Es hat fast 37 Jahre gedauert, bis Peter Scharr endlich auf den Rat seiner Frau hörte. So lange fuhr er jeden Tag die rund 15 Kilometer von seinem Wohnort Gottmadingen nach Schaffhausen, wo er als Mechaniker arbeitete. Nach so langer Zeit als Grenzgänger setzte sich seine Frau dann doch noch durch und die beiden entschieden sich, in die Schweiz umzuziehen. „Ich war vorher einfach zu faul dafür“, sagt Scharr heute. „Hätte ich früher auf sie gehört, hätten wir eine Menge Geld gespart.“ Es seien letztlich die hohen Steuern in Deutschland gewesen, die ihn bei diesem Entschluss bestärkten.

Konflikte auf der Schweizer Arbeit

Schon damals mangelte es nicht an Hinweisen und Ratgebern, wie sich Deutsche in der Schweiz verhalten sollten. Das meiste davon haben die beiden geflissentlich überhört und sind den neuen Nachbarn auf ihre eigene Art begegnet. Die häufig empfohlene Zurückhaltung etwa legte Peter Scharr an seinem Arbeitsplatz schon ab: „Mit meinem Chef kam ich immer gut zurecht, aber die anderen haben anfangs schon ihre Sprüche gerissen und deutlich gemacht, dass man als Deutscher nicht dazugehört. Da habe ich jeweils auch Paroli geboten, bis es irgendwann aufhörte und sie mich akzeptierten.“

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Im Spital St. Gallen wird sich mühelos verständigt

Das war vor knapp 50 Jahren. In der Zwischenzeit hat diese Ablehnung gegenüber deutschen Arbeitnehmer in den grenznahen Schweizer Unternehmen stark abgenommen. Das bestätigt auch Daniel Germann, der Direktor des Kantonsspitals St. Gallen, wo immerhin fast jeder sechste Angestellte aus Deutschland stammt. „Wir spüren in der Belegschaft weder statistisch noch emotional eine Verunsicherung deswegen. Das Kantonsspital ist auf ausländische Mitarbeiter angewiesen und wir könnten den Betrieb ohne sie nicht aufrechterhalten – das ist allen sehr wohl bewusst“, betont er.

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Vielmehr erlebe er eine starke Verbundenheit unter den Bewohnern der Bodenseeregion. Ähnlich verhalte es sich mit dem Dialekt, mit dem gerade Süddeutsche und Vorarlberger keine Mühe bei der Verständigung hätten, so Germann.

Mentalitäten im Grenzgebiet überlappen sich

Auch für Peter Scharr und seine Frau war die Sprache der Schlüssel zu den angeblich so verschlossenen Schweizern. Beide verstehen Schweizerdeutsch nicht nur, sie sprechen es auch. „Als wir in Schaffhausen eingezogen sind, haben wir den Gerüchten gleich den Wind aus den Segeln genommen, indem wir alle Nachbarn zum Kaffee eingeladen haben, um uns vorzustellen“, erzählt Scharr. Vorher habe nämlich so mancher gegrummelt, dass da jetzt Deutsche einziehen würden. „Man darf nur auf keinen Fall überheblich wirken, sonst begegnet einem nur Ablehnung. So aber war das Thema schnell erledigt“, sagt er.

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Bei aller Zurückhaltung wollte er dennoch nicht alle deutschen Tugenden über Bord werfen. Denn so etwas wie Mülltrennung suchte man damals in der Schweiz vergeblich. „Wir haben aber trotzdem damit weitergemacht und unseren eignen und den Müll der Nachbarn sauber getrennt zum Wertstoffhof gebracht, was obendrein noch günstiger war“, schildert Scharr. Auch das habe ihnen Sympathien eingebracht, denn so verschieden seien die Mentalitäten im Grenzgebiet ohnehin nicht, so seine Erfahrung.

Keine Frage der Nationalität, sondern des Charakters

Das ist eine Wahrnehmung, die Spitaldirektor Germann ebenfalls teilt: „Ich erlebe Mentalitätsunterschiede zwischen Schweizern und Deutschen weniger auf persönlicher Ebene, als bei der Art der Sozialisierung. Je nach Herkunft und beruflicher Laufbahn ist vor allem das Führungsverständnis recht unterschiedlich.“ So würden vergleichbare Krankenhäuser in Deutschland häufig strikter und hierarchischer geführt. Generell brauche es in den Unternehmen eine Kultur des gegenseitigen Respekts. „Und das ist keine Frage der Nationalität, sondern des Charakters“, sagt er.

Nach zehn Jahren kehrt das Ehepaar zurück

Nach zehn Jahren in der Schweiz sind schließlich auch Peter Scharr und seine Frau nach Gottmadingen zurückgezogen. Die niedrigeren Abgaben auf Rentenbezüge waren dabei aber ausschlaggebender als das Heimweh. Schaffhausen, sagen sie, sei längst zur zweiten Heimat geworden, und die Sommermonate verbringen sie auch weiterhin dort auf dem Campingplatz. „Mal sehen, wie die Reaktion diesmal sind, wenn wir mit Konstanzer Kennzeichen aufkreuzen“, sagt Scharr schmunzelnd. Sorgen muss man sich aber nicht machen, denn er weiß sich zu wehren – auch auf Schweizerdeutsch.