Das Volksbegehren Artenschutz treibt allem Anschein nach einen großen Keil zwischen zwei Gruppen, von denen jede für sich in Anspruch nimmt, naturfreundlich zu agieren. Da sind zum einen die Initiatoren von Pro Biene Baden-Württemberg, die unter anderem durch eine Reduzierung des Pestizideinsatzes auf bestimmten Schutzflächen Insekten, aber auch andere Tiere stärker schützen wollen.

Auf der anderen Seite stehen Landwirte, die sich dadurch in ihrer Existenz bedroht sehen. Darunter auch Biobauern wie der Allensbacher Helmut Müller. Gegner und Befürworter des Volksbegehrens Artenschutz vertreten ihre Standpunkte am Dienstag, 8. Oktober, bei einer vom SÜDKURIER veranstalteten Podiumsdiskussion im Konstanzer Konzil.

Stefan Leichenauer sieht keine Zukunft als Vollerwerbs-Landwirt

Im Norden des Landkreises hat ein konventionell arbeitender Landwirt gerade beschlossen, von Voll- auf Nebenerwerb umzusteigen: Stefan Leichenauer aus Tengen-Uttenweiler. „Als dieser Entschluss fiel, hat die ganze Familie geweint“, sagt er. Er sei aber unausweichlich gewesen, denn unter anderem hätte er mit weiteren Vorschriften nicht mehr genug Futter für sein Vieh anbauen können. Und wenn ein Landwirt auch in ertragsarmen Jahren Streuobstwiesen bewirtschaften müsste, wäre das ein weiteres Minusgeschäft. In diesem Jahr sei dies in seiner Region wegen einer Kältewelle im Frühjahr der Fall gewesen.

Diese traf auch den Hobby-Imker Rüdiger Specht, der ebenfalls in Uttenhofen lebt. Die weitgehend ausgefallene Blüte habe ihm eine schlechte Honig­ernte eingebracht. Noch hatte Specht keine Zeit, sich intensiv mit dem Volksbegehren zu beschäftigen. Und um seine zehn Völker macht er sich auch wenig Sorgen: „Die Honigbienen sind ein verhätscheltes Nutztier. Aber was ist mit den rund 500 Wildbienenarten, die wir in Europa haben?“

Martin Schröpel vom Imkerverein Konstanz warnt vor einer Eskalation der Debatte um das Volksbegehren Artenschutz.
Martin Schröpel vom Imkerverein Konstanz warnt vor einer Eskalation der Debatte um das Volksbegehren Artenschutz. | Bild: Chris Kemmer

Martin Schröpel, Vorsitzender des Imkervereins Konstanz, sieht das ähnlich und warnt vor einer Eskalation der Diskussion. Über das Volksbegehren werde im Verein natürlich gesprochen, es werde aber keine offizielle Parteinahme des Vereins geben, jeder müsse selber wissen, ob er unterschreibe. Keinesfalls solle der Eindruck erweckt werden, dass die Imker geschlossen hinter dem Volksbegehren stehen.

Bianca Duventäster findet als Vorsitzende des Imkervereins Stockach klare Worte: „Eine jahrelange Annäherung von Imkern und Landwirten, eine gute Zusammenarbeit wird durch die Forderungen auf eine harte Belastungsprobe gestellt. Imker und Landwirte sehen sich als Partner und sind aufeinander angewiesen. Dieses Volksbegehren spaltet inzwischen gut zusammenarbeitende Gruppierungen.“

Insel Mainau zieht Unterstützung nach genauer Prüfung zurück

In einen Zwiespalt geraten ist die Insel Mainau. Diese befürwortet nach eigener Aussage grundsätzlich die Initiative zum Volksbegehren. Die anfangs zugesagte Unterstützung habe aber zurückgenommen werden müssen, nachdem der zwischenzeitlich vollständige Gesetzentwurf vorlag. Die Mainau sieht in einer Passage einen Zielkonflikt mit dem geforderten Ausbau der ökologischen Landwirtschaft, da unter die Definition „Pestizide“ auch die im biologischen Anbau zugelassenen Pflanzenschutzmittel fielen.

Die Sorgen der Landwirte verdeutlicht eine Aktion der Arbeitsgemeinschaft Junge Bauern Hegau-Bodensee, einer Gruppe der Badischen Landjugend. Kreisweit seien darin etwa 120 junge Menschen organisiert, die selbst in der Landwirtschaft arbeiten oder einen Bezug zu ihr haben, sagt Patrick Zimmermann. Er ist Teilhaber eines Hofes im Radolfzeller Ortsteil Stahringen. An mehreren Orten im Kreis Konstanz hat die Gruppe große grüne Kreuze errichtet, als Symbol für ihre Zukunftssorgen. Bei einer solchen Aktion bei Orsingen in der Nähe von Stockach waren etwa 15 Personen aus der Gruppe dabei – und das mitten in der Maisernte, wie Alexander Schlenker, Landwirt aus Rielasingen, betont.

Für die Errichtung des großen grünen Kreuzes bei Orsingen müssen die jungen Landwirte schweres Gerät einsetzen.
Für die Errichtung des großen grünen Kreuzes bei Orsingen müssen die jungen Landwirte schweres Gerät einsetzen. | Bild: Freißmann, Stephan

„Das Thema brennt allen unter den Nägeln“, so Schlenker. Für manche Landwirte seien die Forderungen des Volksbegehrens existenzgefährdend. Die Landwirtschaft könne den Artenschutz allerdings nicht alleine stemmen, sagt er, und verweist darauf, dass beispielsweise in Singen ein großes Baugebiet ausgewiesen werde – ganz abgesehen vom Flächenverbrauch für einen Baumarkt mit großem Parkplatz. Solche Flächen seien versiegelt und für Naturschutz wie Landwirtschaft verloren.

Franziska Zimmermann, die im Betrieb ihrer Eltern in Steißlingen mitarbeitet, dürfte das Gefühl vieler Landwirte auf den Punkt bringen, wenn sie sagt: „Das Volksbegehren hat nur die Landwirtschaft zum Ziel. Die Landwirtschaft ist der grundsätzliche Buhmann für alles.“ Dass beides, Bienenzucht und Landwirtschaft, zusammengehören, zeigt Jörg Eiselein. Er ist selbst Imker, betreibt auf seinem Hof in Radolfzell-Reute aber auch Obst- und Ackerbau. Er könne zwar verstehen, dass sich die Menschen Sorgen um die Bienen machen. Doch Tierschutz und Landwirtschaft würden nur Hand in Hand funktionieren.

Junglandwirte befürchten Vorteile für große Betriebe

Das Volksbegehren würde hingegen die Lösungen einschränken. Für einen Obstbauern sei ein Verzicht auf Pflanzenschutz hingegen riskant. Manchmal bräuchten die Pflanzen einfach den Schutz, um die Früchte marktfähig zu halten, sagt er. Alexander Schneble aus Duchtlingen ergänzt, die gemeinsame Sorge der jungen Bauern sei, dass strengere Naturschutzauflagen eher größeren Betrieben in die Hände spielen würden, die sich die entsprechende Technik leisten können.

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Sven Prange, Koordinator des Volksbegehrens, führt die Kritik aus der Landwirtschaft auf den Bauernverband zurück und wirft ihm bewusste Irreführung vor. Er verweist auf Verbände der bäuerlichen, nachhaltigen Landwirtschaft im Trägerkreis des Volksbegehrens und betont den Willen zum konstruktiven Gespräch mit Skeptikern.

Diesem Vorwurf widerspricht BLHV-Präsident Werner Räpple: „Wir haben den Gesetzentwurf gründlich gelesen und weitergeleitet. Da ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen in Baden-Württemberg in Schutzgebieten liegt, wäre ein wirtschaftlicher Anbau nicht mehr möglich. Von unseren Mitgliedern werden wir sogar eher aufgefordert, noch stärker gegen das Volksbegehren vorzugehen.“

Starker Rückgang bei den Schmetterlingen

Wie bedrohlich die Situation für Insekten ist, weiß Armin Dett aus Markelfingen genau. Mit Nachtfaltern, die 81 Prozent der Schmetterlingsarten ausmachen, kennt er sich bestens aus. Seit acht Jahren fotografiert er sie für preisgekrönte Bücher und Kalender. Dabei habe er sogar im Naturschutzgebiet Mindelsee einen Rückgang der Arten und Individuen festgestellt, auch bei früher häufigen Tagfaltern. Seine Beobachtungen sieht er als wissenschaftlicher Mitarbeiter durch das landesweite Nachtfaltermonitoring bestätigt.

Blühstreifen wie hier am Bodensee-Radweg bei Markelfingen sollen in der Nachbarschaft von landwirtschaftlich genutzten Flächen Insekten und anderen Tieren einen Lebensraum bieten.
Blühstreifen wie hier am Bodensee-Radweg bei Markelfingen sollen in der Nachbarschaft von landwirtschaftlich genutzten Flächen Insekten und anderen Tieren einen Lebensraum bieten. | Bild: Buchholz, Michael

Inmitten der hitzigen Debatte sind sich Imker und Armin Dett mit dem Uttenhofer Landwirt Stefan Leichenauer in einigen Punkten einig: Jeder Einzelne könne dem Artensterben entgegenwirken. Sei es durch tierfreundliche Gärten statt Steinlandschaften oder bewusstes Kaufverhalten. Doch, wie Stefan Leichenauer formuliert: „Alle wollen Bio, aber keiner kauft es.“

Befürworter und Gegner tauschen am 8. Oktober ihre Argumente aus

Die Podiumsdiskussion des SÜDKURIER zum Volksbegehren Artenschutz Baden-Württemberg beginnt am Dienstag, 8. Oktober, um 19 Uhr im unteren Saal des Konzils Konstanz. Sie dauert voraussichtlich bis 21 Uhr. Der Eintritt ist frei.
 

  • Das Volksbegehren: Die Initiatoren von „Rettet die Bienen“ müssen bis zum 23. März 2020 die Unterschriften von zehn Prozent der Wahlberechtigten zum baden-württembergischen Landtag (770 000 Personen) für ihren Gesetzentwurf sammeln. Sollte diese Zahl erreicht werden, muss der Landtag über den Gesetzentwurf entscheiden. Kernforderungen sind ein 50-prozentiger Ökolandbau bis zum Jahr 2035, die Halbierung des mit Pestiziden belasteten Flächenanteils bis zum Jahr 2025, ein Verbot von Artenvielfalt gefährdenden Pestiziden in Naturschutzgebieten sowie der Schutz der Streuobstbestände. Viele Parteien, Organisationen und Unternehmen unterstützen die Initiatoren.
  • Die Podiumsdiskussion: Mit der Veranstaltung am Dienstag, 8. Oktober, möchte das SÜDKURIER Medienhaus ein breites Publikum, insbesondere aus der Perspektive von Konsumentinnen und Konsumenten, umfassend über das Volksbegehren informieren.
  • Der Ablauf: Moderiert wird der Abend von Jörg-Peter Rau, Mitglied der Chefredaktion des SÜDKURIER. Werner Räpple, Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV), und Johannes Enssle, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu), eröffnen mit kurzen Statements zum Volksbegehren Artenschutz die Veranstaltung. Anschließend diskutiert ein mit Fachleuten besetztes Podium, weitere Experten ergänzen ihre Ausführungen. Im Anschluss kann das Publikum sich an der Diskussion beteiligen.
  • Die Teilnehmer: Haupt-Diskutanten sind Johannes Enssle (Nabu), der Konstanzer Landwirt Heinrich Fuchs und Christian Scheer (Pflanzenschutzexperte vom Kompetenzzentrum Obstbau KOB in Bavendorf). Weitere Experten sind Martin Schröpel (Vorsitzender des Imkervereins Konstanz), Jürgen Riedlinger (Vermarkter vom Fruchthof Konstanz) sowie Beate Vollmayer (Winzerin aus Hilzingen).