Konstanz Winter bringt Obdachlose in Not

Sie schlagen abends ihr Nachtlager in Unterführungen auf, oder an geschützten Stellen in Fußgängerzonen: Allein in Konstanz schlafen nach Angaben der Wohnungslosenhilfe etwa 20 Obdachlose Menschen ganzjährig draußen. In den kommenden Wintermonaten wird's besonders hart: Dann droht womöglich Erfrierungsgefahr. Sozialverbände wollen für das Thema sensibilisieren.

Es wird Winter in Deutschland. Und wenn die Temperaturen sinken, rücken der baden-württembergische Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) und die Liga der Freien Wohlfahrtspflege Menschen am Rande der Gesellschaft in den Blickpunkt. Obdachlos? Erfrierungsgefahr?! So ist ein Plakat überschrieben, das die Bürger aus den warmen Stuben für das Problem sensibilisieren soll. „Die Not der Obdachlosen ist immer akut, im Winter aber ganz besonders", sagt KVJS-Sprecherin Heide Trautwein. Der Appell lautet: Wer denkt, dass Obdachlose auf ihrem Nachtlager unter freiem Himmel sich in Erfrierungsgefahr befinden, der sollte nicht wegschauen, sondern aktiv werden. Er sollte sich zum Beispiel in Konstanz an das Ordnungsamt wenden oder die Polizei anrufen. In lebensbedrohlichen Fällen raten die Initiatoren zur Kontaktaufnahme unter der Notrufnummer 112, um medizinische Hilfe zu aktivieren.

Jörg Fröhlich ist nicht erinnerlich, dass in Konstanz bereits ein Obdachloser den Kältetod gestorben wäre. Der Chef der Tagesstätte für Wohnungslose am Lutherplatz in Konstanz, der gemeinsam mit Kollegin Susanne Graf die Wohnungslosenhilfe des AGJ-Fachverbands für Prävention und Rehabilitation im Landkreis leitet, stellt aber fest: „Wir sind darauf angewiesen, dass Passanten und Polizei die Augen offen halten.“ Laut Fröhlich schlafen allein in Konstanz 20 obdachlose Menschen ganzjährig draußen: „Da sind Menschen dabei, bei denen wir uns Sorgen machen." Susanne Graf verweist darauf, dass die Zahl der Wohnungslosen wächst. 279 Männer und Frauen ohne Unterkunft betreut die AGJ Wohnungslosenhilfe derzeit.

Anlaufstelle für Wohnungslose am Konstanzer Lutherplatz: In diesem Gebäude unterhält der AGJ Fachverband eine Tagesstätte für Obdachlose. Allein in Konstanz betreut die Wohnungslosenhilfe 126 Personen.
Anlaufstelle für Wohnungslose am Konstanzer Lutherplatz: In diesem Gebäude unterhält der AGJ Fachverband eine Tagesstätte für Obdachlose. Allein in Konstanz betreut die Wohnungslosenhilfe 126 Personen. | Bild: Oliver Hanser

Im vergangenen Jahr waren es 267. Für Obdachlose, zu denen inzwischen auch Flüchtlinge zählen, hält der AGJ Fachverband für Prävention und Rehabilitation nicht nur Übernachtungsmöglichkeiten, sondern auch Betreuungsangebote bereit. „Wir versuchen, die persönlichen Probleme der Menschen zu mindern“, sagt Graf. Da werden Wege aus der Alkoholsucht und aus der Schuldenfalle aufgezeigt. Den Anstieg der Zahl der Obdachlosen beschreibt Graf als „Sickereffekt“. Weil es zu wenige Wohnungen gebe und die vorhandenen zu teuer seien, gerieten immer mehr Menschen in Gefahr, obdachlos zu werden. Neben dem AGJ-Netzwerk sind auch die Kommunen direkt in die Unterbringung Obdachloser einbezogen. Denn wer unvermittelt in Not kommt, dem müssen Städte und Gemeinden eine Unterkunft zuweisen. Soziale Betreuung ist damit indes nicht verbunden. Behörden sprechen in diesem Fall von ordnungsrechtlicher Unterbringung. In Stockach ist diese Zahl der Fälle von 42 im Januar auf 55 im November gestiegen, wie das Ordnungsamt informierte. Auch die Stadt Radolfzell meldet einen Anstieg.

Ohne Hoffnung und ohne Ziel? Ein Betrunkener auf einer Parkbank in Radolfzell. Die Wohnungslosenhilfe im Landkreis vermittelt Obdachlosen auch therapeutische Angebote.
Ohne Hoffnung und ohne Ziel? Ein Betrunkener auf einer Parkbank in Radolfzell. Die Wohnungslosenhilfe im Landkreis vermittelt Obdachlosen auch therapeutische Angebote. | Bild: Gerald Jarausch

Für Notfälle halten Gemeinden Schutzräume vor. In Konstanz verfügt die Polizei über einen Schlüssel zu den Notschlafplätzen. Hilfeleistung in der Not wird so jederzeit möglich. „Wenn Gefahr droht, können wir nicht wegschauen“, sagt Polizeisprecher Bernd Schmidt. Über den üblichen Streifendienst hinaus wird die Polizei aktiv, wenn besorgte Bürger anrufen, weil sie Obdachlose an ihrem Schlafplatz unter Treppenaufgängen oder in Unterführungen gefährdet sehen. Dann ist die Kontrolle verpflichtend.

 

Die Zahlen

Wohnungslose haben ein Recht darauf, von der Kommune, in der sie sich aufhalten, mit einer Notunterkunft versorgt zu werden. Die Stadt Singen hat derzeit 73 Menschen untergebracht, die Stadt Radolfzell 27 und die Stadt Stockach 55. Für die Stadt Konstanz liegen dem SÜDKURIER keine aktuellen Zahlen vor. Die Wohnungslosenhilfe des AGJ Fachverbands für Prävention und Rehabilitation betreut kreisweit 279 Obdachlose, davon sind 30 Prozent Frauen. Mehr über die Wohnungslosenhilfe: www.agj-konstanz.de

 

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