Kreis Konstanz Vom Bodensee bis nach Florida? Wie Forscher mithilfe der Raumstation ISS Geheimnisse der Aale lüften wollen

Bodensee-Aale schwimmen zum Laichen in den Atlantik, möglichwerweise bis vor Florida. Radolfzeller und Konstanzer Forscher wollen das Geheimnis mit Mini-Sendern lüften - und das mit Hilfe der Raumstation ISS. Wenn ihre Sender funktionieren, könnten sie eines Tages sogar Fische zu Helfern für ein Erdbeben-Warnsystem machen. Wir stellen das System vor.

„Das Leben der Aale steckt noch voller Geheimnisse“, sagt Martin Wikelski mit funkelnden Forscheraugen. „Mit unserem neuen Projekt wollen wir einige davon lüften.“ Wikelski, Professor am Max-Planck-Institut in Radolfzell und Leiter des globalen Icarus-Projekts, will zusammen mit seiner Kollegin Jasminca Behrmann-Godel vom limnologischen Institut der Uni Konstanz Aale mit Sendern ausstatten, um so ihre Wanderung über den Atlantik nachverfolgen zu können.

Denn noch immer weiß man nicht genau, wo die vom Aussterben bedrohten Fische ihre Laichplätze haben. Es wird vermutet, dass sie sich in der Sargasso-See vor Florida befinden. Aber nachgewiesen werden konnte das bisher nicht. Sollte Wikelskis Team Erfolg haben, wäre das eine wissenschaftliche Sensation.

Größe und Gewicht des Senders von großer Bedeutung

Schon zuvor ist versucht worden, Aale mit Sendern auszustatten. Das scheiterte bisher an Größe und Gewicht der Sender. „Die Tiere wurden zu sehr beeinträchtigt. Sie starben an Stress oder endeten als Haifutter“, so der Biologe. Dem Icarus-Team gelang die Entwicklung eines Miniatursenders von nur 3,5 Gramm Gewicht und wenigen Zentimetern Länge. 

Ein Langstreckler: der Aal. Bodensee-Aale bleiben nicht ihr Leben lang im See, sondern schwimmen zum Laichen in den Atlantik. Experten vermuten, dass sie in der Nähe von Florida laichen, das Icarus-Projekt soll Reiseroute und -ziel ans Tageslicht bringen. Die Fische legen pro Jahr mitunter mehr als 5000 Kilometer pro Jahr zurück, und das zum Teil gegen den Golfstrom. Die Jungtiere schwimmen dann wiederum in europäische Binnengewässer, wo sie aufwachsen. <em>Bild: A_Bruno/adobe.stock.com</em>
Ein Langstreckler: der Aal. Bodensee-Aale bleiben nicht ihr Leben lang im See, sondern schwimmen zum Laichen in den Atlantik.

Über GPS und ein Empfangssystem auf der internationalen Raumstation ISS können die Position der Sender und die gesammelten Daten erfasst und zurück zur Erde gesendet werden. Erst vor wenigen Wochen wurde das System mit einer russischen Rakete zur ISS geschickt. „Dort soll es Anfang August von zwei russischen Kosmonauten montiert werden. Dann können wir richtig loslegen“, sagt Wikelski.

Die Minisender werden von den Forschern schon bei Vögeln, Fledermäusen, Meeresschildkröten und Landsäugetieren eingesetzt. Bei Fischen ist die Sache komplizierter, weil unter Wasser keine Daten übermittelt werden können. Deshalb werden die Sender auf einem Träger montiert, der mit einem dünnen Metalldraht festgemacht ist und nach einigen Monaten im Salzwasser rostet. Durch einen Auftriebskörper treibt der Sender zur Oberfläche. Erst dann können seine Position ermittelt und die Daten gesammelt werden. 

Nur wenige Zentimeter lang und 3,5 Gramm schwer: Mit Miniatursender wie diesem, hier präsentiert von Forscherin Uschi Müller, sollen die Aale ausgestattet werden.
Nur wenige Zentimeter lang und 3,5 Gramm schwer: Mit Miniatursender wie diesem, hier präsentiert von Forscherin Uschi Müller, sollen die Aale ausgestattet werden.

Gerade testen die Forscher an Bodensee-Aalen verschiedene Möglichkeiten, die Sender anzubringen. „Das ist eine ziemliche Tüftelei“, meint Wikelski. „Aber es geht uns auch darum, die Tiere möglichst wenig zu beeinträchtigen.“ Die bis zu ein Meter langen Aale werden in großen Außenbecken der Fischbrutanstalt des Angelsportvereins Konstanz (ASV) gehalten und versorgt.

Der ASV hat die Tiere bei Berufsfischern aus der Gegend besorgt. Für die Kooperation mit den Forschern hat der Verein zudem seine Becken modernisiert und eine kostspielige Beschattung gebaut. „Die Wassertemperatur darf im Sommer nicht zu sehr steigen, sonst leiden die Aale an Stress“, meint Jochen Mayer, der das Projekt beim ASV leitet. In den Becken mit Kies, Wasserpflanzen und Versteckmöglichkeiten werden die Aale mit den Sendern über mehrere Monate beobachtet.

„Ich bin sehr froh über die unkomplizierte Zusammenarbeit mit dem ASV“, betont Wikelski. „Ohne die Beteiligung des Angelsportvereins wären wir nicht so schnell vorangekommen.“ Das liegt auch an ASV-Mitglied Jasminca Behrmann-Godel: Die Limnologin ist inzwischen maßgeblich an der Entwicklung der Träger beteiligt. Die Limnologie als Wissenschaftsdisziplin befasst sich hauptsächlich mit Binnengewässern. 

Vier vom Forschungsteam (v.r.): Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut Radolfzell und Uschi Müller, Koordinatorin des Icarus-Projekts, sowie Betram Wanner und Jochen Mayer vom Angelsportverein Konstanz. <em>Bilder (2): Carsten Arbeiter</em>
Vier vom Forschungsteam (v.r.): Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut Radolfzell und Uschi Müller, Koordinatorin des Icarus-Projekts, sowie Betram Wanner und Jochen Mayer vom Angelsportverein Konstanz. Bilder (2): Carsten Arbeiter

Die Aale sollen erst der Anfang sein. Wikelski und sein Team möchten bald auch andere Fischarten mit Sendern ausstatten. Doch welchen Nutzen für Menschen und Tiere erhoffen sich die Forscher? Dazu erzählt Wikelski eine Geschichte aus Japan. Dort sind mittelalterliche Quellen überliefert, wonach große Welse vor Erdbeben aus den Flüssen an Land sprangen.

Die Menschen damals glaubten, dass die Welse die Erdbeben auslösten. Das sieht der Wissenschaftler natürlich anders. „Welse sind hochsensible Fische. Sie spüren ein Erdbeben vielleicht schon viele Stunden vorher und reagieren panisch. Auch gibt es Wasserschlangen, die angeblich einen Tsunami schon sehr früh wahrnehmen und fliehen.“ So wäre es vorstellbar, Tiere in erdbeben- oder tsunamigefährdeten Regionen mit Sendern auszustatten. Schlagen die Alarm, könnten Menschen rechtzeitig evakuiert werden.

Mehr Hintergrundwissen für besseren Schutz der Tiere

Aber das ist noch Zukunftsmusik. Bertram Wanner, Präsident des Angelsportvereins Konstanz, hofft außerdem auf neue Erkenntnisse für die Fische des Bodensees und Rheins. „Je mehr wir über die Wanderungen der Bodenseefische in Erfahrung bringen, umso besser können wir sie schützen. Auch könnten die Sender helfen, die zum Teil gravierenden Auswirkungen von Wasserkraftwerken auf die Fischbestände besser zu verstehen.“

Denn eigentlich könnte man die Aale mit den Sendern schon im Bodensee aussetzen. Aber kaum ein Bodensee-Aal kommt in der Nordsee an: Bei ihrem Weg flussab schwimmen sie durch die Turbinen der Wasserkraftwerke, wobei über neunzig Prozent in Stücke gerissen werden und sterben. Deshalb werden die Forscher die mehreren hundert Aale des Icarus-Projekts sicherheitshalber gleich in der Nordsee vor Rotterdam ins Meer lassen. Losgehen soll es im Herbst. Und wer weiß, vielleicht können im Frühjahr 2019 schon die ersten Aal-Geheimnisse gelüftet werden.

Die Fisch-Forscher

  • Die Icarus-Initiative: Der Name Icarus steht für International Cooperation for Animal Research Using Space (Internationale Vereinigung für Tierforschung mit Hilfe von Weltraumdaten). Ziel der Initiative ist es, die globalen Wanderbewegungen kleiner Tiere mit Satelliten zu beobachten. Bis heute sind Forscher nicht in der Lage, kleinen Tieren wie Singvögeln, Fledermäusen oder Fischen während ihrer langen Reisen zu folgen. Icarus wird vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt gefördert und von der russischen Raumfahrtagentur Roscosmos unterstützt. Auch die Uni Konstanz ist beteiligt.
  • Der Angelsportverein: Der ASV Konstanz hat über 350 Mitglieder. Zum Engagement zählen Schul- und Naturschutzprojekte. Der ASV pachtet das Konstanzer Fischwasser und betreibt die einzige private Bodensee-Fischbrut. Jedes Jahr werden mehrere Millionen Felchen erbrütet. Schon in der Vergangenheit war der Verein an Forschungsprojekten beteiligt. Für die Icarus-Kooperation bildete sich ein Team: Jochen Mayer (Projektleiter), Bertram Wanner, Thomas Lang und Jürgen Willauer unterstützen die Forscher.

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