Gespannt steht Robert Wishaupt, 66 Jahre, mit seinem Enkel Samuel am Bahnsteig Fürstenberg in Konstanz. Der Seehas Richtung Konstanz fährt ein. „Was denkst du: Ist das ein kurzer oder ein langer Zug?“, fragt er den Dreijährigen. Der kleine Mann überlegt kurz. „Ein langer“, sagt er. 

Jeden Morgen steigen an der Station Hegne viele Schüler aus, die zur Schule Marianum müssen. Wenn der Zug nicht in doppelter Traktion fährt, ist es im Zug immer sehr voll.
Jeden Morgen steigen an der Station Hegne viele Schüler aus, die zur Schule Marianum müssen. Wenn der Zug nicht in doppelter Traktion fährt, ist es im Zug immer sehr voll. | Bild: Steinert, Kerstin

Samuel und sein Opa zählen nach. „Nur ein Waggon. Das ist ein kurzer Zug“, sagt Opa Wishaupt und schüttelt den Kopf. Viel zu oft, findet der 66-Jährige, verkehre der Zug mit nur einem Waggon. Besonders zu den Stoßzeiten, morgens und abends, fühle man sich wie Sardinen in der Büchse, sagt Wishaupt. Er will das nicht mehr hinnehmen und schreibt eine Beschwerde-E-Mail an die SBB (Schweizer Bundesbahn).

Außerplanmäßige Sanierungen

Das Problem der überfüllten Züge am Morgen sei der SBB bewusst, schreibt diese zurück. Tatsächlich seien die Schülerzüge, so nennt die SBB die vollen Züge in den Morgenstunden, nicht in gewohnter Doppeltraktion gefahren. Einfachtraktion bedeutet, nur ein Zug fährt anstatt zwei miteinander verbundene Züge (Doppeltraktion). Grund seien Sanierungsarbeiten an den Fahrzeugen.

Das könnte Sie auch interessieren

„Seit vergangenem Jahr befinden sich unsere Fahrzeuge in einer umfangreichen außerplanmäßigen Instandhaltung, weshalb nicht immer alle Fahrzeuge zur Verfügung stehen“, bestätigt auch Daniel König, Pressesprecher beim Seehas-Betreiber SBB Deutschland, auf Anfrage des SÜDKURIER. Deshalb könne es vorkommen, dass Züge in den Hauptverkehrszeiten als Einfachtraktion verkehren. „Seit vergangener Woche fahren wir zu den Stoßzeiten wieder in Doppeltraktion.“

15 Jahre alte Triebwagen werden saniert

Dass die Züge nicht mehr in gewohnter Stärke fahren, habe spürbare Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Fahrgäste, sagt Robert Wishaupt. „Erst neulich sind so viele Schüler an der Station Reichenau-Waldsiedlung eingestiegen, dass es richtig eng wurde. So eng, dass einige Schüler sogar Panik bekommen haben“, berichtet der Rentner von den Beobachtungen seiner Frau. Zum Glück fuhren die meisten Schüler nur bis Hegne.

Zug um Zug würde das Schweizer Unternehmen die Triebwagen sanieren. „Die Züge sind 15 Jahre alt“, sagt König. Reparaturen und Sanierungen seien daher unumgänglich. In den Werkstätten der SBB in Bellinzona (Schweiz) erhalten die Wagen zum Beispiel einen neuen Unterbodenschutz. Anschließend folgt im Reparaturzentrum in Zürich-Altstetten die Sanierung der Außenhaut, schreibt die SBB.

Ab 2021 werden mehr Züge fahren

Zudem tue der Herbst den Wagen auch nicht gerade gut, erklärt König: „Wenn sie manchmal so ein ‚bong, bong, bong‘ bei der Zugfahrt hören, dann sind die Räder in Mitleidenschaft gezogen.“ Im Herbst würde niederfallendes Laub und Feuchtigkeit einen Schmierfilm auf den Schienen hinterlassen. Dadurch würde eine Flachstelle an dem Rad entstehen. Statt zu rollen, rutsche das Rad über die Schienen. „Eine klassische Abnutzungserscheinung, die zeitnah besetigt wird“, sagt König. Immerhin fahre ein einzelner Seehas-Zug pro Tag etwa 800 Kilometer.

Daniel König ist bei der Seehas-Betriebsgesellschaft SBB Deutschland GmbH zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Qualitätssicherung. Bild: SBB
Daniel König ist bei der Seehas-Betriebsgesellschaft SBB Deutschland GmbH zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Qualitätssicherung. | Bild: Domgörgen, Franz

Die SBB liege mit ihren Sanierungsarbeiten „voll im Zeitplan“. Neun Züge betreibt die SBB für die Seehas-Linie. Bis Ende 2020 werden diese nach und nach repariert, „sodass ab 2021 alle neun Züge saniert sein müssten“, sagt König. Aber auch jetzt könne wieder öfter mit Doppelzügen gefahren werden – vor allem bei den Schülerzügen. Ein zusätzliches Fahrzeug aus der Schweiz sei für die „deutsche Infrastruktur fit gemacht“, schreibt die SBB an Wishaupt.

Das Land errechnet benötigte Züge

Einfach mit mehr Zügen oder öfter fahren, das könne die SBB aber nicht, sagt König. „Unsere Fahrgastzahlen steigen zwar von Jahr zu Jahr. Aber wir haben einen Vertrag mit dem Land Baden-Württemberg, die genau festgelegt, wie oft und mit vielen Zügen wir fahren dürfen“, erklärt der Pressesprecher.

Pro Jahr werde das Verkehrsvolumen vom Land bestellt. Dieses richte sich nach dem Zielkonzept des Schienenpersonennahverkehr (SPNV) 2025 Landes. Grundsätzlich bestelle das Land einen täglichen Halbstundentakt, sagt Edgar Neumann, Sprecher des Ministeriums für Verkehr in Baden-Württemberg. Für den Abschnitt Konstanz-Singen seien aktuell drei Züge pro Stunde eingeplant. Das werde durch zwei Seehas-Züge und die Schwarzwaldbahn erreicht. Für die Abschnitte Singen-Engen seien nur zwei Züge pro Stunde angedacht.

Aber was ist, wenn der Bedarf steigt? „Grundsätzlich ermöglicht der Vertrag mit der SBB die Bestellung zusätzlicher Züge, sofern diese aus dem vorhandenen Fuhrpark gefahren werden können“, sagt Neumann. Allerdings seien alle verfügbaren Züge tagsüber schon im Einsatz. Etwas Hoffnung spendet Daniel König von der SBB: „Ab 2021 werden wir mit zusätzlichen Doppeltraktionen unterwegs sein, zum Beispiel an den Wochenende.“

In der Vorweihnachtszeit verkehrt Seehas am Wochenende öfter

Aber wie verhält es sich bei Großveranstaltungen wie dem Konstanzer Weihnachtsmarkt? „An den Wochenenden des Weihnachtsmarktes fahren wir verstärkt“, sagt Daniel König von der SBB. Keiner müsse befürchten, nach dem Besuch des Weihnachtsmarktes nicht mit dem Seehas nach Hause fahren zu können, weil er zu voll sei.