Logopädinnen, Ein-Fach-Lehrer, Kräfte aus Osteuropa und Studienabbrecher: Sie unterrichten im kommenden Schuljahr einige Kinder und Jugendliche in den Landkreisen Konstanz und Tuttlingen. Denn die Lehrerversorgung in den Grundschulen und allen weiterführenden Schulen außer den Gymnasien ist wieder extrem knapp. So müssen sich die Verantwortlichen mit Quereinsteigern behelfen.

Die Verantwortlichen, das sind in diesem Fall die Personalschulräte Gerhard Schlosser für den Landkreis Konstanz sowie Thomas Stingl für den Kreis Tuttlingen. Um diese beiden Kreise kümmert sich das Staatliche Schulamt Konstanz. „Ich kämpfe stündlich um Lehrer“, sagt Thomas Stingl, denn den Landkreis Tuttlingen trifft es besonders hart: Er ist das Schlusslicht beim Thema Lehrerversorgung in ganz Baden-Württemberg. 30 Stellen waren dort zu besetzen, acht sind immer noch offen. Und das nur wenige Tage vor dem Start des neuen Schuljahrs. „Früher standen die Stundenpläne am letzten Tag vor den Sommerferien fest und die Schulleiter und Lehrer konnten sich erholen“, sagt Stingl. „Heute dagegen beginnen die Schulen mit provisorischen Plänen und müssen sehr belastbar und flexibel sein. Die Rektoren stehen enorm unter Druck.“

Hilfe von Quereinsteigern

Im Kreis Konstanz sieht es ein wenig besser aus. Während der Pflichtbereich (also der Unterricht) gesichert ist, bleiben noch zwei Prozent der Lehrerstunden für den Ergänzungsbereich (also Arbeitsgemeinschaften, Chor, Theater, Förderstunden) übrig. „Das ist nicht besonders viel, aber letztes Jahr konnten wir nicht einmal den Pflichtbereich komplett abdecken“, sagt Schulrat Gerhard Schlosser. Er hofft, dass sich dieser leichte Aufwärtstrend in den kommenden Jahren bestätigt. Im Kreis Tuttlingen dagegen wird Unterricht ausfallen müssen oder Klassen werden zusammengelegt: Hier wird der Pflichtteil nur zu 98 Prozent abgedeckt, für die Kür sind gar keine Kapazitäten mehr übrig. „Immerhin können die Schulen mit Hilfe der Quereinsteiger ins neue Schuljahr starten“, sagt Thomas Stingl. „Aber das ist alles mit sehr heißer Nadel gestrickt.“ Und er gibt zu bedenken: „Kann eine Logopädin mit Weiterbildung am Lehrerseminar Rottweil dieselbe Arbeit leisten wie eine ausgebildete Grundschullehrerin?“ Diese Frage bereitet ihm und seinen Kollegen Sorge. Doch ohne die Hilfskräfte sind die Schulen aufgeschmissen. Stingl berichtet von einer Grundschule im Kreis Tuttlingen, wo beide Lehrerinnen schwanger sind, die eigentlich die ersten Klassen unterrichten sollten. Nun ist auch eine der Ersatzlehrerinnen schwanger geworden, die andere hat ein sofortiges Beschäftigungsverbot. Schulamtsleiter Karlheinz Deußen lobt die betroffenen Schulleiter: „Die ertragen die Situation professionell und arbeiten gut mit uns zusammen. Sie wissen natürlich auch, dass wir keine Lehrer in der Schublade stapeln.“

Lehrer in einer starken Position

Der Markt ist einfach erschöpft, zumindest im Bereich Grundschule sowie Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschule. „Bei den Gymnasien dagegen schwirren tausende Lehrkräfte ohne Job herum“, sagt Deußen. Deshalb kam Kultusministerin Susanne Eisenmann auf die Idee, diese Lehrer auch in den anderen Schularten arbeiten zu lassen. Im nun kommenden Schuljahr ist es außerdem möglich, dass fertige Gymnasiallehramt-Studierende ihr Referendariat an einer Grundschule absolvieren. Doch viele Pädagogen lehnen dies ab. Und im Bereich Grund- und weiterführende Schulen (ohne Gymnasium) besteht ein weiteres Problem: „Von den noch knapp 800 offenen Stellen im Land könnten 220 mit ausgebildeten Lehrern besetzt werden, doch die wollen nicht“, sagt Deußen. „Ihr Anspruchsdenken ist deutlich gestiegen.“ Das bestätigt Thomas Stingl, der regelmäßig von Lehrern zu hören bekommt: „Sie können mich 20 Kilometer rund um meinen Wohnort einsetzen. Umziehen werde ich nicht.“ Das Staatliche Schulamt ist machtlos, die Lehrer in einer starken Position. „Die Ministerin sagte vergangene Woche, wir seien erpressbar“, berichtet Amtsleiter Deußen von der Pressekonferenz des Kultusministeriums.

So streben weiterhin viele Lehrer in attraktive Regionen. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala steht Freiburg, auch der Bodensee ist gefragt. „Je weiter weg vom See, desto schwieriger wird die Lehrerversorgung„, sagt Karlheinz Deußen. Das ist das Stichwort für Schulrat Thomas Stingl. „Ich wohne in Tuttlingen und das ist kein Unglück“, sagt er und lacht. „Schließlich haben wir das Donautal.“ Dann geht er zurück in sein Büro und führt weitere Gespräche mit Quereinsteigern und Lehrern, damit die Schulen am Mittwoch starten können. „Die Situation ist etwas entspannter als im vergangenen Jahr“, sagt Karlheinz Deußen. „Aber die Krankheitswelle kommt ja erst im Herbst und Winter. Dafür gibt es noch keine Lösung.“

Das macht der Schulamtsleiter im Ruhestand

Karlheinz Deußen wird am Freitag, 20. September, in den Ruhestand verabschiedet. Genau an jenem Tag wird er 65 Jahre alt. Deußen hatte ein vielseitiges Berufsleben. Er war Lehrer, Konrektor und Rektor, arbeitete an der Botschaftsschule im türkischen Istanbul und war im Regierungspräsidium (RP) für die Lehrerversorgung zuständig. Als Leiter des Staatlichen Schulamts Konstanz habe er in den vergangenen sechs Jahren darauf geachtet, Lösungen zu finden anstatt Schuldige zu suchen. Die Zusammenarbeit mit Schulträgern, Schulen, RP Freiburg und Kultusministerium sei trotz des Lehrermangels immer gut gewesen. „Wir haben uns nicht gegenseitig Pädagogen weggenommen, sondern uns geholfen“, so Deußen.

Der baldige Pensionär gönnt sich erstmal eine Schaffenspause, dann geht er mit seiner Frau und Hündin Molly im Wohnmobil auf Reisen – entweder nach Griechenland und in die Türkei oder nach Spanien und Marokko. Für den Ruhestand hat er viele Ideen. „Ich könnte Molly zur Rettungshündin ausbilden oder mich bei der Telefonseelsorge engagieren“, sagt Deußen. Ansonsten schwebt ihm vor, eine Privatschule für benachteiligte Jugendliche zu eröffnen. „Denn obwohl sich alle Schulen sehr anstrengen, fallen doch manche Schüler durch alle Netze.“ Ideen hat er schon, Sponsoren sucht er noch. „Vielleicht mache ich aber auch gar nichts“, sagt der Amtsleiter und lacht. Denn daran glaubt er selbst nicht.

In den Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts Konstanz fallen alle Grund- und weiterführenden Schulen (außer die Gymnasien) der Landkreise Konstanz und Tuttlingen. Dazu gehören im kommenden Schuljahr 12.778 Grundschüler, 7893 Realschüler, 5191 Gemeinschaftsschüler, 2195 Werkrealschüler und 1193 Schüler an den Sozialpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (früher Sonderschule). Eine Nachfolge für Karlheinz Deußen steht noch nicht fest. Es gibt einige Bewerber, die Entscheidung fällt im Oktober. Bis dahin ist die stellvertretende Amtsleiterin Bettina Armbruster zuständig. (kis)