Konstanz Wenn behinderte Menschen ins Rentenalter kommen

Arbeit gibt auch behinderten Menschen Halt und dem Tag eine Struktur. Was passiert aber, wenn Behinderte in Rente gehen? Droht die soziale Isolation? Sozialplaner des Landkreises Konstanz beschäftigen sich in einem Pilotprojekt mit der Frage, wie Behinderten der Übergang in den Ruhestand erleichtert werden kann.

Kreis Konstanz – Guenter Bertrar (Name geändert) ist behindert. Er arbeitet in einer behüteten Werkstatt. Hier verrichten die betreuten Menschen einfache Tätigkeiten. Sie verpacken Dentalprodukte, oder sie bauen Nisthilfen und Vogelhäuschen zusammen. Bertrar wohnt bei seinen Eltern. Ein Fahrdienst holt ihn morgens ab und bringt ihn am Nachmittag zurück. Doch nun ist das Ende der Alltagsgestaltung abzusehen. Der Mann erreicht bald das Rentenalter und scheidet aus der Behindertenwerkstatt aus. Doch wie geht's weiter?

Der geschilderte Fall ist nur angenommen, die Problemstellung aber lebensnah. Wer kümmert sich um Menschen, die wegen körperlicher, geistiger oder seelischer Handicaps nur eingeschränkt belastbar sind, die im Alltag Unterstützung und Betreuung brauchen, wenn sie in Rente gehen? Wenn die Arbeit in der Behindertenwerkstatt wegfällt, wenn der Tag keine Struktur mehr hat? Und wenn die Familie mit der Betreuung allein so überlastet ist, dass sie selbst Hilfe benötigt? Das Sozialdezernat des Landkreises Konstanz und die beiden Caritasverbände Konstanz und Singen-Hegau wollen für die Problemstellung Lösungen erarbeiten. "Wir erleben derzeit in den Behindertenwerkstätten, dass die Menschen ins Rentenalter kommen. Die Träger der Behinderteneinrichtungen und die Familien werden mit dem Thema konfrontiert", sagt der Konstanzer Caritasvorstand Matthias Ehret. Allein in Singener Einrichtungen gehen in den nächsten drei bis fünf Jahren 15 bis 18 Personen in Rente, die derzeit in betreuten Bereich arbeiten, so erläutert Caritas-Fachbereichsleiter Jörg Hönle. Schätzungen zufolge könnten in den nächsten 15 Jahren kreisweit 241 Frauen und Männer mit Behinderung aus dem behüteten Arbeitsleben ausscheiden.

Das Sozialdezernat des Landkreises Konstanz macht die Weichenstellungen für Menschen wie Guenter Bertrar zum Thema eines Projekts unter dem Stichwort "Ruhestandslotsen". Die Erkenntnis: Es fehlt an ambulanten Angeboten für jene Behinderten, die aus dem Betrieb der behüteten Arbeit aussteigen müssen. Die Bezeichnung Ruhestandslotsen zielt einerseits auf ehrenamtliche Helfer, die sich zu bestimmten Zeiten um die Behinderten kümmern möchten, die Zeit einbringen wollen für eine Freizeitgestaltung, zum Beispiel einen Besuch im Kino. Andererseits sind auch jene Mitarbeiter des Sozialdezernats und der kooperierenden Caritas gemeint, die zunächst eine Bestandsaufnahme der Lage machen und dann praktische Konzepte entwickeln sollen.

"Regeleinrichtungen der Altenhilfe müssen sensibilisiert werden für die Integration" sagt Susanne Mende, Sozialplanerin beim Landkreis Konstanz. Das Projekt will ein Netzwerk der Hilfe knüpfen und nachhaltige Strukturen schaffen. Die Caritas-Verbände wollen nach Angaben des Singener Vorstands Wolfgang Heintschel "ihre Expertise für die Menschen einbringen". Auch der Konstanzer Landrat Frank Hämmerle hält es für wichtig, darüber nachzudenken, wie der Wechsel aus der Behindertenwerkstatt in die Rente gelingen kann. "Wir müssen die Teilhabe im Ruhestand ermöglichen", appelliert er. Hämmerle hält es für wichtig, dass die Familienangehörigen beteiligt und gut beraten werden.

Ruhestandslotsen

Das Projekt, das vom Kreis Konstanz und der Caritas getragen wird, will Menschen mit geistiger, körperlicher und psychischer Behinderung einen guten Übergang in die Rentenphase ermöglichen. Es geht um die Sicherung der Teilhabe am sozialen Leben und um eine möglichst selbstbestimmte Lebensgestaltung der Menschen. Dafür sollen sogenannte Ruhestandslotsen sorgen. Auch ehrenamtliche Helfer können sich einbringen. Die Initiative gilt landesweit als Pilotprojekt und wird drei Jahre vom Kommunalverband Jugend und Soziales Baden-Württemberg mit 30 000 Euro pro Jahr gefördert. Der Kreis steuert 70 000 Euro bei, die Caritasverbände 25 000 Euro. Von den Erkenntnissen aus dem Projekt sollen später auch andere Landkreise profitieren können. (fdo)

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