Kreis Konstanz Von Willy Brandt zur AfD: Wie Walter Schwaebsch um Wählerstimmen wirbt

Walter Schwaebsch aus Schönaich bei Böblingen tritt im Wahlkreis Konstanz für die AfD an. Der 65-Jährige will handeln statt nur zu schimpfen und sieht sich als Welt- statt als Spießbürger.

Tobias Volz presst seine Kiefer aufeinander. Er lächelt gequält. "Viel Glück", wünscht der SPD-Bundestagskandidat seinem politischen Gegner bei einer zufälligen Begegnung in der August-Ruf-Straße in Singen. Die Wünsche gehen an Walter Schwaebsch, Kandidat der AfD. Schwaebsch grinst. Er weiß: Hier, in Singen, hat die AfD bei der Landtagswahl 2016 mehr Stimmen geholt als die SPD und wurde drittstärkste Kraft im Singener Wahlkreis.

Singen als Stimmenlieferant für die AfD – vor dem Info-Stand an diesem herbstlichen Samstag ist hiervon wenig zu sehen. Die Brezeln in den Papiertüten mit blauem Logo türmen sich, Feuerzeuge gehen etwas besser weg. Die meiste Zeit befinden sich rund um den Stand aber mehr Parteihelfer als mögliche Wähler. Das könnte daran liegen, dass die AfD einen Stand in Randlage der Fußgängerzone zugewiesen bekam. Ob und wo eine Partei einen solchen Stand aufstellen darf, entscheiden die Gemeinden. "Das sind wir schon gewohnt, die Städte werfen uns die Knüppel eben zwischen die Beine", sagt Walter Schwaebsch. 

Es könnte auch daran liegen, dass sich nur wenige Menschen gerne öffentlich im Dunstkreis der AfD sehen lassen wollen – auch in Singen. Im Verborgenen stimmen den Ansichten der Partei deutlich mehr zu. Schwaebsch grämt sich daher wegen des mäßigen Interesses am Infostand nicht: "Wir setzen eher auf das Internet, auf die sozialen Medien." Auch er betreibt bei Facebook eine Seite. Oder lässt sie betreiben. "Ich habe dort Unterstützung", sagt Schwaebsch. Wer die Beiträge genau schreibt, sagt er nicht. Flüchtlinge werden dort konsequent in An- und Abführung gesetzt; der CSU-Vorsitzende heißt dort nicht Seehofer, sondern "Drehhofer"; auch rät der Facebook-Schwaebsch der Integrationsbeauftragten des Bundes, Aydan Özoguz (SPD), sie solle "schnellstens in die Türkei abhauen".

Kurz nachdem AfD-Vize Alexander Gauland davon sprach, Özoguz könne man "in Anatolien entsorgen".

Provokationen dieser Art von Schwaebsch verwundern, da er im persönlichen Gespräch eher gemäßigt als rechtsextrem auftritt. Vielleicht auch, weil er von der Welt bereits viel gesehen hat. Der diplomierte Geograf und Bundeswehroffizier der Reserve hat laut Lebenslauf schon auf der gesamten Welt gearbeitet. Über manche Thesen der Höckes oder Gaulands in der AfD "muss ich schon schlucken, aber Dissens muss in einer Demokratie sein", sagt Schwaebsch.

Tobias Volz hätte vielleicht aufrichtiger Glück gewünscht, hätte er von Schwaebschs politischen Vorbildern gewusst. "Willy Brandt und Helmut Schmidt unbedingt, in Tübinger Studienzeiten", erinnert er sich. Was der frühere Student über den heutigen AfD-Kandidaten sagen würde? "Er ist sich treu geblieben", sagt Walter Schwaebsch. Was der AfD-Kandidat sagt, fände auch in konservativen Kreisen der Union Gehör: mehr innere Sicherheit, Obergrenzen für Flüchtlinge, deutsche Interessen in der Wirtschaft durchsetzen. "Ich finde, es ist nichts dabei, zu sagen: Deutschland zuerst", sagt er in Anlehnung an Donald Trumps Wahlmotto "America first". Er meint es im übertragenen Sinne. "Eine deutsche Regierung muss das Wohl des Landes als wichtigstes Ziel haben.

" Walter Schwaebsch geifert nicht gegen Ausländer, sagt aber: "Wir müssen die fortschreitende Islamisierung stoppen." Er schwingt auch nicht das Schwert der Lügenpresse, war gegen das Medienverbot bei den Landesparteitagen, sagt aber: "Die Vertreter der AfD werden in Talkshows bewusst vorgeführt."

Gegenüber der EU wächst Schwaebschs Skepsis: "Ich möchte wieder ein Europa der Nationen." Der Brexit sei ein Warnschuss gewesen, der die Unzufriedenheit der Menschen verdeutliche. "Wir müssen raus aus der Sackgasse des künstlichen Konstrukts", sagt Walter Schwaebsch. Raus auch aus dem Euro? "Darüber sollten die Bürger abstimmen dürfen", antwortet er. Überhaupt will Schwaebsch sich für mehr Bürgerbeteiligung einsetzen. "Es kann nicht angehen, dass den Menschen ständig etwas aufgedrückt wird."

Schwaebsch kann leidenschaftlich diskutieren. Am Info-Stand in Singen geht es mit einem Herrn mittleren Alters um drohende Diesel-Fahrverbote. Schwaebsch hält den momentan geltenden Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft im Freien für politisch-ideologisch motiviert und nicht wissenschaftlich belegt. Sein Gegenüber nickt. Schwaebsch fragt: "Warum liegt denn der Grenzwert in Innenräumen an Arbeitsplätzen bei 950 Mikrogramm?" So steht es im Bundesgesundheitsblatt. Was Schwaebsch nicht sagt: Diese 950 Mikrogramm beziehen sich nur auf Arbeitsplätze in der Industrie, an denen Menschen mit gefährlichen Stoffen umgehen. Nicht auf Büros, in denen der in den 1990er-Jahren festgelegte Wert bei 60 Mikrogramm liegt.

Fahrverbote für Diesel – davon ist der Wahlkreis Konstanz derzeit noch weit entfernt. So weit wie Schwaebsch? Er tut sich mit regionalen politischen Themen schwer, im Wahlkreis ist er wenig verwurzelt und kaum bekannt. "Ich trete aber ja auch für die Bundespolitik an", führt er an.
 

Walter Schwaebsch, AfD: seine Person, sein Leben, seine Ziele

Auf Platz 5 auf dem Stimmzettel im Wahlkreis Konstanz steht für die Partei AfD bei der Bundestagswahl am 24. September 2017 Walter Schwaebsch aus Schönaich.

 

  • Der Werdegang: Walter Schwaebsch wurde 1952 geboren und wuchs in Sindelfingen auf. Nach dem Abitur studierte er Geografie in Tübingen und den USA und arbeitete zunächst in Mexiko als Stadt- und Regionalplaner. Seit 35 Jahren ist Schwaebsch Oberstleutnant der Reserve bei der Bundeswehr. Seine berufliche Karriere führte ihn zunächst im Bereich der Entwicklungshilfe bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, später als Unternehmensberater auf alle Kontinente mit Ausnahme von Australien.
  • Das Privatleben: Walter Schwaebsch ist geschieden und hat eine Tochter im schulpflichtigen Alter. Er lebt in Schönaich bei Böblingen und hat zudem einen Wohnsitz in der Schweiz. Zugunsten des Familienlebens hat er die beruflichen Auslandsreisen heute stark eingeschränkt. In einer Partei war er bis zu seinem Eintritt in die AfD jedoch nicht. Bis zum April dieses Jahres war er Vorsitzender des Kreisverbandes Konstanz-Singen. Von dieser Position trat er wegen der Doppelbelastung als Bundestagskandidat zurück. Privat reist er weiter gerne.
  • Die Positionen: Walter Schwaebsch hat seine Schwerpunkte unter die Überschrift "Deutschland bewahren" gesetzt. Als wichtigstes Ziel gibt er die Stärkung von politischer Mitbestimmung der Bürger auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene an. Zudem müssten der unkontrollierte Zustrom illegal eingereister Ausländer beendet und straffällige Asylsuchende oder Gefährder sofort ausgewiesen werden. Er ist Verfechter einer nachhaltigen aber pragmatischen Umweltpolitik. Er sei deshalb gegen Windparks und ein Fahrverbot für Diesel. Von sich selbst spricht er als "Weltbürger statt Spießbürger", einen engeren Bezug zum Landkreis Konstanz hat er nicht. (bbr)

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