Radolfzell Was Flüchtlingshelfer motiviert und was sie tun

Forum für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit: 100 Helfer kamen zur ersten Regionalkonferenz nach Radolfzell.

Etwa 500 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer sind laut Landratsamt im Landkreis Konstanz engagiert. Ihr Engagement verlangt einen Teil ihrer Freizeit, Verständnis und Ausdauer. Anja Kurz, Ehrenamtsbeauftragte im Kreisamt für Migration und Integration, hat für sie eine Konferenz über die Landesgrenzen hinaus organisiert. Zu dem Treffen "Engagiert im Dreiländer­eck" kamen auch Teilnehmer aus Österreich und der Schweiz.

Der Konstanzer Landrat Frank Hämmerle begrüßte die etwa 100 Konferenzteilnehmer im kleinen Saal des Radolfzeller Milchwerks. Er dankte vor allem für das Engagement im Jahr 2016: "Sie haben damals mitgeholfen, dass die Situation nicht eskalierte." Auch wenn mittlerweile weniger Flüchtlinge in der Region ankämen, sei die Hilfe von Ehrenamtlichen nicht weniger wichtig geworden. Gäbe es keine Flüchtlingshelfer, dann hätte Deutschland ganz andere gesellschaftliche Probleme, äußerte Hämmerle.

An Thementischen im Foyer des Milchwerks konnten ehrenamtliche Flüchtlingshelfer sich über gelungene Flüchtlingsprojekte informieren und mit einander über Vorgehensweisen und Herausforderungen austauschen. An diesem Tisch präsentierte die Stadt Feldkirch ihren Ehrenamtstreff "Naflahus".
An Thementischen im Foyer des Milchwerks konnten ehrenamtliche Flüchtlingshelfer sich über gelungene Flüchtlingsprojekte informieren und mit einander über Vorgehensweisen und Herausforderungen austauschen. An diesem Tisch präsentierte die Stadt Feldkirch ihren Ehrenamtstreff "Naflahus". | Bild: Natalie Reiser

Wie wichtig es für einen Flüchtling ist, von einem Helfer begleitet zu werden, während er versucht, in der für ihn neuen Gesellschaft Fuß zu fassen, unterstrich Misun Han-Broich, Lehrbeauftragte im Studiengang Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Berlin. In einem Impulsvortrag stellte sie die wesentlichen Elemente ihrer Forschungsarbeit zur Rolle von ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Flüchtlingssozialarbeit vor. Der oft persönliche Kontakt, den Ehrenamtliche zu Flüchtlingen aufbauten, spiele vor allem im seelisch-emotionalen Bereich eine große Rolle für geflohene Personen.

Fühlten sie sich durch einen engen Ansprechpartner akzeptiert, respektiert und geschätzt, dann könnten seelische Blockaden vermieden werden. Dies wirke sich positiv auf den Willen aus, die Sprache und nötige Fertigkeiten für das Leben im neuen Land zu erlernen und sich ins soziale Gefüge zu integrieren. Auch gegenüber der Gesellschaft nähmen Ehrenamtliche oftmals eine ausgleichende Stellung ein. Sie seien in der Lage, Vorurteilen gegenüber fremden Nationen entgegenzuwirken.

Einmal schauen, was andere machen: An Thementischen im Foyer des Milchwerks konnten sich ehrenamtliche Flüchtlingshelfer über gelungene Flüchtlingsprojekte informieren und miteinander über Vorgehensweisen und Herausforderungen austauschen.
Einmal schauen, was andere machen: An Thementischen im Foyer des Milchwerks konnten sich ehrenamtliche Flüchtlingshelfer über gelungene Flüchtlingsprojekte informieren und miteinander über Vorgehensweisen und Herausforderungen austauschen. | Bild: Natalie Reiser

Danach warteten zwei Workshop-Runden zu elf verschiedenen Themen auf die Konferenzteilnehmer. Dabei ging es für die Flüchtlingshelfer zum Beispiel um Sprachvermittlung und um die Frage, wie man Migranten beim Einstieg ins Arbeitsleben unterstützen kann. Im Foyer konnten die Gäste an Thementischen miteinander ins Gespräch kommen.

Der persönliche Kontakt ist wichtig

Anna Hermes (67) ist in Schaffhausen Vermittlerin für Sprachpatenschaften. Vor ihrer Pensionierung war sie als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache bei der Sprachschule „Deutsch mit Euch“ tätig, die der Integrationsstelle für Migranten „Integris“ angehört. Hermes sagt: „Die Sprache im Unterricht zu vermitteln, reicht oft nicht aus. Der persönliche Kontakt zu jemandem, der dem Migranten hilft, ist wichtig.“ Eine Zeitlang hat sie selbst als Sprachpatin gearbeitet. Mittlerweile stellt sie den Kontakt von freiwilligen Helfern der Freiwilligenorganisation „Benevol“ zu Sprachschülern her, die sich persönliche Unterstützung wünschen.

Anna Hermes ist Vermittlerin für Sprachpatenschaften in Schaffhausen
Anna Hermes ist Vermittlerin für Sprachpatenschaften in Schaffhausen | Bild: Natalie Reiser

 

Schüler und Helfer treffen sich einmal in der Woche. Jede Beziehung gestalte sich anders, erzählt die ehemalige Lehrerin: „Das ist wie ein Geschichtenbuch.“ Oft ginge es mit der Betreuung der Hausaufgaben los. Besteht Vertrauen, so erzählten die Sprachschüler oft, was sie bewegt. Viele wollten wissen, wie man in der Schweiz lebt. Sie wollen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, zum Beispiel gemeinsam ins Café gehen, weil sie sich das alleine nicht trauen. Mit der Zeit gingen die Migranten mehr aus sich heraus. Es sei ihnen nicht mehr so peinlich Deutsch zu sprechen und noch Fehler zu machen.

Barbara Leutwiler (49) hat in Thayngen ein Gartenprojekt für Flüchtlingsfrauen ins Leben gerufen. Den Impuls dazu gab eine Frau aus Tibet, für die Leutwiler sich als Sprachpatin eingesetzt hatte. Die Migrantin erzählte ihr, sie wünsche sich einen Ort, an dem sie Ruhe finden könne. „In der Enge eines Asylheims ist das nicht möglich“, erzählt die Schweizerin. Leutwiler ist Gartenbauingenieurin und so kam ihr die Idee, ein Grundstück zu pachten und gemeinsam mit Flüchtlingsfrauen als Garten anzulegen. „Patchwork Gardening“ nennt sie ihr Projekt. Die Frauen treffen sich nun auf der Wiese mit dem kleinen Häuschen. Derzeit kommen zwei Frauen aus dem Iran, eine Frau aus Tibet, zwei weitere aus Sri Lanka und dem Kongo. „Es ist gut, dass sie aus verschiedenen Ländern sind. So müssen wir Deutsch miteinander sprechen“, meint die Ingenieurin. Im Winter nähen die Frauen, kochen und backen. Im Sommer wird im Garten gearbeitet, danach Kaffee getrunken und geredet.

Barbara Leutwiler leitet ein Gartenprojekt mit Flüchtlingsfrauen in Thayngen
Barbara Leutwiler leitet ein Gartenprojekt mit Flüchtlingsfrauen in Thayngen | Bild: Natalie Reiser

„Wir sprechen über alles, unsere Kulturen, Religionen, über Kindererziehung, Männer, Sexualität.“ Die Frauen, die in der selben Unterkunft untergebracht sind, hätten jetzt viel mehr Verständnis füreinander und die hiesige Lebensart sei ihnen vertrauter geworden.

Wolfgang Rammensee (67) war als Anästhesist im Krankenhaus Radolfzell tätig. Seit 2015 ist er in Pension und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe Mettnau. Jeden Mittwochnachmittag leitet er eine Freizeit- und Sportgruppe für männliche Flüchtlinge. Sieben bis acht Männer kämen in der Regel. Rammensee war mit ihnen am See, zum Kanufahren und zum Schwimmen. „Schwimmen konnten sie alle“, berichtet er. Der Schnee im Winter war allerdings neu für einige. Der ehemalige Arzt hat die Männer zum Schlittenfahren in den Schwarzwald mitgenommen. Das Busunternehmen Kögel hat für die Ausfahrt einen Kleinbus zur Verfügung gestellt. „Das war eine unglaubliche Erfahrung für die Flüchtlinge aus Afrika“, erzählt Rammensee lachend. Er nimmt seine Gruppe auch in ein eigenes Waldstück mit. Gemeinsam arbeiten sie dort. Zum Beispiel jäten sie Aufforstungsgebiete. Und er fährt mit ihnen Traktor. Bei schlechtem Wetter unterrichtet er die Flüchtlinge in Geographie. Rammensee ist selbst weit gereist. „Es freut sie, wenn man etwas über ihre Herkunftsländer weiß“, erzählt er. Sein Hauptanliegen ist nun, einige seiner Schützlinge bei der Arbeitssuche zu unterstützen. Deshalb hat er sich zum Workshop „Integration in Arbeit“ angemeldet.

Wolfgang Rammensee betreut eine Freizeit- und Sportgruppe für männliche Flüchtlinge in Radolfzell
Wolfgang Rammensee betreut eine Freizeit- und Sportgruppe für männliche Flüchtlinge in Radolfzell | Bild: Natalie Reiser

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