Die Zeit drängt. Bis zum 24. Januar haben deutsche Bürger und Behörden noch Zeit, eine Stellungnahme zu Thurgauer Windkraftplänen am Untersee abzugeben. Der Ostschweizer Kanton stellt in einem Richtplanentwurf zwei seenahe Standorte für Windkraftanlagen zur Diskussion. Ein Standort ist am Ottenberg oberhalb von Kreuzlingen gelegen, der zweite bei Salen-Reutenen oberhalb von Steckborn am Untersee, 686 Meter über dem Meeresspiegel.

Windräder im Landschaftsbild

Es ist besonders die Vorstellung von Windrädern bei Salen-Reutenen, die auf deutscher Seite manche Beobachter elektrisiert. Der Umweltdezernent des Landkreises Konstanz, Philipp Gärtner, hat noch im alten Jahr eine kritische Stellungnahme zu den Thurgauer Plänen angekündigt. Kritisch ist aus Sicht des Landratsamts die große Fernwirkung von Windrädern auf dem Thurgauer Seerücken, wenige Kilometer von der Touristenattraktion Welterbe Reichenau entfernt. Gefährdet am Ende die Schweizer Energiewende den Unesco-Welterbestatus? Ist das unbeeinträchtigte Landschaftsbild wichtiger als die regenerative Energieerzeugung?

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Im Landratsamt wurde am Freitag noch an der Stellungnahme gefeilt. Es seien noch interne rechtliche Abstimmungen nötig, so hieß es. Aber am Montag will der Kreis seine ausformulierte Position öffentlich machen. Auch in den Unterseegemeinden diskutieren Kommunalpolitiker, ob der Anblick von Windrädern auf dem Thurgauer Seerücken wünschenswert und zumutbar sei. Der Reichenauer Bürgermeister Wolfgang Zoll hat ebenfalls eine Stellungnahme seiner Gemeinde angekündigt. Was drin stehen wird? "Sie wird auf jeden Fall die Frage thematisieren, inwieweit der Welterbestatus der Reichenau von der Maßnahme betroffen ist", kündigte Zoll an. Der Allensbacher Bürgermeister will das Thema in der Gemeinderatssitzung am Dienstag ansprechen. Die Allensbacher fänden die Pläne mehrheitlich schlecht, so Friedrich. "Es wäre schade, wenn es so käme."

So könnten die Thurgauer Windkraftpläne aussehen

Der promovierte Physiker Robert Conradt, der von Allensbach aus eine Firma für Mess- und Regeltechnik betreibt, hat sich den Thurgauer Planungen optisch angenähert. Er hat eine Montage erstellt, die zeigen soll, wie Windräder bei Salen-Reutenen vom deutschen Seeufer aus wirken würden. Die Maßstäblichkeit hält er für gegeben. 

So könnten die Windräder am Standort Salen-Reutenen oberhalb des Untersees vom Allensbacher Walzenberg aus sichtbar sein. Das sagt Robert Conradt, der die Montage erstellt hat. Er ist Inhaber einer Firma für Mess- und Regeltechnik. Die Entfernung vom Walzenberg aus beträgt etwa 8000 bis 10 000 Meter. Die Reichenau ist näher dran. Für die Windräder hat Conradt eine Nabenhöhe von 164 Metern und einen Rotordurchmesse von 131 Metern angenommen, vergleichbar der deutschen Anlage bei Tengen.
So könnten die Windräder am Standort Salen-Reutenen oberhalb des Untersees vom Allensbacher Walzenberg aus sichtbar sein. Das sagt Robert Conradt, der die Montage erstellt hat. Er ist Inhaber einer Firma für Mess- und Regeltechnik. Die Entfernung vom Walzenberg aus beträgt etwa 8000 bis 10 000 Meter. Die Reichenau ist näher dran. Für die Windräder hat Conradt eine Nabenhöhe von 164 Metern und einen Rotordurchmesse von 131 Metern angenommen, vergleichbar der deutschen Anlage bei Tengen. | Bild: Montage: Robert Conradt
Wer sieht die Windräder? Um Größenverhältnisse zu demonstrieren liefern die Thurgauer Planer diese Montage. Die Entfernung zur ersten Turbine beträgt demnach 2,5 Kilometer. Die angenommene Nabenhöhe beträgt 125 Meter, die Rotorhöhe 115 Meter. Zu finden ist die Visualisierung im ergänzenden Bericht zur Richtplanänderung Windenergie des Kanton Thurgau.
Wer sieht die Windräder? Um Größenverhältnisse zu demonstrieren liefern die Thurgauer Planer diese Montage. Die Entfernung zur ersten Turbine beträgt demnach 2,5 Kilometer. Die angenommene Nabenhöhe beträgt 125 Meter, die Rotorhöhe 115 Meter. Zu finden ist die Visualisierung im ergänzenden Bericht zur Richtplanänderung Windenergie des Kanton Thurgau. | Bild: www.raumentwicklung.tg.ch

Mittels eines großen Mathematikprogramms habe er Formeln erstellt, die es erlauben, genaue Entfernungen sowie Positionen von Fuß und Nabenkoordinaten in eine Bildebene zu projizieren. "Was also den korrekten Maßstab anbelangt, ist dieser für alle Abbildungen gesichert", schreibt Conradt in einer Erläuterung. Folgt man der Annahme, lässt sich festhalten: Die Windräder waren von Allensbach, der Höri und erst recht von der Reichenau aus gut zu sehen. Conradt betont, es gehe ihm nicht um eine generelle Ablehnung der Windkraft. Aber er macht keinen Hehl daraus, dass er den Bau von Windkraftanlagen am Untersee für keine gute Idee hält.

Grüne unterstützen Windkraft

Es gibt aber auch eine andere Sichtweise. So hat die von Siegfried Lehmann angeführte Freie Grüne Liste Radolfzell in einer Stellungnahme an den Kanton Thurgau Rückendeckung für die Windkraftpläne signalisiert. Der Ausbau der Windkraft sei absolut unterstützenswert, so Lehmann. Er lobte das Bemühen der Schweiz, aus der Atomkraft auszusteigen und den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen. Aufseiten der Thurgauer Kantonsverwaltung ist man sich des Interesses an dem Thema bewusst. "Es sind schon relativ viele Stellungnahmen eingegangen. Das haben wir erwartet", informierte Thomas Volken, der die für die Windkraftprojekte notwendige Änderung des kantonalen Richtplans betreut. Volken betont, dass es im derzeitigen Planungsstadium nicht um ein konkretes Projekt, sondern um mögliche Standorte gehe. Zum Standort Salen-Reutenen sagt er: "Es gibt aufgrund der Standortbeurteilung im Rahmen der kantonalen Planung kein Kriterium, das eine Planung dort unmöglich machen würde." Auch die Windpotenziale reichten aus. Nach Aussagen von Thomas Volken ist auch die Sichtbarkeit der Windräder ein Beurteilungskriterium. Allerdings erst in einem späteren Stadium des langen Verfahrens, wenn es um konkrete Projekte gehe.