Als vor fast 155 Jahren, am 13. Juni 1863, die Badische Hauptbahn nach 25-jähriger Bauzeit mit dem Abschnitt Waldshut-Konstanz vollendet wurde, standen entlang der Strecke repräsentative Bahnhöfe und aus heutiger Sicht romantische Streckenwärterhäuschen. Letztere werden heute gerne als Feriendomizile genutzt. Erstere haben mit dem Siegeszug der Lastwagen ihre Bedeutung für den Güterverkehr verloren, viele Fahrgäste wechselten auf das eigene Auto.

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So trennte sich die Deutsche Bahn im Zuge von Modernisierung und Rationalisierung von vielen Bahnhofsgebäuden oder riss sie ab. So geschehen in Hegne und Markelfingen. Doch damit war die Geschichte der noch bestehenden Bahnhofsgebäude nicht zu Ende. Ihre neuen Eigentümer schreiben sie weiter.

Quelle: Kurt Sauter, 1994

 

Allensbach: Erinnerungen an einen weitgereisten Schriftsteller

Bahnhofsvorstand Hubert Matheis vor dem Allensbacher Bahnhof, die Aufnahme entstand vermutlich in den 1950er Jahren. Als sich die Deutsche Bahn in den 1980er Jahren schrittweise aus der Nutzung des Gebäudes zurückzog, erwarb die Gemeinde dieses "Filetstück in der Ortsmitte von Allensbach", wie Kulturamtsleiterin Sabine Schürnbrand das Gebäude bezeichnet. Heute befinden sich die großzügige Touristinfo, das Mühlenweg Museum und Räume des Kultur- und Verkehrsbüros darin.
Bahnhofsvorstand Hubert Matheis vor dem Allensbacher Bahnhof, die Aufnahme entstand vermutlich in den 1950er Jahren. | Bild: Eisenbahnfreunde Allensbach

Das Thema Reisen spiegelt sich sowohl beim Bahnhof Allensbach als auch am Seehas-Haltepunkt Markelfingen wider. In Allensbach nutzt nach dem Rückzug der Bahn die Gemeinde das Gebäude seit dem Jahr 2001 für das Kultur- und Verkehrsbüro. Außerdem beherbergt es ein passendes Schmuckstück: das Mühlenweg-Museum.

Sabine Schürnbrand, Leiterin Kultur und Tourismus Allensbach, steht im Mühlenweg-Museum vor einer Landkarte, die Stationen der Lesereisen des Autos Fritz Mühlenweg aufzeigt. In der Bildmitte ist Mühlenweg in der Bekleidung abgebildet, die er bei seinen Lesungen trug. Vom Geistesblitz von Sabine Schürnbrand, in einer frei gewordenen Wohnung im Obergeschoss des Bahnhofs das Mühlenweg-Museum einzurichten, bis zur Realisierung war es ein langer Prozess mit vielen Beteiligten. Dazu gehörten das Literaturarchiv Marbach und der Libelle-Verlag, in dem Mühlenwegs Bücher erschienen sind.
Sabine Schürnbrand, Leiterin des Kultur- und Verkehrsbüros Allensbach, steht im Mühlenweg-Museum vor einer Landkarte. | Bild: Michael Buchholz

Es erinnert an den Kaufmann und Forschungsreisenden Fritz Mühlenweg, der nach dem Ersten Weltkrieg zunächst mit Sven Hedin für die damalige Luft Hansa durch die Mongolei reiste. Wichtiger als die Erkundung von Flugrouten wurden Mühlenweg die Begegnungen mit den Menschen im Fernen Osten. Seine Erlebnisse schrieb er später an seinem neuen Wohnort Allensbach in mehreren Büchern nieder, die um das Jahr 1950 zu preisgekrönten Bestsellern wurden.

Am Allensbacher Bahnhof begannen auch seine vielen Lesereisen durch Deutschland, wie Kulturamtsleiterin Sabine Schürnbrand erzählt. Ein Foto aus dem Archiv der Eisenbahnfreunde zeigt einen Fahrplan aus der Zeit der Dampfloks. Ihm zufolge brauchte man damals für die Strecke Waldshut-Konstanz sechseinhalb Stunden. Heute sind es im günstigsten Fall 79 Minuten. 

Fahrplan der Zugverbindung Waldshut – Konstanz aus der Zeit der Dampflokomotiven. Das genaue Jahr ist unbekannt. Damals dauerte die Fahrt sechseinhalb Stunden. Heute sind es im besten Fall 1:19 Stunden.
Fahrplan der Zugverbindung Waldshut – Konstanz aus der Zeit der Dampflokomotiven. Das genaue Jahr ist unbekannt. Damals dauerte die Fahrt sechseinhalb Stunden. Heute sind es im besten Fall 1:19 Stunden. | Bild: Eisenbahnfreunde Allensbach

Markelfingen: Ein Hotel speziell für Radurlauber

Schon wenige Minuten nach Reisebeginn in Allensbach erreichte der Erfolgsautor in Markelfingen einen schönen Fachwerk-Bahnhof.

Schon zu Zeiten des früheren Bahnhofs in Markelfingen war dessen Vorplatz kein Anwärter auf einen Schönheitspreis, wie diese alte Aufnahme beweist. Pragmatismus hatte Vorrang, da hier erheblicher Güterverkehr abgewickelt wurde, bis der Bahnhof Mitte der 1960er Jahre abgerissen wurde. Nun will die Stadt das Areal rund um das neue Radhotel an dieser Stelle aufwerten. Damit sollen nicht zuletzt per Bahn anreisende Gäste einen besseren ersten Eindruck vom Dorf bekommen.
Der frühere Fachwerk-Bahnhof in Markelfingen wurde Mitte der 1960er Jahre abgebrochen. | Bild: Ortsverwaltung Markelfingen

Wie der Allensbacher Bahnhof stammte er aus den Anfangszeiten der Bahnverbindung Waldshut-Konstanz, die 1863 eingeweiht wurde. Umgeben war dieses Gebäude von einem großen Garten, ein Toilettenhaus bot auch Raum für das Kleinvieh des Bahnhofsvorstands, erzählt Erich Moser, der heute 81-jährige Sohn des letzten Markelfinger Bahnhofsvorstands Jakob Moser.

Vor dem früheren Markelfinger Bahnhof (von links): Bahnhofsvorstand Jakob Moser, seine Frau Maria Moser, eine entfernte Verwandte (Name unbekannt), Sohn Erich Moser. Das Bild stammt aus der Mitte der 1950er Jahre. Der Bahnhof spielte früher eine wichtige Rolle im Güterverkehr. An ihm wurde der beim Mindelsee gestochene Torf verladen, erzählt Hermann Repnik, der die frühere Güterhalle des Bahnhofs originalgetreu restauriert hat. Ihm gehört auch das Radhotel, das heute an der Stelle des früheren Bahnhofs steht. Außerdem erinnert Repnik sich, dass nach dem Zweiten Weltkrieg das französische Militär auf dem mittlerweile entfernten Ausweichgleis Panzer verladen hat.
Vor dem früheren Markelfinger Bahnhof (von links): Bahnhofsvorstand Jakob Moser, seine Frau Maria Moser, eine entfernte Verwandte (Name unbekannt), Sohn Erich Moser. Das Bild stammt aus der Mitte der 1950er Jahre. Der Bahnhof spielte früher eine wichtige Rolle im Güterverkehr. An ihm wurde der beim Mindelsee gestochene Torf verladen, erzählt Hermann Repnik, der die frühere Güterhalle des Bahnhofs originalgetreu restauriert hat. Ihm gehört auch das Radhotel, das heute an der Stelle des früheren Bahnhofs steht. Außerdem erinnert Repnik sich, dass nach dem Zweiten Weltkrieg das französische Militär auf dem mittlerweile entfernten Ausweichgleis Panzer verladen hat. | Bild: Erich Moser

Erich Moser ist im Bahnhof aufgewachsen und verdiente als Kind mit der Güterauslieferung ein Taschengeld.

Bahnhofsvorstand Jakob Moser und seine Frau Maria vor beziehungsweise in dem früheren Markelfinger Bahnhof. Er war umgeben von einem Garten, der Bahnhofsvorstand lebte mit seiner Familie bis 1961 in dem Gebäude und konnte sein überschaubares Gehalt mit der Haltung von Kleinvieh aufbessern, erzählt Jakob Mosers Sohn Erich. Der heute 81-Jährige lebt mit seiner Frau am anderen Ende von Markelfingen. Das Bild stammt aus der Mitte der 1950er Jahre. Nach dem Abriss des Gebäudes wurde dort ein nüchterner Zweckbau errichtet. In ihm betrieb die Stadt in Zusammenarbeit mit dem Verkehrsverein Markelfingen eine Touristinfo, in der zeitweise auch Fahrkarten für den öffentlichen Personennahverkehr verkauft wurden.
Bahnhofsvorstand Jakob Moser und seine Frau Maria vor beziehungsweise in dem früheren Markelfinger Bahnhof. | Bild: Erich Moser

Heute steht an der Stelle des Mitte der 1960er Jahre abgerissenen Bahnhofs ein moderner Neubau. Als die Stadt Radolfzell die Touristinfo in einem auf den Grundmauern des alten Bahnhofs errichteten nüchternen Zweckbaus schloss, griff der neue Eigentümer Hermann Repnik zu. Statt das leere Gebäude dem Vandalismus auszusetzen, riss er es ab und errichtete ein Radhotel mit Gastronomie. 

Eigentümer Hermann Repnik (links) und sein Neffe Florian Repnik in einem Zimmer des neu errichteten Radhotels in Markelfingen. An seiner Stelle stand zuvor ein nüchterner Zweckbau, der zuletzt die Touristinformation der Stadt beherbergt hatte. Der ursprüngliche Bahnhof war bereits Mitte der 1960er Jahre abgerissen worden. Vom Fenster aus sehen die Gäste über die Bahngleise nebst Oberleitungsmasten hinweg auf den Campingplatz und den Markelfinger Winkel.
Eigentümer Hermann Repnik (links) und sein Neffe Florian Repnik in einem Zimmer des neu errichteten Radhotels in Markelfingen. | Bild: Michael Buchholz

Stockach: Hohe Räume sind ideal für Mode

Der Schriftzug „Stockach“ hängt heute noch in schwarzen Buchstaben am Bahnhofsgebäude.

Das Bahnhofsgebäude in Stockach (links) ist heute ein Modegeschäft. Fahrkarten gibt es am Automat und das Seehäsle fährt morgens und abends stündlich, mittags halbstündlich nach Radolfzell.
Das Bahnhofsgebäude in Stockach (links) ist heute ein Modegeschäft. Fahrkarten gibt es am Automat und das Seehäsle fährt morgens und abends stündlich, mittags halbstündlich nach Radolfzell. | Bild: Ramona Löffler

Die Zeit, in der es mit Zügen und Fahrkarten zu tun hatte, ist aber schon seit Jahrzehnten vorbei. Vor rund 150 Jahren fuhren die ersten Züge auf der Bahnlinie Stockach/Radolfzell. Aus dieser Zeit stammt auch das Bahnhofsgebäude. Im September 1982 wurde die Bahnlinie eingestellt.

Letzte Fahrt: 1982 fuhr für viele Jahre der letzte Linienzug, hier am Bahnhof Nenzingen. Auf dem Zug stand "Ein letzter Gruß, jetzt gehts zu Fuß. Letzte Fahrt Radolfzell/Stockach. 25.9.1982. Ade!"
Letzte Fahrt: 1982 fuhr für viele Jahre der letzte Linienzug, hier am Bahnhof Nenzingen. Auf dem Zug stand "Ein letzter Gruß, jetzt gehts zu Fuß. Letzte Fahrt Radolfzell/Stockach. 25.9.1982. Ade!" | Bild: Stadtarchiv Stockach

Sie wurde erst 1996 wieder eröffnet. Fahrkarten gibt es aber am Automat – das markante Gebäude hat nichts mehr mit der Bahn zu tun.

Mit einem Eisenbahnfest wurde in Stockach in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre die Wiederaufnahme der Bahnverbindung Radolfzell-Stockach gefeiert.
Mit einem Eisenbahnfest wurde in Stockach in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre die Wiederaufnahme der Bahnverbindung Radolfzell-Stockach gefeiert. | Bild: SK-Archiv

Die Firma Concept aus Bahlingen kaufte es, nachdem es lange leer stand. Nach der Kernsanierung zog zunächst für ein paar Jahre ein Sportgeschäft ein. 2005 wechselte der Mieter. Seither hat die in Stockach ansässige Modefirma Kenny S. dort eine Kombination aus Filiale und Outlet. Beides in denselben Räumen sei eine besondere Situation, sagt Geschäftsleiter Torsten Kruse. Die Firma sieht das historische Gebäude als bestmöglichen Standort an: „Die hohen Räume sind ideal für Mode.“ Das Postgebäude schräg gegenüber ist ein anderes historisches Objekt, das ebenfalls saniert wurde. (löf)

Gottmadingen: Im früheren Bahnhof rauchen heute die Köpfe

Das Bild zeigt das Gottmadinger Bahnhofsgebäude, bevor die Fassade durch einen privaten Investor saniert wurde.
Das Bild zeigt das Gottmadinger Bahnhofsgebäude, bevor die Fassade durch einen privaten Investor saniert wurde. | Bild: Albert Bittlingmaier

Dort, wo früher Menschen im Bahnhof auf die Züge warteten, weil schlechtes Wetter herrschte, wird nun gebüffelt. Im Gottmadinger Bahnhof, der ehemals auch eine Gaststätte integriert hatte, befindet sich nach umfangreichen Innenbau-Arbeiten ein Schulungszentrum des Singener Unternehmens Personaplan samt weiteren Räumen.

Im Gottmadinger Bahnhofsgebäude finden nun Schulungen des Singener Unternehmens Personaplan statt.
Im Gottmadinger Bahnhofsgebäude finden nun Schulungen des Singener Unternehmens Personaplan statt. | Bild: Albert Bittlingmaier

Ein privater Investor hatte zuvor einen Kaufvertrag mit der Deutschen Bahn abgeschlossen. Die Gemeinde Gottmadingen sicherte sich ebenfalls einen Teil des Bahngeländes. "Dadurch können wir selbst Einfluss nehmen, wie wir das Gelände gestalten können, wie neue Parkplätze schaffen", schildert Matthias Kossmann vom Gottmadinger Hauptamt. Inzwischen hat der Investor auch die Fassade des Gottmadinger Bahnhofes grundlegend erneuert, so dass ein "Schandfleck", wie Bürgermeister Michael Klinger den Gottmadinger Bahnhof immer nannte, nun beseitigt ist. (bit)

Engen: Die Stadt nimmt die Entwicklung in die Hand

Die Stadt Engen hat vor einigen Jahren den Bahnhof in Eigentum gebracht. „Der Kaufvertrag mit der Deutschen Bahn war für uns wichtig. So gibt es nun wesentlich bessere Möglichkeiten, den Bahnhofsvorplatz neu zu gestalten, da wir das selbst in der Hand haben“, berichtet der Engener Bürgermeister Johannes Moser. Einen Großteil der Räume habe die Stadt an die Bahn vermietet, wie im Untergeschoss für Betriebsräume. Eine Wohnung wurde vermietet. Die seit vielen Jahren betriebene Gaststätte öffnet auch nach dem Kauf des Bahnhofs durch die Stadt Engen. (bit)

Binningen: Von der Schiene in die Luft

Ein besonderes Kuriosum gibt es in der Nutzung des früheren Binninger Bahnhofs, der 1966 stillgelegt wurde, als die Randenbahn ihre letzte Fahrt beendet hatte.

Die Fassade des früheren Binninger Bahnhofs sieht fast noch genauso aus wie zu Zeiten, in denen die Randenbahn zwischen Singen und Beuren am Ried fuhr.
Die Fassade des früheren Binninger Bahnhofs sieht fast noch genauso aus wie zu Zeiten, in denen die Randenbahn zwischen Singen und Beuren am Ried fuhr. | Bild: Albert Bittlingmaier

Der Bahnhof ist nun ein zentrales Gebäude der Segelfliegergruppe Binningen. Dort befindet sich das Clubheim des Vereins als beliebter Treffpunkt der Vereinsmitglieder und Bewohner von Binningen und Nachbarorten. "Geselligkeit wird hier groß geschrieben", betont Hans-Peter Hauser, der bei den Binninger Segelfliegern aktiv ist und sich dort auch als Platz- und Gerätewart engagiert.

Gerätewart Hans-Peter Hauser steht an der Theke des Vereinsheim der Segelfluggruppe Binningen, wo sich einst der Schalter des Bahnhofs befand.
Gerätewart Hans-Peter Hauser steht an der Theke des Vereinsheim der Segelfluggruppe Binningen, wo sich einst der Schalter des Bahnhofs befand. | Bild: Albert Bittlingmaier

Der Binninger Bahnhof ist Eigentum der Gemeinde Hilzingen. Sie hat ihn an die Segelfliegergruppe Binningen verpachtet. Auch in Storzeln gibt es einen alten Bahnhof, der privat bewohnt wird. 

 

Hilzingen: Ort für soziales Miteinander

In Hilzingen hat die Gemeinde als Eigentümerin das Erdgeschoss Vereinen für Veranstaltungen, wie an Fasnacht, zur Verfügung gestellt, im Obergeschoss wohnt eine syrische Flüchtlingsfamilie. Einen früherer Lagerraum der Bahn nutzen ebenfalls Vereine.

Im ehemaligen Hilzinger Bahnhof, wo die Randenbahn Station macht, finden nach der Renovierung Hilzinger Vereine eine Stätte und eine Flüchtlingsfamilie wohnt derzeit im Gebäude.
Im ehemaligen Hilzinger Bahnhof, wo die Randenbahn Station macht, finden nach der Renovierung Hilzinger Vereine eine Stätte und eine Flüchtlingsfamilie wohnt derzeit im Gebäude. | Bild: Albert Bittlingmaier

"Viele Menschen haben es bedauert, dass der Betrieb der Randenbahn eingestellt wurde. Sie sollte ursprünglich bis über den Randen nach Blumberg geführt werden", schildert der ehemalige Hizinger Bürgermeister Franz Moser. Die Randenbahn hatte ihren Betrieb schon längst eingestellt, als Moser sein Amt antrat. Start und Endstadtion war der heutige Tengener Stadtteil Beuren am Ried. Dort steht noch der Lokschuppen. Im Bahnhof befindet sich heute eine Wohnung. (bit)