Wieviel ist der Gesellschaft der zweite Bildungsweg wert? Um diese zentrale Frage geht es bei einer kontroversen Diskussion um die Finanzierung des Abendgymnasiums des Berufsschulzentrums Radolfzell. Die Volkshochschule Landkreis Konstanz agiert als Träger dieser Einrichtung. Wegen eines jährlichen Defizits von etwa 20 000 Euro stellten Vertreter der Volkshochschule den neuen Kurs des Abendgymnasiums in Frage. Rückläufige Anmeldezahlen und die Erkenntnis, dass viele Schüler den Besuch der Bildungseinrichtung abbrechen, weil ihnen die Doppelbelastung Arbeit und Schule zu viel wird, werden als Gründe genannt. Im vergangenen Schuljahr starteten 14 Schüler in der elften Klasse, zuvor waren es doppelt soviele. In der Abschlussklasse 13 verbleiben im Schnitt sechs Schüler. Heftiger Widerstand aus dem Kreistag und kommunalen Gremien halten aber das Abendgymnasium vorläufig auf Kurs.

"Das ist gut so. Die Einrichtung ist eminent wichtig. Es gibt auch viele Schüler, die nicht das Abitur erlangen, sondern zuvor die Fachhochschulreife", betont Wolfgang Müller-Fehrenbach, schulpolitischer Sprecher der CDU-Kreistagsfraktion. Über das Abendgymnasium gebe es den einzigen Zugang zum nachträglichen Abitur und für die Qualifikation für den Besuch von Hochschulen. "Solche Bildungswege eröffnen neue Perspektiven und steigern das Selbstwertgefühl", betont Müller-Fehrenbach. "Viele Schüler haben Problemphasen, wie in der Pubertät. Sie fallen in der schulischen Entwicklung stark zurück, selbst wenn sie viel Talent haben. Bei manchen geht der Knopf spät auf, dann umso besser. Das kann ich aus eigener Erfahrung als früherer Leiter der Konstanzer Geschwister-Scholl-Schule bestätigen", betont Müller-Fehrenbach. "Wer das Abendgymnasium erfolgreich bewältigt hat, bekommt einen Zugang zu höher qualifizierten Berufen. Das muss im Interesse unserer Gesellschaft sein", so Müller-Fehrenbach. Flüchtlingen und Migranten stünden oft als einzige Chance über das Abendgymnasium akademische Bildungswege offen.

"Das Abendgymnasium Radolfzell habe ich nach zwei Jahren mit der Fachhochschulreife abgeschlossen. Dies ebnete mir den beruflichen Weg", schildert Maik Lehn. Der 41-Jährige ist heute Bürgermeister vom Stetten am kalten Markt. Die nachträgliche Qualifikation ermöglichte ihm den Zugang zur Verwaltungshochschule in Kehl. "Das Abendgymnasium erforderte großen Einsatz und Durchhaltevermögen, da ich bis 16 Uhr ganztags beim Finanzamt tätig war. In der Freizeit musste ich mich auf Klausuren vorbereiten", schildert Lehn. "Bewerber, die das Abitur abends trotz beruflichen Belastungen nachholten, werden bei Arbeitgebern besonders geachtet und positiv bewertet", schildert Michael Hanke. Er hat vor etwa 30 Jahren am Abendgymnasium Radolfzell das Abitur gemacht. Dies parallel zu seinen Dienststunden als Zollbeamter. Danach folgten intensive elf Semester Jura-Studium. Heute führt Hanke erfolgreich in Singen eine Rechtsanwaltskanzlei. Seine Auszubildende Gizem Dayan weiß schon, welchen Weg sie weitergehen wird. "Über das Abendgymnasium will ich mein Traumziel erreichen, zu studieren", sagt sie.

"Alle Schüler des Abendgymnasiums sind höchst motiviert", betont Lehrer Reinhard Gilli. Er unterrichtet genauso wie Kollege Stefan-Annette Klocke in der Singener Robert-Gerwig-Schule und als Zusatzschicht im Abendgymnasium Radolfzell, Einrichtungen mit demselben wirtschaftswissenschaftlichen Hauptprofil. "Die Abendgymnasiasten haben ein globaleres Verständnis, weil sie schon im Berufsleben stehen", erklärt Klocke. "Ich verspreche mir nach meiner Ausbildung zur Mediengestalterin wesentlich bessere berufliche Chancen", begründet die 26-jährige Anne Dorbig aus Radolfzell ihren Besuch des Abendgymnasiums. "Für eine berufliche Verbesserung nehme ich den Doppel-Stress in Kauf", erklärt der 25-jährige Kevin Senger aus Gottmadingen.

"Unser Ziel ist es, dass ein neuer Kurs zustande kommt und, die nötigen 16 Anmeldungen zu erreichen", versichert Nikola Ferling, Vorsitzende der Volkshochschule Landkreis Konstanz. Das Land Baden-Württemberg stellt für die Personalkosten etwa 240 000 Euro zur Verfügung. Nach Abzug der restlichen Ausgaben verbleibt der Volkshochschule ein jährliches Minus von 20 000 Euro, miteingerechnet sind 25 000 Euro Kursgebühren, pro Schüler 570 Euro.

Abendrealschule und Abendgymnasium als Brücken zum beruflichen Aufstieg

  • Der Musterschüler: Als ausgebildeter und berufstätiger Zerspanungstechniker schaffte der 20-jährige Fabian Umhauer aus Zoznegg die Mittlere Reife mit einem Notendurchschnitt von 1,2 in vielen Unterrichtsstunden nach der Arbeit. Die Singener Abendrealschule bietet diese Möglichkeit, auf dem zweiten Bildungsweg durchzustarten. Die zweijährigen Kurse finden in der Ekkehard-Realschule statt. „Auf der Technischen Oberschule will ich in zwei Jahren das fachgebundene Abitur erlangen. Danach kann ich an der Uni oder Fachhochschule studieren, mit dem Ziel, einen qualifizierten Beruf zu ergreifen“, sagt Fabian Umhauer. Die Singener Abendrealschule ist selbstständig, die Konstanzer (Theodor-Heuss-Realschule) wird von der Vhs getragen.
  • Die Möglichkeiten: „Die Abendrealschule bietet eine große Chance, den mittleren Bildungsabschluss nachzuholen und sich dadurch neue schulische und berufliche Möglichkeiten zu eröffnen“, schildert Gerhard Beuter, langjähriger Leiter der Abendrealschule Singen. „Da wir relativ wenig Schüler unterrichten, können wir dies viel gezielter und intensiver machen als in herkömmlichen Klassen“, betont Beuter. "Der neue Kurs kam gerade noch zustande, die Anmeldezahlen waren etwas dürftig, wir hoffen noch auf ein paar Quereinsteiger", sagt Beuters Nachfolger Markus Meister. An Abendrealschulen können alle den Realschulabschluss nachholen, die mindestens 17 Jahre alt sind, die Berufsschulpflicht erfüllt haben oder den erfolgreichen Besuch des Berufsvorbereitungsjahrs nachweisen können, auch diejenigen, die berufstätig sind oder waren. Weitere Informationen können unter den Internet-Adressen www.ekkehard-rs.de/abendrealschule und unter www.abendrealschule@vhs-landkreis-konstanz.de abgerufen werden.
  • Das Abendgymnasium: Interessenten müssen mindestens 19 Jahre alt sein, den Realschulabschluss nachweisen oder einen Abschluss wie Fachschulreife, Versetzung in Klasse 11 eines Gymnasiums. Der Nachweis einer abgeschlossenen Berufsausbildung oder eine zweijährige Berufstätigkeit ist erforderlich. Familienhaushalt und Arbeitslosigkeit werden angerechnet. Für die ersten eineinhalb Jahren des Abendgymnasiums wird eine Berufstätigkeit verlangt. Es gibt dann ein Anrecht auf Ausbildungsförderung. Weitere Informationen sind unter vhs-landkreis-konstanz.de erhältlich. (bit)