Aus Anja spricht Dankbarkeit. "Wir haben einen Vertrauensvorschuss. Es ist ein Geschenk." Die 47-Jährige berichtet über ihren Dienst als ehrenamtliche Helferin bei der Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee, die Menschen aus Krisen heraushelfen will. Sie erlebt ihn als bereichernd. "Es ist eine Balance zwischen Geben und Nehmen." Wie fast alle Kollegen, die am Telefon sitzen, möchte sie unerkannt bleiben. Die Anonymität schützt die Mitarbeiter, die von Ratsuchenden nicht privat angerufen werden wollen, aber auch die Anrufer, die sich niemandem erklären müssen.

Viel fürs Leben gelernt

Bei der umfangreichen Ausbildung und dann im Dienst bei der Telefonseelsorge habe sie viel fürs Leben gelernt, vor allem die wertschätzende Kommunikation. Sie habe sich darin geübt, das Gegenüber mit seinem Anliegen wirklich wahrzunehmen und empathisch auf seine Bedürfnisse einzugehen. Sie könne jetzt auch privat die Zeit besser würdigen, die sie mit anderen verbringe, sagt Anja. Die Anrufer schätzten es, wenn sie Zuwendung erfahren und erleben, wie sich jemand Zeit für sie nimmt. Wenn Anja am Telefon sitzt, dann versucht sie, voll fokussiert zu sein auf das Gespräch und das Gegenüber.

Weiterbildung ist inbegriffen

Anja wirkt nicht nur am Telefon, sondern auch am Computer. Sie beantwortet die vor allem von jungen Menschen genutzten Mailanfragen. Sie hat sich drei Jahre nach der Basisausbildung für den Telefondienst für den Maildienst ausbilden lassen. Dieser biete einige Herausforderungen: "Wenn ich etwas in Schriftform fasse, dann kann ich die Reaktionen nicht einfangen." Also überlege sie lange, was das Geschriebene in ihr auslöst und was zwischen den Zeilen stehen könnte. Manchmal nehme sie sich eine halbe Stunde Zeit für die Antwort, und lasse diese dann einen Tag liegen, um zu überprüfen, ob sie sie noch als stimmig empfinde. Erst dann drücke sie auf Senden. Auch die Gemeinschaft der Mitarbeiter gefalle ihr. Beim Dienst sei zwar jeder allein, doch bei Fortbildungen, Besprechungen und den Mitarbeiter-Beratungen (Supervision) gebe es viele Möglichkeiten, die anderen kennenzulernen. "Es sind ganz unterschiedliche Leute, mit zwei Dritteln wäre ich nie in Kontakt gekommen, wenn ich nicht bei der Telefonseelsorge wäre." Alle verbinde das Interesse am Zuhören und die Bereitschaft, das Gegenüber so zu nehmen, wie es ist. Doch die Hintergründe der Helfer sind völlig verschieden. Hier arbeiten junge und alte Menschen, aus ganz verschiedenen Berufen und Lebensumständen.

Den Alltag anpacken

Manchmal drehen sich die Gespräche am Telefon um schwerwiegende Probleme, manchmal geht es um eine wertschätzende Rückmeldung oder eine Ermutigung, den Alltag anzupacken. Im Schnitt dauern die Gespräche 20 Minuten, doch auf die Länge kommt es nicht an: "Die Qualität des Kontakts ist wichtig", sagt Bernadette Augustyniak, Leiterin der Geschäftsstelle der Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee. Gespräche bei der Telefonseelsorge laufen anders als die üblichen Sorgengespräche im Alltag. Dort komme es oft vor, dass einer sage, das Problem kenne er auch, ihm habe damals das und das geholfen. Bei der Telefonseelsorge dagegen halten sich die Mitarbeiter mit Ratschlägen zurück. Sie versuchten, erst einmal herauszufinden, wo der andere steht und wie er unterstützt werden kann, eigene Lösungswege zu finden. Die Mitarbeiter fragen beispielsweise, was einer schon probiert hat, was er sich noch vorstellen kann, und welche Vor- und Nachteile bestimmte Schritte haben könnten. Oft sei das Akzeptieren eines Menschen, so wie er ist, schon die Basis für Veränderungen, sagt Bernadette Augustyniak.

28 500 Anrufe im Jahr

  • Der Dienst: Die Telefonseelsorge Schwarzwald-Bodensee wird getragen von der katholischen und evangelischen Kirche sowie den Landkreisen Konstanz, Bodenseekreis, Schwarzwald-Baar, Sigmaringen und Tuttlingen. Aus- und Fortbildungen, Fachtagungen sowie die hauptberufliche Präsenz verursachen Kosten. Die regionale Telefonseelsorge hat rund 60 ehrenamtliche Mitarbeiter. In den Jahren 2016 und 2017 nahmen sie und die wenigen Hauptberuflichen rund 28 500 Anrufe entgegen. Um die 60 Prozent der Anrufer sind Frauen. Zu den häufigsten Themen gehörten körperliches Befinden, depressive Stimmungen, Einsamkeit/Isolation, familiäre und Alltagsbeziehungen. Die sechs auch in der Mailberatung tätigen Mitarbeiter widmeten sich in den vergangenen beiden Jahren 262 Anfragen. Insgesamt wurden im Maildienst rund 1600 Nachrichten versandt und empfangen.
  • Neuer Ausbildungskurs: Wer Interesse an der ehrenamtlichen Mitarbeit bei der Telefonseelsorge hat, kann sich jetzt für einen neuen (kostenfreien) Ausbildungskurs bewerben. Er startet am 29. September und umfasst rund 200 Stunden. Ehrenamtliche sollten monatlich 12 Stunden für den Dienst am Telefon aufbringen können. Unterlagen und Infos gibt es über die Geschäftsstelle. Mail: info@telefonseelsorge-konstanz.de, Telefon: (0 75 31) 2 77 78, Internet: www.telefonseelsorge-schwarzwald-bodensee.de