Der Begriff Ferndiagnose versetzt viele Patienten und Ärzte in Angst und Schrecken. Wie soll ein Mediziner ein Krankheitsbild beurteilen können, wenn er den Patienten gar nicht in Fleisch und Blut vor sich hat? Keine gute Ausgangslage für die Telemedizin, bei der vieles über digitalen Kontakt mit einem Arzt läuft, sei es über Telefon, über einen Videoanruf oder ein digitales Stethoskop, das Herz und Lunge abhört und mit Hilfe einer Software auswertet. Aber die Telemedizin ist dennoch auf dem Vormarsch.

Der Grund: Sie bietet ein Rezept gegen den Landärztemangel. In Konstanz versammeln sich nun auf Initiative des Netzwerks Biolago Ärzte, Forscher, Unternehmen und interessierte Laien: Beim Zukunftsforum Telemedizin tauschen sie aktuelle Ergebnisse und Erfahrungen aus und beraten darüber, wie weit das Modell ist.

Ein Modellversuch stimmt optimistisch

Seit eineinhalb Jahren läuft im Raum Tuttlingen und in Stuttgart ein Modellversuch: Bei „Doc Direct“ kommuniziert der Patient via Laptop mit einem medizinischen Zentrum. Am anderen Ende der Leitung sitzt in einem Callcenter in Stuttgart eine Medizinische Fachangestellte, die bei Bedarf zu einem von 40 Tele-Ärzten weiterverbindet: niedergelassene Ärzte, die für das Projekt sozusagen Digital-Sprechstunden anbieten.

Die Kassenärztliche Vereinigung fördert das Projekt, von dem sich die Initiatoren ein Gegenmittel gegen Ärztemangel auf dem Land und überfüllte Wartezimmer und Notfallambulanzen in der Stadt versprechen.

Auch die Ohne-Arzt-Praxis könnte Schule machen

Ein zweites Modell: die sogenannte Ohne-Arzt-Praxis. In Spiegelberg bei Heilbronn eröffnete vor zwei Wochen das Telemedicon; dort ist kein Arzt, sondern ebenfalls eine Medizinische Fachangestellte vor Ort, die Patienten aber in diesem Fall aufsuchen. Die Arzthelferin berät und untersucht und schaltet gegebenenfalls einen Arzt via Computer dazu.

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„Bei Patienten gibt es zunächst oft Angst und Vorsicht, sie sagen sich: ,Ein Arzt, der nicht live dabei ist oder eine Medizinische Fachangestellte können mir doch gar nicht helfen‘“, beschreibt Armin Pscherer von der Koordinierungsstelle Telemedizin Baden-Württemberg, die an der Universität Heidelberg angesiedelt ist. Aber diese Sorge „nimmt immer mehr ab mit den ersten Begegnungen“, schildert der Molekularbiologe erste Erfahrungen.

„Es soll ja auch nicht zu 100 Prozent ein Arzt ersetzt werden, sondern es soll Ärzten ermöglicht werden, sich durch digitale Unterstützung auf relevante Fälle zu konzentrieren.“ Die Fachangestellte fängt also einfache oder harmlose Fälle quasi ab, sodass der Arzt mehr Zeit für ernste Fälle hat.

Immer mehr Patienten sehen Vorteile

„Patienten können so relativ schnell eine erste Meinung einholen, ohne lange Fahrwege in eine Praxis“, sagt Pscherer. „Diese Vorteile werden immer mehr gesehen.“ Denn bisherige Prämienmodelle könnten nicht verhindern, dass es auf dem Land immer weniger Hausarztpraxen gebe: „Für einen Großteil der Medizinstudenten ist es nicht mehr die Hauptmotivation, alleine eine Praxis zu führen.“ Da bleibe zu wenig Privatleben übrig. Und bei steigendem Frauenanteil unter den Absolventen rücke auch der Teilzeitgedanke immer stärker in den Vordergrund.

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Maria Häuser, Gruppenleiterin Strategie, Kooperation und Nachwuchs bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, sieht sogar schon einen sich abzeichnenden Hausärztemangel auch in großen Städten. Junge Ärzte verlegen sich zunehmend auf den Facharzt-Sektor.

Sogar in großen Städten droht Hausärztemangel

In Baden-Württemberg können Ärzte seit kurzem Telemedizin relativ reibungslos über die Kasse abrechnen. Maria Häuser berichtet zudem von zunehmender Akzeptanz auch bei Senioren. Sie informiere oft über Doc Direct, „und man muss sich wundern, wie viele Über-70-Jährige mittlerweile unsere App auf dem Handy haben“.

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Doch betont sie auch, dass für Telemedizin erst einmal schon das klassische Telefon reiche. Für den digitalen Hausarztbesuch der Zukunft wären allerdings leistungsfähige Internetleitungen auf dem Land wichtig. Experte Armin Pscherer meint aber auch: „Von der Datenmenge her ist es auch nicht so anspruchsvoll, als dass wir 5G bräuchten.“

In ein bis zwei Jahren könnte es fast überall losgehen

Kann die Telemedizin das Problem des Hausärztemangels lösen? „Sie kann es lindern, von lösen würde ich nie sprechen“, sagt Maria Häuser. Letztlich sei das direkte Gespräch Arzt/Patient eben nicht zu ersetzen. Armin Pscherer klingt optimistischer: Die Telemedizin werde „auf jeden Fall eine der zentralen Techniken sein, kurz- und mittelfristig den Ärztemangel in den Griff zu bekommen.“ Technische Infrastruktur könne sofort an den Start gehen, dementsprechend könne auch die Telemedizin schon in ein bis zwei Jahren fast überall möglich sein.

Zukunftsforum

  • Hausärztemangel: Auch im Kreis Konstanz wird der Haus- und Landärztemangel zum Problem. Laut Statistiken der Techniker-Krankenkasse und der Kreisärzteschaft sind mehr als 30 Prozent Prozent der Allgemeinmediziner über 60 Jahre alt, weitere mehr als 60 Prozent zwischen 40 und 60 Jahre. Und Hausärzte, die in Rente gehen, haben zunehmend mehr Probleme, Nachfolger zu finden. Das Berufsmodell des Landarztes, der quasi 24 Stunden pro Tag erreichbar ist, erscheint jungen Medizinern immer unattraktiver.
  • Zukunftsforum in Konstanz: Das Netzwerk Biolago, ein Verbund von Ärzten, Pharmazeuten, Unternehmen und Hochschulen im Gesundheitsbereich, veranstaltet in Konstanz das „Zukunftsforum Telemedizin“. Forscher, Ärzte, Laborexperten und Krankenkassenvertreter kommen zusammen, um über Erfahrungen und die Zukunft der Telemedizin zu beraten. Aber das Forum richte sich genauso an Patienten und die interessierte Öffentlichkeit, wie Biolago betont. Das Forum findet statt am Mittwoch, 13. November, 13.30 bis 18.30 Uhr, in Hedicke‘s Terracotta, ein Restaurant im Klinikum Konstanz. (ebr)