Ralf Scheel kann keinem die Hand geben, er kann sich in seinem Bett nicht drehen, er könnte sich nicht einmal selbst helfen, wenn ihm der Schlauch seines Beatmungsgeräts aus dem Mund gleiten würde. Der 52-Jährige ist vom Hals abwärts vollständig gelähmt. Sein Körper ist bewegungsunfähig, doch der Geist ist quicklebendig.

52-Jähriger an unheilbarer Muskellähmung erkrankt

Der Mann, der vor vier Jahren an der unheilbaren Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) erkrankte, die mit fortschreitenden Muskellähmungen einher geht, steht, wie schon vor der Erkrankung, mitten im Arbeitsleben. Für die Handwerkskammer Konstanz arbeitet er halbtags in der Abteilung Kommunikation und Marketing. Eine Pflegekraft begleitet ihn dorthin, im Büro steht ihm eine Arbeitsassistenz für Handreichungen zur Seite. Am Arbeitsplatz ist alles so eingerichtet, dass Ralf Scheel trotz der Behinderung seine Aufgaben wie die Betreuung der Imagekampagne erledigen kann. Seinen Computer kann er beispielsweise über die Augen steuern. Die Kollegin und Sprecherin der Handwerkskammer Muriel Claus sagt über Ralf Scheel: "Das ist ein geschätzter Kollege, mit dem wir weiter zusammen arbeiten wollen." Doch jetzt bangt dieser um seine Arbeit und seine Eigenständigkeit. Der Grund: Der dramatische Mangel an Pflegekräften, von dem die Stadt Konstanz mit ihrer Wohnungsnot besonders betroffen ist.

Vorübergehend im Pflegeheim

Seit drei Jahren ringen Ralf Scheel und die gelernte Pflegefachkraft Nadja Fischer um die 24-Stunden-Betreuung in den eigenen vier Wänden. Immer wieder droht sie am Mangel an Pflegekräften zu scheitern. Ohne den Dauereinsatz von Nadja Fischer hätte Ralf Scheel schon längst wieder dorthin müssen, wo er schon war – in ein Pflegeheim oder alternativ in eine Wohngemeinschaft für beatmete Patienten. Dort aber, so berichtet Ralf Scheel aus den bisherigen Erfahrungen, könne er kaum mehr erwarten als die lebenserhaltende Versorgung. Für eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Betreuung fehle es dort an Personal.

Er will teilhaben am Leben

Ralf Scheel will teilhaben an der Gesellschaft, er will seine Arbeitskraft einbringen, er will Konzerte und Vorträge besuchen, Ausflüge machen, vielleicht sogar ein wenig reisen. Er will nicht nur im Bett liegen, wo die Gefahr steigt, dass er eine lebensgfährliche Lungenentzündung erleidet. Für einen aktiven, selbstbestimmten Alltag benötigt er 24 Stunden lang eine Pflegefachkraft an seiner Seite. Inklusive Urlaub und andere Fehlzeiten ist ein Team von vier bis fünf Fachkräften nötig, die sich in Schichten um ihn kümmern. Die Finanzierung ist nicht das Problem: Die Krankenkasse zahlt das, aber einen Pflegedienst aufzutreiben, der dies leisten kann, ist nahezu unmöglich in Konstanz, berichten Ralf Scheel und Nadja Fischer. Um überhaupt eine Chance zu haben, suchten sie auf eigene Faust Fachkräfte, und stellten so ein Team zusammen, das dann bei einem Pflegedienst angestellt wurde. Die Pfleger arbeiteten in drei Schichten. Das funktionierte, bis eine länger andauerende Erkrankung einer Pflegekraft und die Kündigung einer anderen, das mühsam aufgebaute System zum Wanken brachte. Jetzt sind Ralf Scheel und Nadja Fischer wieder auf der Suche nach Fachkräften.

Die Verantwortung ist groß

„Man braucht acht Hände und fünf Köpfe“, sagt Nadja Fischer, die gelernte Fachkraft in der Pflege mit Spezialisierung auf Patienten mit ALS, über die mühsame Rekrutierung von neuen Helfern. Weil der Patient beatmet ist und für jede Bewegung Unterstützung benötigt, kommen nur examinierte Alten-, Kinder- oder Krankenpfleger in Frage, was die Aufgabe zusätzlich erschwert. Die Verantwortung ist groß: Ein Fehler bei der Beatmung könnte ihm das Leben kosten. Der 52-Jährige braucht Menschen, die ihn bewegen, weil seine Muskulatur ansonsten verkrampft, die sich trauen, ihn in den Rollstuhl zu setzen, und mit ihm das Haus zu verlassen. Er braucht Helfer, die die Geduld aufbringen können, ihn millimeterweise in eine schmerzfreie Position im Liegen oder Sitzen zu rücken. Denn obwohl Ralf Scheel gelähmt ist, ist jede Faser seines Körpers empfindungsfähig. Das bedeutet auch, jede Falte im Betttuch oder jede andere Druckstelle kann zur Qual werden. Die 35 Jahre alte Nadja Fischer hat durch enormen ehrenamtlichen Einsatz Ralf Scheel unterstützt, damit er sich ein eigenständiges Leben aufbauen konnte.

Bis an die Belastungsgrenze

2015 hatten sie sich in einer Klinik kennen gelernt. Damals war Ralf Scheel in einem Konstanzer Pflegeheim, doch es zeichnete sich ab, dass die Hilfen dort und seine Bedürfnisse immer weniger zusammen passten. Ihm gelang es, eine behindertengerechte Wohnung zu mieten. Dort sollte der Pflegedienst, der im Heim die zusätzliche Betreuung in der Nacht übernommen hatte, die 24-Stunden-Präsenz übernehmen. Doch das klappte nicht. Nadja Fischer sprang ein, half ein Pflegeteam zu organisieren und stieg selbst in die Betreuung ein. Immer wenn es Probleme gab, war sie als Überbrückung zur Stelle, bis an die Belastungsgrenzen. Mit dem Team sollte sich das alles ändern, es klappte, bis die Langzeitkrankmeldung kam. „Ich will ein gutes und aktives Leben führen, aber es hängt von den Pflegekräften ab“, sagt Ralf Scheeel. Und dann sagt er noch: „Ich fühle mich wie gesund. Ich kann mich nur nicht bewegen.“

Kontakt: Wer Ralf Scheel helfen kann sich, per Mail an ihn wenden: ralf.scheel@gmx.de

 

Kaum Pflegekräfte auf dem Markt

  • Die Krankheit: Bei der Amyotrophen Lateralsklerose handelt es sich um eine nicht heilbare Erkrankung des für Bewegungen zuständigen Nervensystems. Sie geht mit fortschreitenden Muskellähmungen einher. Daraus können sich je nach Verlauf Schwierigkeiten ergeben, zu sprechen, zu atmen oder zu schlucken. Erste Symptome können Muskelzuckungen, Muskelkrämpfe, Muskelschwächen sein. Die Sinneswahrnehmungen und das Denkvermögen bleiben in der Regel völlig intakt. Prominenter Betroffener der Krankheit war der kürzlich verstorbene Astrophysiker und geniale Denker Stephen Hawking. Die Ursachen der Krankheit sind nicht geklärt.
  • Das Fachkräfte-Problem: Der Markt für Pflegekräfte im Kreis Konstanz ist weitgehend leergefegt. Beim ersten Pflegegipfel des Landkreises im Winter hieß es, bei der Arbeitsagentur seien mehr als 100 Stellen in der Alten- und Krankenpflege gemeldet, aber keine einzige sofort vermittelbare Kraft. Der tatsächliche Personalbedarf wird als deutlich höher eingeschätzt, weil längst nicht alle offenen Stellen an die Arbeitsagentur gehen. Ein weiteres Alarmzeichen sind die hohen Aussteigerraten. Nach 12 Jahren und sieben Monaten sei im Schnitt Schluss. Vom Fachkräftemangel sind Pflegeheime und Pflegedienste betroffen, aber auch Behinderte, die im Rahmen einer persönlichen Assistenz Unterstützung benötigen.