In einem Klassenraum der Konstanzer Wessenbergschule haben alle Oberstufenschüler Kopfhörer in den Ohren und ein Tablet vor sich liegen. Doch damit lenken sie sich nicht etwa vom Unterricht ab – im Gegenteil: Sie folgen einer Hördatei auf Englisch und beantworten anschließend Fragen, die das iPad ihnen stellt. Und zwar mit einem speziellen Stift direkt auf dem Bildschirm.

Für Lehrerin Jasmin Dietrich bietet digitaler Unterricht ganz neue Möglichkeiten: „Jeder kann die Audiodatei nach seinem eigenen Tempo hören, kann vor- und zurückspulen und die Aufgaben dann erledigen, wenn er soweit ist“, sagt sie. Aufgelöst werden die Antworten später gemeinsam über ihr Lehrer-Tablet, das an einen Beamer angeschlossen ist. „Ich könnte aber auch jedes Schülergerät ankoppeln“, erklärt die Lehrerin. „Außerdem sehe ich auf meinem Bildschirm, welcher Schüler wie weit ist und ob jemand unerlaubt im Internet unterwegs ist“, sagt sie und lacht.

Neue Medien im Praxistest

Jasmin Dietrich und ihre Klasse sind aber noch in der digitalen Findungsphase. Die Tablets sind erst seit wenigen Tagen im Einsatz. Auch für die Lehrer ist einiges neu, sie müssen noch die Vor- und Nachteile der Neuen Medien im Praxistest ausloten.

Der von den Schulen zu erarbeitende Medienentwicklungsplan enthält unter anderem eine Zustands- und eine Zukunftsbeschreibung. Aus den Bildungszielen, dem Ist-Soll-Abgleich und dem eigenen Profil leitet jede Schule für sich ab, wofür sie das Geld einsetzen möchte und nach welchem Zeitplan. Dazu gehört auch der Fortbildungsbedarf der Lehrer.

„Die Dynamik der Digitalisierung der Wirtschaft führt dazu, dass es schwer ist mitzuhalten. Wir müssen unsere Schüler aber auf der Höhe der Zeit ausbilden.“Martin Pohlmann-Strakhof, Geschäftsführender Schulleiter der beruflichen Schulen im Kreis Konstanz
„Die Dynamik der Digitalisierung der Wirtschaft führt dazu, dass es schwer ist mitzuhalten. Wir müssen unsere Schüler aber auf der Höhe der Zeit ausbilden.“Martin Pohlmann-Strakhof, Geschäftsführender Schulleiter der beruflichen Schulen im Kreis Konstanz | Bild: Domgörgen, Franz

Martin Pohlmann-Strakhof, Geschäftsführender Schulleiter der beruflichen Schulen im Kreis Konstanz, sagt: „Das ist kein statischer, sondern ein lebendiger Plan. Die Schulen müssen die digitale Ausstattung aktuell halten und die Konzepte und ihre Umsetzung ständig anpassen.“ Denn ihm ist klar: „Die Dynamik der Digitalisierung der Wirtschaft führt dazu, dass es schwer ist mitzuhalten. Wir müssen unsere Schüler aber auf der Höhe der Zeit ausbilden.“

Hier lesen Sie, wie das Geld an die Schulen kommt

Die beruflichen Schulen im Kreis arbeiten zur Erstellung ihrer Medienentwicklungspläne mit dem Kreismedienzentrum zusammen. Die Hohentwiel-Gewerbeschule Singen hat ihr Konzept bereits eingereicht, die anderen beruflichen Schulen tun dies laut Pohlmann-Strakhof bis April 2020. Am dringendsten wünschen die Kollegien sich professionelle Unterstützung bei der Betreuung ihrer Netzwerke sowie der Hard- und Software und mehr Geld für Service- und Wartungsverträge. Auch flächendeckendes und leistungsfähiges WLAN steht auf der Wunschliste. Die Robert-Gerwig-Schule Singen hätte gerne einen Glasfaseranschluss.

Viel Digitales ist bereits Schulalltag

Karl Knapp, Leiter der Konstanzer Zeppelin-Gewerbeschule, erläutert: „All unsere Klassenzimmer verfügen über einen Beamer und Visualizer der zweiten Generation. Durch den Einsatz von Laptops können im Unterricht multimediale Elemente eingebunden werden; das pädagogische Netzwerk umfasst rund 400 Rechner. Die Umstellung auf ein modernes Klassenraum-Managementsystem ist im Aufbau und bietet Funktionen wie Klassenarbeitsmodus, Vorführen des Lehrerbildschirms und Mitteilungsfunktion.“

Digitaler Unterricht an der Konstanzer Wessenbergschule: Lehrerin Jasmin Dietrich zeigt ihr Tablet, mit dem sie den Schülern eine Audiodatei und Aufgaben zugewiesen hat.
Digitaler Unterricht an der Konstanzer Wessenbergschule: Lehrerin Jasmin Dietrich zeigt ihr Tablet, mit dem sie den Schülern eine Audiodatei und Aufgaben zugewiesen hat. | Bild: Kirsten Astor

Konkret bedeutet der Klassenarbeitsmodus, dass die Nutzung der Geräte eingeschränkt werden kann, sodass beispielsweise kein Internet zur Verfügung steht oder nur bestimmte Apps (Anwendungen) freigegeben werden. Und im neuen elektronischen Klassenbuch ist eine Funktion enthalten, über die ein Lehrer der ganzen Klasse Nachrichten schicken kann. Karl Knapp nennt als weiteres Beispiel digitalen Unterrichts die „Lernfabrik 4.0“, ein gemeinsames Projekt der Zeppelin-Gewerbeschule mit der Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG). Dabei werden die Lernenden auf die Vernetzung industrieller Prozesse vorbereitet.

Komplett digitaler Unterricht ist nicht das Ziel

Doch trotz aller Bemühung um Zukunftsfähigkeit ist es nicht das Ziel der Schulen, den Unterricht komplett digital abzuhalten. „Es wird immer eine Mischung aus alten und neuen Methoden und Materialien sein“, sagt Martin Pohlmann-Strakhof. So diskutiere seine Schule momentan, ob rein digitale Lehrbücher überhaupt sinnvoll seien. „Es kann oft durchaus hilfreich sein, noch ein echtes Buch oder ein Blatt Papier zu verwenden“, sagt der Geschäftsführende Schulleiter.