Gemeinsame Übungen der Blaulichteinheiten und Rettungskräfte der Bodensee-Anrainerstaaten haben gezeigt: "Bei grenzüberschreitender Hilfe ist es entscheidend, dass man sich persönlich kennt." Mit diesen Worten eröffnete Frank Hämmerle die 14. Internationale Bodenseekonferenz (IBK) der Rettungsdienste. "In der Krise Köpfe kennen, um auf dem kleinen Dienstweg Anliegen telefonisch regeln zu können, die zwischen Berlin, Bern und Wien nicht immer funktionieren", beschrieb der Konstanzer Landrat im Radolfzeller Milchwerk einen der Zwecke der IBK.

Hindernisse durch nationale Besonderheiten

Die Konferenz tauschte sich über die jeweiligen nationalen Konzepte für die sanitätsdienstliche Absicherung von Großveranstaltungen, die psycho-soziale Seelsorge, Wasserrettung, den Einsatz von Drohnen sowie über verschiedene Modelle bei der Errichtung eines Notfallstabes aus. Ein markanter Unterschied: Auf deutscher Seeseite rufen Landräte den Katastrophenfall aus, wohingegen in Vorarlberg die Anzahl kooperierender Rettungsdienste einen Katastrophenfall als solchen definiert. Die 100 Konferenz-Teilnehmer zeigten, dass sich die Anrainerstaaten national zwar auf Katastrophen vorbereitet haben, aber die grenzüberschreitende Hilfeleistung durch verschiedene Systeme und Rechtslagen erschwert ist.

Die 14. Internationale Bodenseekonferenz für Rettungskräfte zog mehr 100 Teilnehmer aus den Blaulichtorganisationen und Behörden für den Katastrophenschutz der Bodensee-Anrainerstaaten in das Radolfzeller Milchwerk.
Die 14. Internationale Bodenseekonferenz für Rettungskräfte zog mehr 100 Teilnehmer aus den Blaulichtorganisationen und Behörden für den Katastrophenschutz der Bodensee-Anrainerstaaten in das Radolfzeller Milchwerk. | Bild: Georg Lange

"Jeder zweite Einsatz der Wasserrettung auf dem Bodensee ist ein internationaler Einsatz", fasst Klaus Müller von der Wasserwacht Lindau die Ergebnisse seines Workshops zusammen. Müller wünscht sich eine eigene Gruppe, um die Suchketten auf dem See dirigieren zu können. Denn bei großen Stürmen könne es bis zu vier Suchen gleichzeitig geben. "Wir arbeiten zwar gut auf dem See zusammen, sollten aber auch miteinander sprechen können", so Müller.

Unterschiedliche Funksysteme bei der Wasserrettung

Das meinte er wörtlich. Obwohl alle Anrainerstaaten zwar Deutsch sprechen, nutzen sie verschiedene Funksysteme auf dem See: Der Digitalfunk der Schweizer Wasserrettung arbeitet unverschlüsselt. Die Deutschen arbeiten dagegen mit verschlüsselten digitalen Systemen. Vorarlberg stellt gerade seinen Funk auf digital um. "Auf dem See wieder mit Flaggenzeichen hantieren zu müssen ist nicht zielführend", karikiert Müller die Lage. Er wünscht sich internationale Vereinbarungen für die Wasserrettung auf dem Bodensee. Es könne nichts Schlimmeres passieren, als dass die Politik erst über einen Unfall auf dem See aufgeweckt werde.

In der Notfall-Nachsorge haben die Vorarlberger die Nase vorn

Dennis Eichenbrenner empfiehlt für Großveranstaltungen, sich am tatsächlichen Bedarf an Sanitätsdiensten zu orientieren. Oft erfolge im Anschluss an eine Großveranstaltung kein Controlling, ob die Berechnungen bedarfsgerecht waren, erkennt Eichenbrenner bei allen Anrainerstaaten. Bei der Nachsorge für die psychosoziale Notfallversorgung der Einsatzkräfte haben die Anrainerstaaten denselben Standard. In Vorarlberg gibt es von staatlichen Stellen das zusätzliche Angebot, dass Einsatzkräfte zwei Tage nach einem schweren Unfall nochmals von Psychologen betreut werden können. "Davon können wir in Deutschland nur träumen", bewertet Feuerwehrmann und Notfallseelsorger Michael Oßwald die Lage.

Sie referierten in Radolfzell bei der Konferenz der Rettungskräfte über grenzüberschreitende Hilfeleistung im Katastrophenfall (v.l.): Carsten Sorg (D), Gernot Längle (A), Andreas Vögeli (CH), Henning Nöh (D), Marcus Gantschacher (A), Christoph Gloor (CH), Christoph Strauss (CH), Dennis Eichenbrenner, Timo Ketterer, Klaus Müller (alle D), Michel Sennhauser (CH), Thomas Irmer, Gernot Steenblock sowie Michael Oßwald (alle D).
Sie referierten in Radolfzell bei der Konferenz der Rettungskräfte über grenzüberschreitende Hilfeleistung im Katastrophenfall (v.l.): Carsten Sorg (D), Gernot Längle (A), Andreas Vögeli (CH), Henning Nöh (D), Marcus Gantschacher (A), Christoph Gloor (CH), Christoph Strauss (CH), Dennis Eichenbrenner, Timo Ketterer, Klaus Müller (alle D), Michel Sennhauser (CH), Thomas Irmer, Gernot Steenblock sowie Michael Oßwald (alle D). | Bild: Georg Lange

Mit Wärmekameras ausgestattet, können Flugdrohnen Ertrinkende im Bodensee erkennen. Sensoren können von der Luft aus Gefahrgüter orten. Drohnen erkunden das Ausmaß von Bränden und werfen Rettungsmittel ab. Bei einem Drohneneinsatz könnten Deutschland und die Schweiz grenzübergreifende Hilfe erhalten, schätzt der stellvertretende Leiter für den Katastrophenschutz am Konstanzer Landratsamt, Timo Ketterer. Vorarlberg müsse hingegen auf internationale Hilfe verzichten, da nach österreichischem Recht ein Drohnen-Führerschein für einen Einsatz notwendig sei. Die nächste IBK für Rettungsdienste findet am 15. Januar 2020 in Winterthur statt.

Unterschiede im Sanitätsdienst bei Großveranstaltungen

  • Schweiz: Die Kosten werden nicht durch den Rettungsdienst getragen, sondern komplett mit dem Veranstalter verrechnet. Einen Dienst im Ehrenamt kennt die Schweiz nicht. Aktuell erarbeitet die Schweiz neue Richtlinien für die Bewertung von Risiken von Veranstaltungen. Das neue Konzept soll präzise Patientenvorhersagen ermöglichen. In dem Modell fließen Wahrscheinlichkeit und Ausmaß der Versorgung sowie die persönliche Abschätzung und Erfahrungswerte aus bereits erhobenen Daten ein. Dies ermöglicht eine wirtschaftliche Planung von Personalbedarf und Einsatzmitteln.
  • Österreich: In Vorarlberg werden Behörden und Einsatzkräfte vorab über Programmablauf, Teilnehmerzahl, Brandschutz und Verkehrssituation informiert. Das Risikomanagement zeichnet sich vor allem durch Maßnahmen zur Verhinderung eines Schadensfalls aus. Es gibt einen gemeinsamen Notfallplan für alle Beteiligten wie Feuerwehr, Polizei und Sanitätsdienste. Erscheint ein nicht zu tragendes Restrisiko, so muss die Veranstaltung verändert werden.
  • Deutschland: Hier obliegt der Sanitätsdienst dem freien Markt. Die Notfallrettung unterliegt jedoch einem engen gesetzlichen Rahmen staatlicher Kontrolle. Der Veranstalter ermittelt den ersten Bedarf mit ähnlichen Parametern wie in Vorarlberg. In die Planung fließen auch die Verfügbarkeit von Rettungsmittel sowie die Zahl der erreichbaren Kliniken ein. Veranstaltungen mit mehr als 100 000 Besuchern bedürfen eines Gutachtens.