Es sind typische Szenen, wie sie die Fasnacht in der Region immer wieder schreibt. Norbert Heizmann nimmt bei der Konstanzer Fernsehfasnacht als Zöllner den Schweizer Einkaufstourismus und die grünen Ausfuhrkassenzettel aufs Korn und droht: "Ich komm' jetzt in die erste Reih' und stempel Euch ein Arschgeweih. Hämmerle jetz' los' mal zu, wenn's einer tragen kann, dann Du." Die Regie zeigt den Angesprochenen, den lauthals lachenden Konstanzer Landrat Frank Hämmerle. Er sagt im Nachgang: "Nein, über Narrenspäßle hab ich mich noch nie geärgert. Da gilt der Narrenspruch: 'nünt segge butzt!' Das heißt, nicht verseggelt, also genannt, werden ist schlimmer."

Dem Radolfzeller Oberbürgermeister Martin Staab, derzeit eine der Hauptpersonen einer E-Mail-Affäre, ging es beim Narrenspiegel der Narrizella Ratoldi nicht besser. Er und seine Partnerin Andrea Rehberger saßen bei der Veranstaltung im Publikum, Axel Heinzelmann und Stefan Bradtke spiegelten die beiden auf der Bühne. Die Staab-Kopie ließ sich von der Bemerkung einer Bürgerin, er könne sich beim Unkrautjäten nützlich machen, auf die Palme bringen. Der echte Staab dazu: "Meine Partnerin und ich haben köstlich über unsere in Mimik, Gestik und Aussehen unglaublich gelungenen Spiegelbilder gelacht und wurden natürlich auch zum Nachdenken angeregt."

Auch die Narren selber sind vor Narrenspiegelei nicht sicher. Michael Fuchs, Präsident des Fasnachtsmuseumsvereins Schloss Langenstein, sah sich bei der Verleihung des Alefanz-Ordens im Januar ebenfalls seiner eigenen Kopie gegenüber. Mit Narrenkappe und schwarzer Brille karikierte Michael Zehnle, Stockacher Gerichtsnarr und Loschore auf Langenstein, Michael Fuchs als Grüßaugust. Zuerst habe er gedacht, dass etwas schiefgehe, erzählt der echte Fuchs später, in der Generalprobe sei diese Nummer nicht vorgekommen. Doch Fuchs nutzt selbst gerne das närrische Florett. Seinem Kollegen sei er nicht böse, sagt er.

Allenthalben wird an der Fasnacht geneckt, gefrotzelt und geärgert, ob im Saal oder bei Straßenumzügen. Speziell junge Frauen erwischt es bei solchen Anlässen. Narren stopfen ihnen Stroh in den Kragen, andere landen im Stroh- oder Konfettibad auf einem fahrenden Wagen. Vorfälle wie der in Eppingen, bei dem am vergangenen Wochenende eine junge Frau schwere Verbrühungen mit kochendem Wasser erlitt, sind glücklicherweise die – schlimme – Ausnahme. Schabernack gehöre dazu, sagt Rainer Hespeler, doch dieser habe Grenzen. Er ist Präsident der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee, die nach eigenen Angaben 120 Zünfte vertritt. Für diese Zünfte legt er seine Hand ins Feuer: "Sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst", es gebe Richtlinien für den Umgang mit dem Publikum bei Umzügen. Wenn es Probleme gebe, steckten dahinter meist sogenannte wilde Gruppen, die sich keiner Vereinigung anschließen und nicht in die Ortsfasnacht integrieren wollen, sagt er. Mit echter Narrenspiegelei haben demnach die meisten von ihnen nichts zu tun.

"Frotzeln und Rempeln auf hohem Niveau, das ist für mich typisch Fasnacht", sagt Michael Fuchs. Er betont, dass es bei der Fasnacht nicht darum gehen könne, andere "plattzumachen" – auch wenn die Narren bei manch einer Veranstaltung durchaus kräftig hinlangen würden. Fuchs, der sich auch als Kulturwissenschaftler mit der Fasnacht beschäftigt, fasst es so zusammen: "Sticheln und hinterher die Pralinenschachtel aufmachen und sich vertragen." Ganz so blumig drücken es Ekkehard Greis und Mario Böhler aus Konstanz nicht aus, auch wenn das, was sie über die Fasnacht erzählen, in dieselbe Richtung weist. Greis ist seit fast 20 Jahren Präsident des Vereins Jakobiner Konstanz und war in diesem Jahr zum sechsten Mal Richter beim Jakobiner-Tribunal, das am Schmotzigen Dunschtig auf dem Konstanzer Obermarkt tagt. Bislang habe sich noch kein Angeklagter hinterher beschwert, erzählt er – und es habe auch niemand die Anfrage abgelehnt. Ähnliches berichtet Mario Böhler, Präsident der Konstanzer Narrengesellschaft Niederburg, über den Hemdglonkerumzug, bei dem am Schmotzigen Dunschtig die Konstanzer Schüler die Eigenheiten ihrer Lehrer aufs Korn nehmen. "Die Sprüche sind nicht nur freundlich", sagt er. Beklagt habe sich bislang noch niemand.

Ein Klassiker der Narrenschelte mit überregionaler Ausstrahlung ist das Stockacher Narrengericht, das sich auf eine jahrhundertelange Tradition zurückführt. Aktuell begeht man die Fasnacht im Jahr 667 nach Erznarr Hans Kuony. Schon die Gründungslegende lebt von der klassischen Geschichte vom Narren, der seinem Herrn einen (unerwünschten) Rat gibt und am Ende Recht behält. Man solle sich nicht nur Gedanken darüber machen, wie man in die Schweiz hinein-, sondern auch darüber, wie man wieder herauskomme, soll Kuony von Stocken anno 1315 vor der Schlacht am Morgarten Herzog Leo­­pold von Habsburg geraten haben. Leo­polds Heer erlitt eine Niederlage und der Narr hatte einen Wunsch frei. Dieser bat darum, dass die Einwohner seiner Heimatstadt Stockach jährlich ein Gericht abhalten dürfen. Leopolds Bruder Albrecht II. gewährte dieses Privileg im Jahr 1351, wodurch es zur Rechnung mit den 667 Jahren kommt.

Thomas Warndorf ist nicht nur Archivar des Stockacher Narrengerichts, sondern hat in diesem Jahr als Kläger gegen Landesinnenminister Thomas Strobl auch seinen 14. und letzten Einsatz – der 72-Jährige steigt zu Dreikönig 2019 aus dem Kollegium aus. Dass sich jemand nach einem Verhandlungstag beim Narrengericht geärgert habe, habe er noch nicht erlebt, erzählt er. Es gebe allerdings durchaus den umgekehrten Fall – dass Politiker angesäuert seien, wenn sie zu lange nicht eingeladen werden. Doch auch für ihn ist klar: "Ich senke nicht das Niveau" – auch wenn es für Witze unter der Gürtellinie möglicherweise Gejohle im Saal gäbe. Strobls Angriffe auf ihn selbst habe er zwar als unerwartet kräftig empfunden, "aber ich fand es in Ordnung" – schließlich müsse der Kläger die Zielscheibe sein, damit Stimmung aufkomme.

So viel gegenseitiger Respekt und Toleranz herrschten offenbar nicht immer. So berichtet Stephan Glunk, Zunftmeister der Singener Poppelezunft, dass der frühere Oberbürgermeister Friedhelm Möhrle mitunter sauer reagiert habe, wenn der legendäre, 2013 verstorbene Fasnachter Walter Fröhlich, bekannt als Wafrö, eine seiner scharfen Büttenreden gehalten habe. Heutzutage habe OB Bernd Häusler beim Narrenspiegel herzlich gelacht – auch wenn die Narren nach wie vor denselben Anspruch auf närrische Schärfe haben. Doch man versuche, dem Motto des Singener Poppele, "nicht zu wenig und nicht zu viel", gerecht zu werden.

Dass die Untergebenen an der Fasnacht die eine Gelegenheit im Jahr haben, der Obrigkeit die Meinung zu geigen, ist allerdings höchstens bedingt korrekt – zum Beispiel beim Hemdglonker der Konstanzer Niederburg mit seinen Schülersprüchen, wie Mario Böhler sagt. Ein solches Ventil ist heutzutage auch nicht unbedingt nötig. Michael Fuchs: "Wir leben in einer Demokratie und nicht im Obrigkeitsstaat. Ich kann meinem OB jederzeit Kritik antragen." Für die allermeisten Veranstaltungen der organisierten Fasnacht dürfte daher seine Diagnose zutreffen, dass sie eine Art Volksschauspiel seien. So sagt Ekkehard Greis über das Konstanzer Jakobinertribunal: "Wir wollen hauptsächlich, dass das Publikum Spaß hat." Und gegen die These vom Underdog-Narren spricht auch die Position, die viele Fasnachter im normalen Leben in der Gesellschaft einnehmen. Denn in den meisten Fällen stehen diejenigen, die für die typischen Fasnachtsszenen sorgen, mitten im bürgerlichen Leben.

 

Wie die Gesellschaft die Fasnacht prägt

Es ist nicht nur der Narr, der der Gesellschaft den sprichwörtlichen Spiegel vorhält. Auch die Art, wie die Fasnacht gefeiert wird, spiegelt wider, wie die Gesellschaft an einem Ort organisiert ist. Drei Beispiele:

  • Stockacher Narrengericht: Diese Institution der Fasnacht führt sich auf ein jahrhundertealtes Privileg zurück. Darin festgeschrieben ist auch die Höchstzahl von 21 Gerichtsnarren. Die Folge: Das Stockacher Narrengericht ist allein aufgrund dieser Konstruktion eine ziemlich elitäre Veranstaltung. So erklärt es Thomas Warndorf, langjähriger Archivar und Kläger in Stockach. Gleichzeitig sei das Narrengericht eine Möglichkeit gewesen, eine Elite in einer Stadt herzustellen, in der sich, im Gegensatz etwa zu Überlingen oder Konstanz, lange kein selbstbewusstes Bürgertum herausgebildet hat. Als Grund dafür nennt Warndorf, dass Stockach nie reichsunmittelbar war.
  • Narrizella Ratoldi und Froschenzunft in Radolfzell: Die Stadt am Untersee mit etwa 31 000 Einwohnern hat zwei Fasnachtsvereine. Der Ursprung dieser Zweiteilung liegt in unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft begründet, die mit der Industrialisierung entstanden. Die Narrizella hat sich laut Michael Fuchs, der ein Buch mit dem Titel "Radolfzeller Fasnacht – zur Geschichte einer langen Tradition" geschrieben hat, im Jahr 1841 aus der vorher in kleinen Gruppen organisierten Fasnacht entwickelt. Arbeiter hatten keine Chance, in diesen bürgerlichen Verein zu kommen, und gründeten 1913 den Vorläufer der heutigen Froschenzunft. Deren bekannteste Vertreterin ist die Froschenkapelle.
  • Ursprung des Hemdglonkers in Konstanz: Dieser liegt laut Mario Böhler, Chef der veranstaltenden Narrengesellschaft Niederburg, in der Zeit, als die heutige Grundschule Stephansschule noch ein Jungeninternat war. Damals, im 19. Jahrhundert, hätten die Buben auch Fasnacht feiern wollen. Nach Schließung der Schultore seien sie daher über die Mauern geklettert – bekleidet mit weißen Nachthemden. Für Böhler ist das ein Beispiel dafür, wie sich die Formen der Fasnacht ändern, zumal in einer Stadt mit Dutzenden von Fasnachtsgruppen, die teilweise sehr unterschiedliche Traditionen pflegen. Böhler plädiert daher dafür, es mit der Bewahrung des Brauchtums nicht zu übertreiben. Eine ähnliche Neuerung stellt das Jakobinertribunal dar, das erst seit den 1990er-Jahren abgehalten wird – wenn auch mit historischem Bezug: Der heutige Obermarkt war im Mittelalter die Richtstätte, erklärt der Jakobiner-Vorsitzende Ekkehard Greis. (eph)