Die Wasserstände am Bodensee bleiben trotz der Niederschläge der vergangenen Tage auf eher niedrigem Niveau. In Konstanz lag der Pegel am Dienstagvormittag bei 2,83 Metern, in Radolfzell am Untersee waren es mit knapp 2,44 Metern 38,2 Zentimeter weniger. Einer, der die Entwicklung von Berufs wegen genau beobachtet, ist der Physiker Bernd Wahl, der sich am Seenforschungsinstitut der baden-württembergischen Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) in Langenargen unter anderem mit der Entwicklung der Wasserstände am Bodensee beschäftigt. Eine wichtige Erkenntnis aus den Analysen ist für Wahl, dass sich in den vergangenen Jahren die Pegeldifferenz zwischen Obersee und Untersee vergrößert hat.

Die Zäsur setzt der Wissenschaftler etwa in den Jahren 2007/2008 an. Bis dahin lag der Unterschied der Wasserstände zwischen Ober- und Untersee bei durchschnittlich 18 bis 20 Zentimetern. Seither klafft die Schere weiter auseinander. „Jetzt geht es in Richtung 30 Zentimeter“, sagt Wahl. Bei der Erforschung der Ursachen für die wachsende Differenz nimmt das Institut für Seenforschung die Abflussschwellen des Bodensees ins Visier. Dies ist zum einen der Seerhein in Konstanz, der Obersee und Untersee verbindet. Zum anderen ist es der Abfluss des Untersees in den Rhein bei der Stiegener Enge (Eschenz/Öhningen). Nach Angaben von Bernd Wahl zeigen Analysen, dass sich die Beziehung zwischen Pegel und Abfluss verändert hat. Der Pegel sei bei gleichem Abfluss gestiegen. Daraus ergibt sich die Annahme, dass Ober- und Untersee sich aufgestaut haben, allerdings in unterschiedlichem Maße, was die wachsendende Differenz der Pegelstände erklären könnte.

Elektronisch angezeigt: Pegelstand in Konstanz am Dienstag.
Elektronisch angezeigt: Pegelstand in Konstanz am Dienstag.

Bernd Wahl will die Entwicklung nicht als dramatisch werten. Die Ursachenforschung geht indes weiter. So hat der Seenforscher aus Langenargen zum Beispiel die Arbeitsgruppe Bodenseeufer (AGBU, Konstanz) angesprochen. In der AGBU beschäftigen sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinien mit der Erforschung des Bodenseeufers. Könnten zum Beispiel Wasserpflanzen im Seerhein den Wasserdurchfluss vom Ober- in den Untersee abbremsen? Der Biologe Michael Dienst verweist darauf, dass im Konstanzer Seerhein ein verstärktes Wachstum einer Laichkrautart zu beobachten sei. Das Pflanzenwachstum könnte eine gewisse Rolle spielen und den Wasserdurchfluss möglicherweise verlangsamen. Aber das sei eine komplexe Angelegenheit, sagt Dienst.

Immerhin könnte man auch annehmen, dass die Erosion in den Abflussschwellen von Ober- und Untersee den Wasserdurchlauf eher beschleunigen müsste. Auf die Abtragung hatte der Unterwasserarchäologe Martin Mainberger 2015 in einem Aufsatz für die Arbeitsgruppe Bodenseeufer hingewiesen. Er spricht in dem Beitrag von einer Umkehr der Dynamik aus Erosion und Auflandung. Während früher befürchtet worden sei, dass die Kalkbarren in den Durchflüssen zur Inselbildung führen und den Abfluss noch stärker verengen würden, finde heute eine positive Abtragung statt. Die Kalktuffbänke , die vielleicht über Jahrtausende als Schutzschilde gegen die Auswaschung durch die Oberflächenströmung gewirkt hätten, seien heute bis auf kleine Relikte abgetragen. Spricht eine solche Beobachtung nicht gegen die These vom Rückstau des Wassers an den Seeabflüssen? Der Physiker Bernd Wahl hält derzeit noch keine endgültige Antwort parat.

Er wird seine Erkenntnisse in absehbarer Zeit zusammenfassen. Was die weitere Entwicklung der Pegelstände angeht, sagt er: „Das beobachten wir mit großem Interesse.“

Saisoneffekt

Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) hat das Langzeitverhalten der Bodensee-Wasserstände untersucht. Demnach sinken die Pegel im Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen saisonal ab. So sind die Wasserstände im Sommer zurückgegangen. Noch sei allerdings keine Wirkung auf die mittleren langjährigen Wasserstände zu erkennen. Man könne entsprechende Folgen aber auch nicht ausschließen.