Es gibt Tage, da fragen sich die Helfer des THW-Ortsverbands Stockach: "Warum hat uns keiner angerufen?" Das sind Tage, nachdem die Feuerwehr die Nacht über im Dauereinsatz war. Wie Ende September, als die Feuerwehr nach Starkregenfällen alleine im Stadtgebiet Stockach in einer Nacht zu 20 Einsätzen ausrücken musste. In Zizenhausen sausten große Mülleimer wie Schnellboote über die geflutete Straße, im Eigeltinger Ortsteil Heudorf spülte die Flut Schlamm in die Keller.

Die Feuerwehr bekam viel Lob, sie pumpte Keller um Keller leer, die Einsatzkräfte waren oft der erste tröstende Ansprechpartner in dieser turbulenten Nacht. Keine Aufmerksamkeit gab es für das Technische Hilfswerk, ein Hilferuf an die Männer in Blau blieb aus. Der Stockacher Zugführer Björn Schlenkrich (37) hat Pädagogik studiert und unterrichtet als Berufsschullehrer an der Mettnauschule in Radolfzell. Nüchtern analysiert Schlenkrich die Gegebenheiten: "Als Katastrophenschutz konkurrieren wir nicht zwingend mit der Feuerwehr." Unwetter fallen nicht in diese Kategorie. Eine Katastrophe im Sinne des Gesetzes ist ein Geschehen erst dann, wenn es das Leben oder Gesundheit zahlreicher Menschen, die Umwelt, erhebliche Sachwerte oder die lebensnotwendige Versorgung der Bevölkerung in ungewöhnlichem Maße gefährdet oder schädigt. Diese Feststellung hat ein Landrat im Kreis Konstanz nach Auskunft des Landratsamts noch nie getroffen. Selbst das Jahrhunderthochwasser 1999 war keine Katastrophe in diesem Rechtssinn.

Und doch ist eine Überschwemmung zumindest eine private Katastrophe. Da wäre das THW im Wege der Amtshilfe gut zu gebrauchen. Gerade für die Flut ist der Stockacher Ortsverband gerüstet: "Wir halten 4000 Sandsäcke vor, 500 Säcke könnten wir auf dem Hänger sofort aus dem Lager fahren." Dazu kommt im Maschinenpark eine "hohe Pumpkapazität". Es nagt an Zugführer Schlenkrich, dass diese Kompetenz der THW-Helfer meist brach liegt: "Aus pädagogischer Sicht ist das ein Sinnverlust, wenn es für das, was man übt, keinen Einsatz gibt." Zwei, drei Alarmierungen gab es in den vergangenen Jahren, 2016 noch keinen. Im Zug sind viele junge Väter, die in ihrem Umfeld ihr Ehrenamt begründen müssten. "Man muss sich rechtfertigen, wenn man sich bereit erklärt, Hilfe zu leisten", sagt Schlenkrich. Das falle ohne Einsatz schwer.

Das gilt auch auch für die Feuerwehr. Deshalb sagt Uwe Hartmann, Kommandant der Feuerwehr in Stockach, habe er bei dem Unwetter seine Kräfte eingesetzt: "Wir haben neun Abteilungen in Stockach, die müssen auch zum Einsatz kommen." Hartmann zeigt Verständnis für die Anliegen des THW: "Bei größeren Einsätzen mit einer Führungsgruppe schalten wir im Bedarfsfall das THW mit ein." Doch dann müsse etwa bei Unwetterlagen für die Feuerwehr klar sein: "Hier kommen wir an unsere Grenzen." Etwa, wenn ein Bach umgeleitet werden muss. Oder wenn es sich abzeichnet, dass die Gefahrenlage sich über einen längeren Zeitraum ausdehnt.

Für Tagesereignisse sieht Hartmann aufgrund des gestiegenen technischen Standards bei der Feuerwehr wenig Spielraum für einen Einsatz des THW. Jede Abteilung habe eine Motorsäge: "Um einen Baum abzusägen, fahren wir nicht wieder nach Hause und alarmieren das THW, das ist Quatsch", sagt Hartmann. Auch besitzen die neuen Fahrzeuge der Feuerwehr eine neue Generation an Strahlern: "Mit der LED-Technik haben wir viel bessere Möglichkeiten, unsere Einsatzorte auszuleuchten." Auch das wäre eine Domäne des THW. Die Beleuchtungsgruppe Stockach hat die Kabel, hat die Leuchten, um ein 400 mal 400 Meter großes Feld auszuleuchten. Was fehlt, sei das Aggregat, es soll in diesem Jahr noch geliefert werden.

Frank Schilling (34) ist mit zehn ins Jugend-THW eingetreten. Seinen Wehrersatzdienst hat er beim THW geleistet, bis vor einem Jahr war er der Ortsbeauftragte in Stockach, noch immer ist der Maschinenbauingenieur Zugtruppführer. Zwei große Einsätze hat er in Erinnerung: 1999 das Bodensee-Hochwasser und die Flugzeugkollision 2002 über Überlingen mit 71 Toten. Er hat den Mitgliederschwund beim THW nach dem Wegfall der Wehrpflicht im Jahr 2011 beobachtet und als Ortsbeauftragter dagegen angekämpft. Inzwischen hat Schilling resigniert, der Familienvater zieht sich aus der Führungsebene des Hilfsdienstes zurück: "Die Kameradschaft ist gut, die Ausbildung ist prima, aber ohne wirkliche Einsätze schwindet die Motivation."

Und doch, es besteht Aussicht, dass das THW mehr gebraucht wird. Die extremen Wetterlagen werden häufiger. Da will Feuerwehrmann Uwe Hartmann auf die Kollegen nicht verzichten: "Da wir eher mit zunehmenden Unwetterereignissen rechnen müssen, sollten wir das THW in diese Einsatzlagen einbinden." 4000 Sandsäcke für das nächste Hochwasser stehen in Stockach bereit.
 

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"Auf das THW ist Verlass"

Henning Zanetti (39), Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in der THW-Leitung in Bonn, über die Außenwirkung des Technischen Hilfswerks

Herr Zanetti, was sagen Sie einer jungen Frau oder einem jungen Mann, warum er sich im THW engagieren soll?

Das Engagement im THW macht Spaß. Wer eine verantwortungsvolle und sinnvolle Tätigkeit als Hobby oder als Ausgleich zur Schule oder zum Beruf sucht, ist beim THW genau richtig. Beim THW zählen das Helfen und das Miteinander, denn im Einsatz und im Alltag muss man sich aufeinander verlassen können. Das Engagement im THW ist aber auch eine Herausforderung: Im Einsatzfall geht es um Menschen und da muss jeder Handgriff sitzen. Was nicht jeder weiß: Das THW ist eine Ehrenamtsorganisation und gleichzeitig eine Bundesanstalt im Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums: Nur ein Prozent der THWler sind hauptamtlich tätig. Die anderen 99 Prozent engagieren sich ehrenamtlich. Da das THW in ganz Deutschland einheitlich aufgestellt ist, können unsere Einheiten und Einsatzkräfte nicht nur lokal und regional sondern auch jederzeit überregional eingesetzt werden. Das motiviert. Ein gutes Beispiel dafür waren die Starkregenereignisse in diesem Sommer. Verschiedene Einheiten wurden zusammengezogen, um mehre Brücken in Bayern und NRW zu bauen oder auch mit speziellen Anlagen Trinkwasser für eine ganze Ortschaft aufzubereiten. Die Qualifikation dazu erwerben unsere Ehrenamtlichen durch verschiedene, kostenlose Ausbildungen. Jeder kann so im Laufe seiner THW-Karriere Fähigkeiten an ganz unterschiedlichen Stellen einsetzen und ausbauen. Das kann auch im Beruf nützlich sein. Wer sich im THW engagiert, erwirbt Qualifikationen, die ihn oder sie im Beruf weiterbringen bringen können -darunter Teamfähigkeit, technische und planerische Fähigkeiten.

Mit einer internen Zusatzqualifikation stehen den ehrenamtlichen Kräften auch die Einsätze des THW im Ausland offen. Im vergangenen Jahr waren wir beispielsweise nach dem schweren Erdbeben in Nepal vor Ort, haben in Afrika technische Hilfe geleistet oder waren auf dem Balkan im Bereich der Ausbildung aktiv. Die Frage, warum sich ein Engagement im THW lohnt, wird jeder unserer Ehrenamtlichen etwas anders beantworten. Alle werden aber sicherlich sagen, dass ihre Antriebsfedern sind, anderen Menschen in Not zu helfen und mit Technik zu arbeiten. Und nicht zuletzt ist es schön, ein Teil der THW-Familie zu sein. Denn für viele Helferinnen und Helfer sind die Kameraden und Kameradinnen im Ortsverband wie eine zweite Familie und es entstehen oft enge Freundschaften.

Im Gegensatz zur Feuerwehr verzeichnen die THW-Ortsverbände nur wenige richtige Einsätze, wie kann man da motivieren?

Im vergangen Jahr war das THW weit mehr als 1,3 Million Stunden im Einsatz. Neben den Einsätzen sind unsere Helferinnen und Helfer auch sonst das ganze Jahr über gefragt: In regemäßigen kleineren und größeren Übungen und Ausbildungsveranstaltungen bereiten sie sich auf Einsätze vor. Das kann die sogenannte Bereichsausbildung in der Unterkunft am Abend sein oder auch eine mehrtägige Übung im Freien. 2015 waren das bundesweit 300 000 Stunden. Durch das kontinuierliche Üben und Weiterbilden stellen wir sicher, dass im Einsatzfall auch jeder Handgriff sitzt. Neben diesem Mix motiviert auch die große Vielfalt: Unsere Einsatzoptionen reichen von Bergungs- und Räumarbeiten über Stromversorgung oder Pumparbeiten bis hin zur Trinkwasseraufbereitung oder dem Brückenbau. Nicht zu vergessen, die Auslandseinsätze: Aktuell sind ehrenamtliche Kolleginnen und Kollegen beispielsweise in Südamerika auf einer Ausbildungsmission und beteiligen sich im Nord-Irak am Aufbau und Betrieb von Flüchtlingscamps.

Nachdem der Wehrersatzdienst als Rekrutierungsmöglichkeit weggefallen ist, wie schaut es mit dem Nachwuchs aus?

Die Möglichkeit, sich anstelle des Wehr- oder Zivildienstes für eine mehrjährige Mitwirkung im Zivil- oder Katastrophenschutz zu verpflichten, war wichtig für das THW. Seit dem Aussetzen dieser Regelung liegt die Zahl der Helferinnen und Helfer, mit einigen Schwankungen, beständig bei mehr als 80 000. Im Jahr 2015 kamen mehr als 6300 neue Einsatzkräfte ins THW – im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 21 Prozent. Wie andere ehrenamtlich getragene Organisationen auch, müssen wir Nachwuchs werben. Die beste Werbung für uns ist es, wenn unsere Helferinnen und Helfer selbst zufrieden und von ihrer Arbeit überzeugt sind. Das tragen sie dann nach außen und begeistern Bekannte und Freunde für ein Engagement im THW. Wir gehen aber auch neue Wege: Ein Beispiel ist die seit vergangenem Jahr laufende Integrationsinitiative des THW, an der sich gegenwärtig mehr als 100 THW-Ortsverbände beteiligen. Hierdurch haben sich bereits bundesweit gut 200 Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund für das THW gewinnen lassen.

Echten Katastrophenschutz gibt es vor Ort so gut wie nie, wie definiert das THW hier sein Selbstverständnis?

Das THW ist seit seiner Gründung 1950 die operative und ehrenamtlich getragene Zivilschutzorganisation des Bundes und ein integraler Teil des funktionierenden Bevölkerungsschutzes in Deutschland. Nicht zuletzt das Engagement bei den großen Flutkatastrophen oder den Starkregenfällen in diesem Sommer haben gezeigt, dass das THW ein wichtiger und verlässlicher Partner im Bevölkerungsschutz und der örtlichen Gefahrenabwehr ist und wie es regional und überregional effektiv unterstützen kann. Man darf dabei nicht vergessen: Im Alltag wird das THW immer auf Anforderung tätig und beispielsweise von den Feuerwehren, der Polizei, Städten und Gemeinden alarmiert. Das THW arbeitet somit immer Hand in Hand mit den zuständigen Stellen und Organisationen vor Ort.

Warum braucht es das THW für ein positives Sicherheitsgefühl in unserer Gesellschaft?

Ob der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, die Flutkatastrophe 2013, der Stromausfall im Münsterland 2015, die Starkregenfälle im Sommer dieses Jahres: Die Reaktionen der Menschen bei unseren Einsätzen zeigen immer wieder, wie wichtig sowohl ein gut funktionierender hauptamtlicher als auch ehrenamtlicher Bevölkerungsschutz für die Bevölkerung und das subjektive Sicherheitsempfinden ist. Die Menschen können sich darauf verlassen, dass das THW jederzeit bundesweit bereit steht, um technische Hilfe zu leisten.

Wie könnten die Aufgaben des THW in Zukunft aussehen?

Das THW wird sich im Rahmen der in diesem Sommer vorgestellten neuen Konzeption Zivile Verteidigung auf neue Herausforderungen einstellen und daran anpassen. Das umfasst beispielsweise den Ausbau von Fähigkeiten zum Schutz von Kritischen Infrastrukturen. Kritische Infrastrukturen sind Einrichtungen und Infrastrukturen, die besonders relevant und wichtig für das staatliche Gemeinwesen sind und bei deren Ausfall oder Schaden dramatische Folgen entstehen. Dazu zählen Krankenhäuser, aber auch Einrichtungen der Informationstechnik, Telekommunikation sowie Wasserversorgung.

Welche Daseinsberechtigung würden Sie für das THW in Zukunft formulieren? Warum braucht es das THW neben Feuerwehr, Rettungsdiensten, DLRG und Bergwacht?

Die Organisationen des Bevölkerungsschutzes leisten gute Arbeit. Die Kompetenzen der einzelnen Akteure greifen im Einsatzfall ineinander. Wo wir Trinkwasser aufbereiten, Brücken bauen, räumen oder mit Strom versorgen, löscht die Feuerwehr Brände, rettet die DLRG Menschen vor dem Ertrinken und versorgen Rettungsdienste Menschen in medizinischen Notlagen. Nichtsdestotrotz hat das THW Alleinstellungsmerkmale: Das THW ist die einzige zivile Einsatzorganisation, die beispielsweise Brücken für Fußgänger, Straßen- und Schwerlastverkehr sowie für Eisenbahnen bauen oder im großen Stil Trinkwasser aufbereiten kann. Das THW-Gesetz definiert die Aufgaben und Zuständigkeiten des THW in Deutschland. Als ehrenamtsgetragene Organisation wird das THW auch zukünftig als verlässlicher Partner technische und logistische Hilfe in Deutschland und weltweit leisten und das integrierte Hilfeleistungssystem der Bundesrepublik stärken.