Diese Bilder vom Bodensee gingen um die Welt: Luftaufnahmen wie Gemälde, die breite hellgelbe Strände zeigen zwischen dem Schilf­saum von Naturschutzgebieten wie dem Wollmatinger Ried und der Wasserkante des Bodensee-Untersees. Hier hatte sich der Pegel besonders augenfällig zurückgezogen im Herbst 2018. Die einen schwärmen bei diesem Anblick vom karibischen Flair. Andere bewerten die lange Niedrigwasserphase im Nachhinein äußerst kritisch.

Weite Wege vom Wollmatinger Ried bis in den Flachwasserbereich: Niedrigwasser am Untersee im vergangenen Herbst (in der Mittel die Insel Reichenau). Plötzlich waren die Schutzgebiete zu klein für die Wasservögel.
Weite Wege vom Wollmatinger Ried bis in den Flachwasserbereich: Niedrigwasser am Untersee im vergangenen Herbst (in der Mittel die Insel Reichenau). Plötzlich waren die Schutzgebiete zu klein für die Wasservögel. | Bild: Gerhard Plessing

Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB), die seit 1958 regelmäßig den Bestand der Wasservögel ermittelt, macht im Zuge ihrer Datenerhebungen für das Winterhalbjahr 2018/19 auf ein Phänomen aufmerksam. So hat es sich laut OAB gezeigt: Wenn breite Flachwasserzonen trockenfallen, muss sich ein Großteil der Vögel Richtung Wasserfläche orientieren. Sie halten sich dann verstärkt außerhalb der ausgewiesenen Schutzzonen auf und werden dort unter Umständen durch andere Seenutzer aufgeschreckt. Zum Beispiel durch Wassersportler oder Bootfahrer, die sich außerhalb der Schutzgebiete auf der sicheren Seiten wähnen können. Um Störungen von vielen Tausenden gefiederten Wintergästen zu vermeiden, "müssen die seeseitigen Naturschutzgebiete dringend ausgeweitet werden", schreibt die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft in ihrer Bestandsaufnahme für den Monat November 2018. Der Konstanzer Harald Jacoby, Mitbegründer und Vorstandsmitglied der OAB, erläuterte: In extremen Niedrigwasserphasen würden die Vögel aus den Schutzgebieten gedrängt. "Wir brauchen temporär flexible Schutzzonen für die Wasservögel", sagt Jacoby. Dies sei Konsens in der seeumspannenden Ornithologen-Vereinigung wie auch im Naturschutzbund, der viele Schutzgebiete am Bodensee betreut.

Einmal im Monat schwärmen die Zähler aus

Die März-Zählung der OAB steht noch bevor. Dafür schwärmen am übernächsten Sonntag 40 bis 50 Feldornithologen mit Stativen, Ferngläsern und Fernrohren aus – am Schweizer, Vorarlberger und am deutschen Seeufer. Im April ist dann die Bestandsaufnahme für das Winterhalbjahr komplett. Bemerkenswerte Erkenntnisse gibt es aber schon jetzt. Sicher ist: Der Bodensee bleibt als Winterquartier für zahlreiche Zugvogelarten beliebt. Im Dezember 2018 hat die OAB mehr als 225 000 Wasservögel gezählt. Der Wert liegt deutlich über dem langjährigen Mittel (1985 bis 2015) von 205 000. Am stärksten vertreten waren im Dezember Tafelenten, Reiherenten und Blesshühner mit insgesamt etwa 150 000 Artgenossen. Gleichwohl seien Tafelenten und Reiherenten nicht mehr so dominant, wie es mal der Fall war, informiert Harald Jacoby. Der Feldornithologe vermutet, dass sich hier Zugwege der aus Russland kommenden Wasservögel verschieben. Fallen die Winter milder aus, bleiben Tafel- und Reiherente in nördlicheren Gefilden.

Watvögel und viele Höckerschwäne

Der niedrige Pegel im Herbst hat übrigens für eine Reihe von Vogelarten besonders günstige Bedingungen geschaffen und gefiederte Gäste an den Bodensee gebracht, die ansonsten hier selten oder gar nicht zu beobachten sind. So wurden im September 2018 neben dem Austernfischer 22 weitere Watvogelarten gesichtet. Zuwächse zeigten sich auch bei den Enten, die nicht tauchen können. Die sogenannten Gründelenten taten sich bei niedrigem Wasserstand mit der Nahrungssuche leichter. Gleiches gilt auch für den Höckerschwan. Der Pflanzenfresser erreicht bei Niedrigwasser viel besser die beliebte Armleuchteralge. Über 4000 Höckerschwäne zählten die OAB-Aktiven im Dezember – ein Höchstwert.

Das Buch und das Boot

Die Datensammlung: Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB) hat die Bestandsentwicklung der Wasservögel in einem Buch zusammengefasst und damit einen riesigen Datenschatz für die Öffentlichkeit erschlossen. Das 320 Seiten starke Werk ("55 Jahre Wasservogelzählung am Bodensee", 1961 bis 2016) mit informativen Texten und zahlreichen Bildern ist in der Reihe "Der Ornithologische Beobachter" erschienen und kann für 25 Euro im Nabu-Bodenseezentrum Reichenau, Am Wollmatinger Ried 20, bezogen werden (www.nabu-bodenseezentrum.de).

Opfer eines Brandanschlags: das Forschungsschiff Netta.
Opfer eines Brandanschlags: das Forschungsschiff Netta. | Bild: Harald Jacoby

Die Erschwernisse: Nicht immer war die Akzeptanz der Arbeit der Vogelschützer so groß wie heute. In einem Beitrag in dem Buch beschreibt die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft, wie es zuging in den 1970er und 1980er Jahren. In der Auseinandersetzung um die Einrichtung von Schutzgebieten und die Einschränkung der Vogeljagd wurden die Gegner der Vogelschützer rabiat. So verübten Unbekannte 1982 einen Brandanschlag auf das OAB-Forschungsschiff Netta.