Tja, wen würden Sie denn jetzt wählen? Ist der eine vielleicht mehr der Praktiker und der andere der Analytiker? Was fällt für wen in die Waagschale? Zwei Stunden lang haben annähernd 200 Besucher im Radolfzeller Milchwerk das SÜDKURIER-Podium zur Landratswahl verfolgt.

Einige haben auch selbst Fragen gestellt und mitgeredet. Doch am Ende fällt die Bewertung schwer. Hätte das Publikum entscheiden müssen, wer ab 1. Mai neuer Landrat im Kreis Konstanz wird, die Abstimmung wäre vermutlich völlig offen gewesen. Alles sieht nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus.

Ganz nah dran am Bürger

Nun ist es so, dass nicht die Bürgerschaft den neuen Hausherrn im Landratsamt wählt, sondern der Kreistag. Doch die rege Teilnahme an der Veranstaltung zeigt, dass diese Behörde und ihr Chef doch nah dran sind am Bürger.

Genau darauf hat zu Beginn der Radolfzeller Oberbürgermeister Martin Staab hingewiesen, der Hausherr im Milchwerk, der selbst Kreistagsmitglied ist. Ob Bauaufsicht, Autozulassung oder Jugendhilfe: Es gibt viele Kontaktpunkte.

Es ist kein Abend der langen Monologe, sondern der Überraschungsfragen und der mehr oder weniger präzisen Antworten. Moderator Jörg-Peter Rau, Mitglied der SÜDKURIER-Chefredaktion, will eingangs wissen: "Was sagt man über Sie als Führungskraft?"

Kandidat Zeno Danner (40), derzeit Erster Landesbeamter und Landrat-Stellvertreter im Landkreis Calw, beschreibt sich als "ordentlicher Chef, der seine Mitarbeiter wertschätzt". Kandidat Dirk Schaible (49), derzeit Bürgermeister in Freiberg am Neckar, beschreibt sich als Teamplayer, der gut zuhören kann, aber auch als entscheidungsfreudigen Menschen, der weiß was er will.

Wer soll's schaffen, wenn nicht Deutschland?

Im Podiumsgespräch bleibt es allerdings nicht bei Selbsteinschätzungen. Die wichtige Position der Kandidaten zu Integration und Migration? "Die Flüchtlinge suchen Obdach und brauchen eine Unterkunft. Das hat gut funktioniert", sagt Schaible.

Die Migranten sollten wertvolle Mitglieder der Gesellschaft werden und auch etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Und Danner fragt: "Wer soll es schaffen, wenn nicht Deutschland?" Bei der Integration gibt es für ihn drei wichtige Punkte: "Sprache, Sprache, Sprache."

Für Dirk Schaible ist der Wohnraummangel "das größte Problem, das wir gerade haben". Wäre er Landrat in Konstanz, würde er ein Bündnis für bezahlbaren Wohnraum schmieden und alle an einen Tisch holen. Zeno Danner hält nichts davon, Naturschutzgebiete für den Wohnungsbau zu opfern.

Um den Pflegeberuf attraktiver zu machen, sei es notwendig, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. "Die Rahmenbedingungen müssen stimmen", sagt auch Bewerber Schaible.

Frage nach Windkraft, Sorge um Landwirtschaft

Der Moderator bringt weitere Themen ins Spiel: die Mobilität, den Fluglärm, die Schweizer Atomlager-Pläne im Grenzgebiet. Was den Fluglärm angeht, empfehlen beide Bewerber, man müsse mit der Schweizer Seite im Gespräch bleiben. Gerade bei den übergeordneten politischen Themen spielen sich die Konkurrenten auch schon mal die Bälle zu.

Schaibles Ausführungen zur Standortsuche für ein Atomlager ("So was will niemand vor der eigenen Haustür. Die Entscheidungsprozesse müssen offen gestaltet werden.") kommentiert Danner mit dem Hinweis: "Herr Schaible hat viele richtige Sachen gesagt." An anderer Stelle formuliert Schaible: "Wie Herr Danner schon gesagt hat."

Die grüne Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger fragt nach Einschätzungen zur Windkraft. Landwirt und Kreisrat Stefan Leichenauer fordert Unterstützung für die regionale Landwirtschaft.

Die Region soll die Region bleiben: In der Fragerunde fordert Landwirt Stefan Leichenauer aus Tengen-Uttenhofen Unterstützung für die Landwirtschaft.
Die Region soll die Region bleiben: In der Fragerunde fordert Landwirt Stefan Leichenauer aus Tengen-Uttenhofen Unterstützung für die Landwirtschaft. | Bild: Jarausch, Gerald

Und der frühere Konstanzer Stadtkämmerer Hartmut Rohloff ringt den Kandidaten ein Bekenntnis zum Gesundheitsverbund ab. Beide wollen die stationäre Gesundheitsversorgung in kommunaler Hand erhalten. Eine rote Linie zur Privatisierung sieht niemand.

In Fettnäpfchen-Fallen tappen die beiden Kandidaten nicht. Und am Ende versichern sie sich gegenseitiger Wertschätzung. Woraufhin Moderator Jörg-Peter Rau bilanziert: "Heute Abend hat sich gezeigt, der politische Wettbewerb kann fair sein – auch in Zeiten, in denen viel von Politik- und Politikerverdrossenheit die Rede ist."