Naturschützer hier – Landwirte da: Diese vermeintlich einfache Lagerbildung greift in der Diskussion um das Volksbegehren Artenschutz „Rettet die Bienen“ zu kurz. Denn obwohl der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) zu den zahlreichen Unterstützern des Volksbegehrens gehört, sind nicht alle BUND-Mitglieder mit dem gesamten Gesetzentwurf einverstanden. Einer von ihnen ist Eberhard Koch, Vorstandsmitglied beim BUND westlicher Hegau. Ihm liegt es fern, die Landwirte pauschal zu Buhmännern des Artenschwundes zu machen. Dies hat er auch kürzlich bei einer Versammlung des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV) in Engen-Welschingen betont. Er attestierte den wegen des Volksbegehrens massiv verunsicherten Landwirten, bereits vermehrte Anstrengungen für einen verbesserten Artenschutz zu leisten.

Eberhard Koch vermittelt im Hegau Streuobstwiesen

Solche Anstrengungen kann auch jeder Einzelne unternehmen und dabei unter anderem auf die Unterstützung des BUND zählen. Im westlichen Hegau beispielsweise vermittelt maßgeblich Eberhard Koch Streuobstwiesen an Familien. „Viele ältere Besitzer sind nicht mehr in der Lage, die Flächen zu versorgen, und auch ihre Angehörigen sehen keine Möglichkeit, diese Aufgaben zu übernehmen“, erklärt Koch. Zugleich gebe es viele Familien, die gerne eine Streuobstwiese betreuen würden. „Bislang haben wir im westlichen Hegau 20 Grundstücke vermittelt“, erzählt Eberhard Koch.

Der Naturschützer rät darüber hinaus jedem Gartenbesitzer zur Verwendung einheimischer Pflanzen, da die meisten Insekten sich auf diese spezialisiert hätten. Auch sollte das Grundstück nicht komplett aufgeräumt werden, damit für Tiere Rückzugs- und Verpuppungsbereiche erhalten bleiben.

Eberhard Koch ist im Hegau bekannt für seinen Einsatz zum Erhalt von Streuobstwiesen.
Eberhard Koch ist im Hegau bekannt für seinen Einsatz zum Erhalt von Streuobstwiesen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Auch ein verändertes Konsumverhalten könne laut Koch viel zum Artenschutz beitragen. Gerade mal vier Prozent der Lebensmittel in Deutschland entfielen auf Bio-Produkte: „Das könnte mehr sein“, findet Koch. Das Argument des höheren Preises lässt er nur in Teilen gelten: „20 Prozent der Bevölkerung sind wegen ihrer geringen Einkommen in der Tat nicht in der Lage, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben. Genau diese 20 Prozent hinterlassen im Vergleich aber auch keine großen Fußabdrücke in der Klimabilanz. Doch von den restlichen 80 Prozent könnten viele mehr tun. Diese 80 Prozent dürfen sich nicht hinter den 20 Prozent verstecken.“

Zu jenen 20 Prozent könnten auch viele Landwirte gehören, wenn man Eberhard Kochs Argumentation folgt: „Wenn ein Landwirt als Freiberufler finanziell auf der gleichen Stufe mit einem Busfahrer steht, dann stimmt doch was nicht.“ In einer solchen Situation würde ein pauschales Verbot von Pestiziden viele Landwirte an ihre Grenzen bringen. Deshalb tue der BUND im westlichen Hegau viel für den Artenschutz, wolle dies aber nicht auf Kosten der Landwirte tun.

Philipp Haug empfiehlt Gärtnern Geduld statt Gift

Eine ähnliche Haltung vertritt Philipp Haug, er ist ökologischer Berater der Insel Mainau in Fragen der Nachhaltigkeit. Haug tritt für einen stärkeren Konsum regionaler Produkte ein, auch weil Baden-Württemberg schon den höchsten Standard umweltverträglicher Lebensmittelproduktion habe. Die Gesellschaft müsse aber auch davon abkommen, den größten Teil der jährlich 60 Milliarden Euro EU-Subventionen in die Flächen zu stecken. Der Anteil für umweltbezogene Maßnahmen müsse größer werden. Prägnant sagt er: „Die Gesellschaft muss bereit sein, eine enkeltaugliche Landwirtschaft zu finanzieren.“ Auch gerade deshalb, weil diese Gesellschaft zurecht einen besseren Arten- und Naturschutz einfordere.

Zur Insel Mainau gehört auch dieses Versuchsfeld auf dem Festland gegenüber der Blumeninsel.
Zur Insel Mainau gehört auch dieses Versuchsfeld auf dem Festland gegenüber der Blumeninsel. | Bild: Insel Mainau/Tobias Mayer

Für diesen kann die Gesellschaft selbst etwas tun. Das fängt schon bei der Balkonbepflanzung an. Kräutern misst Philipp Haug eine große Bedeutung bei, man müsse sie aber auch blühen lassen. Diese Geduld brauche es immer wieder. „Blattläuse sind aufs Erste natürlich lästig“, sagt Haug und erklärt: „Man muss einem System Zeit lassen, damit es sich einspielt. Blattläuse kann man abstreifen, da braucht es kein Pflanzenschutzmittel, auch kein biologisches. Bei einer Bepflanzung kommen immer zunächst die Schädlinge, dann aber auch Nützlinge. Die Schwebfliege zum Beispiel frisst zwar keine Blattläuse, aber ihre Larven tun es.“

Ausgewogene Mischung aus mehreren Pflanzensorten

Die Diskussion beim Volksbegehren fokussiere sich auf die Honigbiene, findet Haug. „Die Mainau hat aber das gesamte Spektrum im Auge.“ Wichtig sei eine ausgewogene Mischung aus Früh- und Spätblühern, gefüllten und ungefüllten Blüten, beispielsweise aus fertigen Blühmischungen. „Obstgehölze sind zwar für Insekten sehr attraktiv, aber nur für kurze Zeit. Besonders gut geeignet für Gärten seien mehrjährige Stauden.

Der Insektengarten auf der Insel Mainau hält für Gartenbesitzer viele Anregungen zur naturfreundlichen Gestaltung bereit.
Der Insektengarten auf der Insel Mainau hält für Gartenbesitzer viele Anregungen zur naturfreundlichen Gestaltung bereit. | Bild: Insel Mainau/Peter Allgaier

Bei Buchsbäumen seien Sorten mit großen Blättern nach Erfahrung der Mainaugärtner widerstandsfähiger gegen den Zünsler. Gartenbesitzern rät Philipp Haug, Totholz, Steine und offene Bodenstellen zuzulassen. Und der Rasenmäher sollte ruhig mal später eingesetzt und das Mähgut liegen gelassen werden. Tipps für Insektengärten gebe die Mainau bei Spezialführungen oder über das „Grüne Telefon“.

Steingärten hält Philipp Haug nicht pauschal für tierfeindlich. Findlinge mit Lücken und Kräuterbepflanzung oder auch wasserspeichernde Sukkulenten können seiner Einschätzung nach durchaus Lebensräume bieten, reine Kiesflächen hingegen nicht.

Podiumsdiskussion des SÜDKURIER

  • Termin: Bei einer Podiumsdiskussion des SÜDKURIER am Dienstag, 8. Oktober, 19 Uhr, legen im Konstanzer Konzil Befürworter und Gegner des Volksbegehrens Artenschutz „Rettet die Bienen“ ihre Argumente dar. Die Initiatoren des Volksbegehrens müssen bis zum 23. März nächsten Jahres 770 000 Unterschriften für ihren Gesetzentwurf gesammelt haben.
  • Der Ablauf: Moderiert wird der Abend von Jörg-Peter Rau, Mitglied der Chefredaktion des SÜDKURIER. Werner Räpple, Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands, und Johannes Enssle, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes, eröffnen mit kurzen Statements zum Volksbegehren Artenschutz die Veranstaltung. Anschließend diskutiert ein mit Fachleuten besetztes Podium, weitere Experten ergänzen ihre Ausführungen. Im Anschluss kann das Publikum sich an der Diskussion beteiligen.
  • Die Teilnehmer: Bisher zugesagt haben die Haupt-Diskutanten Johannes Enssle (Naturschutzbund), der Konstanzer Landwirt Heinrich Fuchs und Christian Scheer (Pflanzenschutzexperte vom Kompetenzzentrum Obstbau KOB in Bavendorf). Weitere Experten sind Martin Schröpel (Vorsitzender des Imkervereins Konstanz), Jürgen Riedlinger (Vermarkter vom Fruchthof Konstanz) sowie Beate Vollmayer (Winzerin aus Hilzingen).