Die Thurgauer Planungen für Windkraftanlagen im Bereich des Untersees und die Frage einer möglichen Gefährdung des Status der Insel Reichenau als Unesco-Welterbe sind inzwischen ein Fall für die deutsche Unesco-Kommission in Bonn. Auf Anfrage dieser Zeitung informierte Katja Römer, die dortige Kommissionssprecherin der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation, das Vorhaben des Schweizer Kantons werde vom baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege und dem Wirtschaftsministerium geprüft, die für den Schutz der Welterbestätte zuständig seien.

Reichenau nur fünf Kilometer entfernt

Der Kanton Thurgau möchte in einem Richtplan mehrere Windkraftstandorte im Umfeld des Untersees ausweisen. Das Konstanzer Landratsamt sowie einige Untersee-Kommunen haben sich kritisch geäußert. Sie befürchten, dass insbesondere ein Standort auf dem Thurgauer Seerücken bei Salen-Reutenen die Unterseekulisse so dominieren könnte, dass die Unesco der fünf Kilometer entfernt liegenden Insel Reichenau den Welterbestatus entzieht.

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Erhebliche Bedenken gegen Windenergiegebiet Salen-Reutenen

Das Landesamt für Denkmalschutz hat bereits eine Einschätzung abgegeben. Hauptkonservator Volkmar Eidloth meldet darin denkmalfachliche Bedenken gegen Windräder in der Unterseekulisse an. Er schreibt: "Die technische Überprägung des Landschaftsbildes durch Windenergieanlagen führt (. . .) potentiell zur Verletzung der visuellen Integrität" der Welterbestätte. Erhebliche Bedenken bestehen insbesondere gegen die Ausweisung eines Windenergiegebiets am Standort Salen-Reutenen oberhalb von Steckborn. Wie groß am Ende die Beeinträchtigung sein wird, lässt sich laut Eidloth mit Hilfe einer fotorealistischen Simulation zeigen. Standort für eine solche Visualisierung seien Allensbach, Hegne und die Hochwart auf der Reichenau. Das Landesamt für Denkmalschutz bittet nun die Thurgauer Kantonsverwaltung, entsprechende Bildmontagen mit Windrädern ("visuelle Folgenabschätzung") möglichst rasch und nicht erst, wie in der Vorlage für den Thurgauer Richtplan Windenergie vorgesehen, in einem "nachgeordneten Verfahrensschritt" zur Verfügung zu stellen. So ließen sich möglicherweise auch frühzeitig Bedenken wegen zweier weiterer Schweizer Windenergiegebiete am Untersee ausräumen.

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Stellungnahme mit Ministerium abgestimmt

Das Stuttgarter Wirtschaftsministerium sprach mit Blick auf die Einschätzung der Denkmalpflege von einer abgestimmten Stellungnahme. Zunächst seien in dem Verfahren weitere Informationen nötig. "Wir haben die zuständigen Behörden in der Schweiz um diese Informationen gebeten und auch darum, die Belange der Welterbestätte Klosterinsel Reichenau zu prüfen", informierte Ministeriumssprecherin Isabel Benner.

Im kommunalpolitischen Bereich auf deutscher Seite finden die Thurgauer Windkraftpläne zum Teil auch Unterstützung – zum Beispiel von den Grünen. Deren Kreistagsfraktion spricht von einem sinnvollen Ausbau der Windenergie in der Schweiz.