Städte und Gemeinden müssen wohl von einer geliebten Redewendung Abschied nehmen: von jener des Waldes als Sparkasse der Gemeinde. Mit dieser Erkenntnis konfrontierte Bernhard Hake, Leiter des Kreisforstamtes, die Teilnehmer eines Runden Tisches unter dem Titel „Borkenkäfer – Auswirkungen des Trockenjahres 2018 auf die Wälder“. Bernhard Hake möchte Institutionen und Vereine als Multiplikatoren gewinnen. Sie sollen helfen der Bevölkerung zu vermitteln, warum der Wald als Erholungsraum bald ganz anders aussehen dürfte als bisher. Denn Trockenheit und Schädlinge führen dazu, dass die Forstbehörden die zunehmenden Massen von Totholz nur noch teilweise aus den Wäldern holen können. Der große Rest bleibt verdorrt stehen oder liegen. „Dieser Anblick ist für viele Menschen ein Verlust von Heimat“, weiß Bernhard Hake. Er versteht auch den Widerstand gegen Fällungen, gerade im städtischen Bereich. Sie seien aber unvermeidbar.

Das könnte Sie auch interessieren

Naturschutzbeauftragte, Behörden, Schwarzwaldverein, Alpenverein, Badischer Landwirtschaftlicher Hauptverband, Nabu, BUND, Jäger, Touristiker, Waldbesitzer: Sie alle will Bernhard Hake an seiner Seite haben, wenn es um die Vermittlung der Hintergründe solcher Baumfällungen geht. Diese seien auch durch Gefährdungen begründet, die laut Hake abbrechende Äste oder stürzende Bäume für Menschen darstellen können. Die Teilnehmer am Runden Tisch zeigten sich durch die sachlichen Ausführungen von Hake erschüttert, auch wenn ihnen die Probleme des Waldes vertraut sind.

So sehen die Fraßgänge des Borkenkäfers aus. Ein Exemplar dieses kleinen Insektes interessiert sich für die Spitze des Messers von Bernhard Hake.
So sehen die Fraßgänge des Borkenkäfers aus. Ein Exemplar dieses kleinen Insektes interessiert sich für die Spitze des Messers von Bernhard Hake. | Bild: Buchholz, Michael

Kurt Kirchmann kennt sich als Kreisjägermeister und Naturschutzwart bestens mit dem Wald aus und hat auch schon viele Führungen geleitet. Doch nach den Informationen des Forstamts in jüngster Zeit sieht er den Wald mit ganz anderen Augen. Was er erkennt, erschreckt ihn. Und er sieht auch schon das nächste Problem: „Wenn wir im großen Stil neue Bäume pflanzen – wie schützen wir sie dann vor dem Verbiss durch Rotwild?“

Gesprächsteilnehmer bringen Ideen ein

Die Gesprächsteilnehmer brachten Ideen ein, die laut Bernhard Hake in kleinen Teilen helfen könnten, aber der Gesamtkomplex sei zu gewaltig. Nasslager für gefällte Bäume rentierten sich nur bei gesundem Holz und der Aussicht auf eine Normalisierung des Marktes. Beides sei derzeit nicht gegeben. Vermehrte Nutzung von Holz als Baumaterial dürfte bei jenen Branchen auf Widerstand stoßen, die mit den Werkstoffen Beton und Stahl ihr Geld verdienen. Hinsichtlich der Stabilität sei Käferholz unproblematisch, versicherte Hake. Allerdings störe manch einen Bauherrn die bläuliche Färbung. Thomas Körner (Naturschutzbund) wohnt in einem Holzhaus, er habe nur gute Erfahrungen gemacht, sagte er. Körner macht sich allerdings Sorgen, was in 40 Jahren geschehe, falls der jetzt zu schaffende Waldaufbau nicht funktioniere.

Borkenkäferfallen dienten laut Hake nur rechnerischen Zwecken, könnten die Population aber nicht abschöpfen. Eine solche Erhebung (Monitoring) im Forstrevier Allensbach habe eine explosionsartige Vermehrung der Borkenkäfer im Juni ergeben, und jetzt komme noch eine dritte Brut hinzu.

Einige Douglasien sind noch übrig, die Fichten dagegen schwinden dahin. Nach einer Informationsveranstaltung des Kreisforstamts besichtigen einige der Teilnehmer den Altbohlwald in Radolfzell. Von links: Antje Boll (BUND) Bernhard Hake (Kreisforstamtsleiter), Doris Eichkorn (BLHV), Kurt Kirchmann (Kreisjägermeister, Naturschutzwart).
Einige Douglasien sind noch übrig, die Fichten dagegen schwinden dahin. Nach einer Informationsveranstaltung des Kreisforstamts besichtigen einige der Teilnehmer den Altbohlwald in Radolfzell. Von links: Antje Boll (BUND) Bernhard Hake (Kreisforstamtsleiter), Doris Eichkorn (BLHV), Kurt Kirchmann (Kreisjägermeister, Naturschutzwart). | Bild: Buchholz, Michael

Die daraus zu erwartende Masse an Käferholz könne auch nicht einfach zu Hackschnitzeln verarbeitet und verheizt werden, denn, so Bernhard Hake: „Die Winter werden wärmer, der Bedarf an Brennmaterial dürfte sinken. Dann werden wir die Hackschnitzel wohl im Wald ausblasen müssen.“

Antje Boll als Vertreterin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) gewann den Eindruck: „Das ist ja noch schlimmer, als ich vermutet hatte.“ Und dies trotz der Aussage von Bernhard Hake: „Grundsätzlich sind wir im Wald nicht schlecht aufgestellt. Wir brauchen aber neue Sorten und eventuell muss genetisches Material eingebracht werden.“ Solche und viele andere Informationen sollen die Teilnehmer an dem Runden Tisch nun unter die Leute bringen. Diese dürften zunehmendes Verständnis haben, glaubt Hake: „Die Bevölkerung nimmt wahr, was sich im Wald abspielt und dass alle Bäume betroffen sind. Wir hören aber auch den Vorwurf der Waldverwüstung.“

Eine abgestorbene Tanne und drei dürre Lärchen vermitteln bei Orsingen einen Eindruck von dem Bild, auf das sich Waldspaziergänger und -nutzer einstellen müssen. Die Forstbehörden können aus Kapazitätsgründen viele abgestorbene Bäume nicht abtransportieren. Die Gefahr einer weiteren Verbreitung des Borkenkäfers geht laut Kreisforstamtsleiter Bernhard Hake von abgestorbenen Bäumen nicht mehr aus. Er brauche lebendige Bäume als Nahrungsgrundlage.
Eine abgestorbene Tanne und drei dürre Lärchen vermitteln bei Orsingen einen Eindruck von dem Bild, auf das sich Waldspaziergänger und -nutzer einstellen müssen. Die Forstbehörden können aus Kapazitätsgründen viele abgestorbene Bäume nicht abtransportieren. Die Gefahr einer weiteren Verbreitung des Borkenkäfers geht laut Kreisforstamtsleiter Bernhard Hake von abgestorbenen Bäumen nicht mehr aus. Er brauche lebendige Bäume als Nahrungsgrundlage. | Bild: Doris Eichkorn

Der Wald und seine Probleme

  • Trockenheit: Von Juli 2018 bis Juni 2019 lag die Durchschnitts­temperatur pro Monat durchweg deutlich über dem Mittelwert der Jahre 1981 bis 2010. Zugleich lagen die Niederschläge erheblich unter dem Mittelwert dieses Zeitraums. Einzige Ausnahme: der Mai 2019. Von diesem Regen kam aber nichts bis zu den tieferen Bodenschichten und ins Grundwasser. Regen im Sommer gehe laut Kreisforstamtsleiter Bernhard Hake in die Vegetation oder verdunste in den Baumkronen.
  • Schädlinge: Der Borkenkäfer befällt Fichten. Die Forstleute gehen in diesem Jahr von einer dritten Generation aus. Wegen seiner hohen Fortpflanzungsrate können aus einem infizierten Baum am Ende des Jahres 8000 werden. Gegen den extrem kälteresistenten Borkenkäfer helfe nur viel Wasser unter der Rinde: dann verschimmele die Brut. Buchen werden von der Kombination Buchenborkenkäfer und Buchenprachtkäfer gefährdet.
  • Baumarten: Die flachwurzelnde Fichte ist bei Forstleuten schon lange als schwindende Art bekannt. Doch nun ist im Südwesten der Boden in 1,8 Meter Tiefe ausgetrocknet, sodass auch die tiefwurzelnde Tanne kein Wasser mehr findet. Die Forstleute denken darüber nach, spezielle Weißtannenarten aus dem Mittelmeerraum anzusiedeln, die an Wassermangel gewöhnt sind. Bernhard Hake benutzt die Formulierung: „Wir müssen im Wald auf Multikulti setzen.“