Konstanz Studie der Uni Konstanz zeigt: Integration von Flüchtlingen kann durch größere Verwandtschaftsgruppen erschwert werden

Im Landkreis Konstanz leben afghanische und syrische Migranten zum Teil in größeren Verwandtschaftsgruppen. Der Verbund kann die Integration erschweren. Das zeigen Ergebnisse einer Untersuchung der Uni Konstanz.

Als im Jahr 2015 die große Flüchtlingszuwanderung begann, war der Landkreis Konstanz wissenschaftlich betrachtet in einer bevorzugten Situation. Denn bereits im Wintersemester 2015 startete das Forschungsprojekt "Konstanz anders !?" der Universität Konstanz mit dem Ziel, im Landkreis und einigen Kommunen die Flüchtlingshilfe zu erkunden. Bis zum Sommer 2017 liefen die Untersuchungen unter Federführung der Ethnologin Franziska Becker. Am kommenden Montag stellt Becker die Ergebnisse im Sozialausschuss des Landkreises vor. Und zumindest ein Thema dürfte in der Sitzung für besondere Diskussion sorgen.

Unter dem Stichwort "Clanstrukturen/Familienverbünde" bilanziert Becker in der Vorlage für den Fachausschuss, durch Kettenmigration und Familiennachzug hätten sich etwa in Singen zum Beispiel bei Afghanen und Syrern größere Verwandtschaftsgruppen mit starkem hierarchischen Zusammenhalt gebildet. "Sie sind mit Integrationsangeboten schwer oder kaum zu erreichen, leben nach eigenen traditionell-kulturellen Regeln und üben mitunter Druck auf integrationsaufgeschlossene Mitglieder ihrer Gruppen aus", schreibt Becker. Wichtig für den Fortgang der Integration ist aus Sicht der Wissenschaftlerin: Gibt es Möglichkeiten des Zugangs zu solchen Familiengruppen? Wie können die einer Integration gegenüber aufgeschlossenen Mitglieder gestärkt werden?

Erste politische Vorabreaktionen auf die schriftlichen Ausführungen in der Sitzungsvorlage unterstreichen den Stellenwert des Themas. Der FDP-Landtagsabgeordnete Jürgen Keck (Radolfzell), der Mitglied des Sozialausschusses ist, fordert eine unvoreingenommene Problemanalyse. Immerhin seien im Zuge der großen Flüchtlingskrise Menschen aus ganz verschiedenen Kulturkreisen und mit unterschiedlichen Sitten und Gebräuchen ins Land gekommen. "Es hilft uns wenig, alle Probleme schönzufärben", stellte Keck gegenüber dieser Zeitung fest. SPD-Kreisrätin Zahide Sarikas, kennt die beschriebenen Clanstrukturen aus ihrer Arbeit in der Konstanzer Flüchtlingshilfe nicht. Aber: "Wenn die Probleme so bestehen, müssen wir sie ernst nehmen", sagte Sarikas. Zurückhaltend zeigte sich Andreas Hoffmann, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Kreistagsfraktion. Er traue sich ohne weitere ergänzende Informationen der Forscher noch kein abschließendes Bild und keine Abwägung von möglichen Maßnahmen zu. Landrat Frank Hämmerle machte deutlich: "Wo wir solche Struktur- und Problembildungen erkennen, versuchen wir dies durch Verlegung in andere Orte im Landkreis zu verhindern." Die sei aber rechtlich nur für Bewohner der Gemeinschaftsunterkünfte möglich. Für Hämmerle zeigt die Untersuchung, dass der Familiennachzug nicht grundsätzlich eine bessere Integration zur Folge habe.

Projektleiterin Franziska Becker bündelt weitere Erkenntnisse. So habe die Untersuchung zum Beispiel gezeigt, dass es bei vielen Geflüchteten auch nach dem Auszug aus der Gemeinschaftsunterkunft einen großen Bedarf an Begleitung und sozialer Betreuung gebe. Eine große Herausforderung auf kommunaler Ebene sei die integrationsfördernde Kooperation mit islamischen Vereinen und Verbänden.

Das Projekt

"Konstanz anders!?": Im Rahmen des Forschungsprojekts erkundete die Ethnologin Franziska Becker (Uni Konstanz) mit einem Team von Studierenden die Flüchtlingshilfe im Landkreis Konstanz. Die Untersuchungen beziehen sich exemplarisch auf vier Kommunen, darunter Konstanz und Singen. So wurden viele wichtige Prozesse in der Hochphase des Zuzugs von Flüchtlingen begleitet. Die Ergebnisse der Arbeit werden am Montag, 16. April, Beginn 14 Uhr, im Sozialausschuss im Landratsamt Konstanz (Benediktinerplatz 1) vorgestellt.

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