Mira Förster setzt ihren roten Helm mit Hörschutz auf, lässt die Motorsense an und dann geht's los. Die 19-jährige Praktikantin auf dem Konstanzer Haettelihof hat an diesem Morgen den Auftrag, im Wittmoos oberhalb von Wallhausen eine Wiese zu mähen. Auf dieser Fläche, die in einem europäisch geschützten Naturrefugium liegt, hat sich die Goldrute massiv ausgebreitet. Die gelb blühende Pflanze wuchert hier fast kopfhoch. Sie zählt zu den sogenannten Neophyten, den neuen Pflanzen. Die Neophyten kommen nicht von Natur aus am Bodensee vor, sie wurden absichtlich oder unabsichtlich eingeführt oder eingeschleppt. Und viele dieser Neophyten haben das Zeug dazu, die heimischen Pflanzen zu verdrängen.

Der Forstingenieur Tilo Herbster macht das im Wittmoos, einem Standort mit herrlichem Blick auf den Überlinger See, deutlich. Lässt man die Goldrute auf der Wiese gewähren, sind in wenigen Jahren alle heimischen Blüher verdrängt. Statt saftigen Grases mit Klee und Kräutern recken sich nur noch dicht an dicht die Stängel der Goldrute gen Himmel. Freude hätte daran am Ende nicht einmal mehr der Imker. Und so verrichtet an diesem Morgen Mira Förster ihre Arbeit. Die junge Frau aus Bielefeld will im Herbst ein Landwirtschaftsstudium aufnehmen. Bis dahin leistet sie ein Praktikum ab auf dem Hof von Thomas Schumacher.

Der Biobauer ist fest eingebunden in das Netzwerk der Landschaftspflege am westlichen Bodensee. Während Mira Förster mit Freischneider und Mulchkopf im Einsatz ist, setzt Schumacher Pfähle für einen mobilen Weidezaun. Auch das Beweidungsprojekt ist Bestandteil der Landschaftspflege. Schumacher ist einer von 150 Vertragspartnern des Landschaftserhaltungsverbands (LEV) im Landkreis Konstanz und die Bekämpfung von Neophyten in diesen Wochen eine der wichtigen Aufgaben. Neben der Goldrute kämpfen die Landschaftspfleger zum Beispiel auch gegen die massive Ausbreitung des Drüsigen Springkrauts, des Japanknöterichs und des giftigen Jakobskreuzkrauts, das häufig an Wegrändern zu finden ist. Um die Eindringlinge in Schach zu halten, investiert der Konstanzer Landschaftserhaltungsverband pro Jahr 200 000 bis 300 000 Euro. "Tendenz steigend", sagt LEV-Geschäftsführer Herbster. Wichtig sei der richtige Zeitpunkt für den Einsatz. Die Landschaftspfleger müssen zupacken, bevor aus Blüten Samen werden, und die Neophyten sich noch weiter ausbreiten.

In einem Infopapier wirbt der LEV für seine Aktivitäten. Da heißt es mit Blick auf die neuen Pflanzen: "Unsere sensiblen Ökosysteme sind auf diese Neubürger nicht eingestellt. Es fehlen die Gegenspieler." Es gelte zu verhindern, dass wertvolle Artengemeinschaften in Schutzgebieten verdrängt werden. Thomas Schumacher ist Nachhaltigkeit wichtig: "Wir brauchen da ein enkeltaugliches Konzept."

3000 Pflanzenarten

  • Neophyten: Als neue Pflanzen (Neophythen) gelten gebietsfremde Arten, die sich nach der Entdeckung Amerikas durch Einfluss des Menschen bei uns angesiedelt haben. Laut Studie der Uni Konstanz gibt es im Kreis Konstanz 3000 ausgewilderte Neophytenarten. Die meisten fügen sich ins Ökosystem ein.
  • Der Landschaftserhaltungsverband leistet im Auftrag des Landes Landschaftspflege. 1,3 Millionen Euro fließen jährlich über den LEV in den Erhalt der Schutzgebiete.