kam, warnt vor den sozialen Folgen der globalen Klimakrise. Es sei keine Lösung, eine Mauer um Europa zu ziehen. In Deutschland macht er sich für gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land stark. Er fordert mehr Chancengerechtigkeit: „Bildungschancen müssen sich von der Herkunft abkoppeln.“

Ein Freund des bedingungslosen Grundeinkommens ist Özdemir nicht. Dieser „Ablasshandel“ berge das Risiko, die Parzellierung der Gesellschaft noch zu verschärfen. Den Jugendlichen, die freitags für den Klimaschutz auf die Straße gehen, macht er Mut: „In der Politik passiert nur dann etwas, wenn man laut wird.“

Özdemir kann reden – aber auch zuhören

Im Dialog mit dem Publikum fallen weitere Stichworte zur Sozialpolitik: teure Pflegeplätze, Lehrer, deren Anstellungsvertrag mit Ferienbeginn endet, Gemeinschaftsschulen, die um eine gute Ausstattung kämpfen. Ursel Wolfgramm, Vorstandschefin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Baden-Württemberg, beklagt, dass Sozialarbeit tragende Unternehmen sich im Prozess der digitalen Transformation abgehängt fühlen. Es gebe kaum Fördermittel. Özdemir hat viel geredet an dem Abend. Aber er hat auch zugehört.