Franziska Hammer genießt seit April ihre neue Rolle als „Pensionärin, Oma und Reisende“. Zuvor war sie über 26 Jahre lang als Richterin am Sozialgericht in Konstanz tätig, in den vergangenen 13 Jahren zusätzlich als Direktorin. Am Donnerstag wurde sie im Großen Sitzungssaal des Landsratsamtes in Konstanz feierlich verabschiedet, gleichzeitig wurde ihr Nachfolger Steffen Roller vorgestellt.

eAkte soll Anfang 2020 kommen

Ministerialdirektor Elmar Steinbacher vom Justizministerium Baden-Württemberg dankte ihr für „bleibende Verdienste“ und wünschte ihr für ihren Ruhestand an ihrem Wohnort Hilzingen alles Gute. Sie habe ihrem Nachfolger ein „gut bestelltes Haus“ mit einem angenehmen Betriebsklima hinterlassen.

Unter ihrer Leitung, die sich durch Kommunikation und Transparenz ausgezeichnet habe, sei die Geschäftsverteilung neu organisiert worden: Sie werde seither mit allen Beteiligten kooperativ, transparent und in öffentlicher Sitzung „fast basisdemokratisch“ durchgeführt. Ihr letztes großes Projekt seien Vorbereitungen für die elektronische Verfahrensakte (eAkte) gewesen, die Anfang 2020 am Gericht eingeführt werden solle.

Menschen sind wichtigste Ressource

Franziska Hammer sagte, das Motto ihrer Einführungsrede sei „gehe in der Arbeit auf und nicht unter“ gewesen. Daran hätte sich seither wenig geändert. Sie dankte allen Mitarbeitern für ihre Hilfe, ihre Geduld und ihren Humor: Die wichtigsten Ressourcen in der Justiz seien Menschen. Bei den ehrenamtlichen Richtern des Sozialgerichts bedankte sie sich für die „gute und vertrauensvolle Mitarbeit“, beim Justizministerium für Interesse, ein offenes Ohr und Hilfe.

Ihrem Nachfolger als Leiter des Sozialgerichts, Steffen Roller, begegnete Franziska Hammer erstmals 1994, als er ihr als Referendar zugewiesen wurde. Von 2009 bis 2018 war er dann ihr Stellvertreter, für dessen „klugen Rat und Zuverlässigkeit“ sie sich nun bedankte.

Landrat Danner: „Leben und Drama“

Die musikalische Gestaltung der Feier übernahmen Ralph Brodmann auf der Klarinette und Alfred Stoppel am Akkordeon. Nach einem Zwischenspiel – „Libertango“ von Astor Piazzolla – sprach der Gastgeber der Feier, Landrat Zeno Danner: Tango, das sei Leben und Drama, „so stelle ich mir das am Sozialgericht vor“.

Aufgabe des Sozialgerichts sei es zu schauen, dass das Landratsamt seine Arbeit „richtig mache“ und „dass die Gesellschaft zusammengehalten wird. Ich freue mich, dass wir Sie haben“.

Glückliche Menschen am Sozialgericht

Steffen Roller ist seit Anfang April als neuer Direktor des Sozialgerichts im Amt. Neben seinen Verwaltungsaufgaben verbringt er noch rund die Hälfte seiner Zeit in Gerichtssälen. Roller sagte, wer am Sozialgericht Konstanz arbeiten dürfe, müsse „ein glücklicher Mensch sein“ – egal ob als Richter oder als Hausmeister.

Das hänge weniger mit dem Standort Konstanz zusammen, als mit der Tätigkeit in der Justiz. Im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm von 1877 werde Justiz mit „Gerechtigkeitspflege“ übersetzt. „Etwas zu pflegen, sich liebevoll darum zu kümmern“ sei eine schöne Aufgabe. Vor allem, wenn das Thema so wichtig sei wie Gerechtigkeit. Daran mitzuwirken schaffe Zufriedenheit, und Zufriedenheit sei eine wesentliche Voraussetzung für Glück.

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„Das sehen aber leider nicht alle so“, sagte er. Leider würde die Nachwuchssuche immer schwieriger, der Fachkräftemangel nehme zu, und dies beschäftige ihn sehr. „Im Frühjahr waren die Zeitungen voller Meldungen, dass Deutschland die Richter ausgehen.“ Auch der nichtrichterliche Bereich sei betroffen. Dies liege unter anderem an der Konkurrenz von öffentlichem Dienst zur Privatwirtschaft und den jeweils gezahlten Gehältern.

Interesse der Absolventen lässt nach

Bisher habe das Sozialgericht in Konstanz viel Glück mit Neueinstellungen gehabt, er blicke aber „sorgenvoll in die Zukunft“: zum nachlassenden Interesse an ausgeschriebenen Stellen komme, dass „viele der Leistungsträgerinnen am Sozialgericht Konstanz“ in den kommenden Jahren die Altersgrenze erreichen würden.

Gleichzeitig sinke die Zahl der Absolventen und das Interesse an einer Tätigkeit als Richter oder Staatsanwalt nähme ab. Dies habe neben finanziellen auch Image-Gründe: Für Berufsanfänger sei die Arbeitsbelastung ein wichtiges Thema. Berichte über Personalmangel und über hohe Belastung wirkten abschreckend.

Zu wenig Sozialrecht in der Ausbildung

Außerdem hätten die Absolventen in Studium und Referendariat kaum Berührung mit der Sozialgerichtsbarkeit. Und Interesse könne „man nur für etwas entwickeln, was man einigermaßen kennt“. Roller fordert daher: „Das Sozialrecht muss in der juristischen Ausbildung, in Studium und Referendariat, präsenter werden.“

Die Lage sei aber nicht hoffnungslos, es werde viel getan: etwa durch Werbekampagnen, verstärkte Präsenz an Schulen und bei Berufsmessen und durch die Öffentlichkeitsarbeit der Gerichte selbst. Das Land Baden-Württemberg betreibe sogar eine eigene Webseite über Berufe in der Justiz. Außerdem würden neue Planstellen geschaffen und die Arbeitsbedingungen dadurch verbessert.

Roller: Würde Beruf wieder ergreifen

„Wir alle bei Gericht hegen und pflegen die Gerechtigkeit.“ Das gelte für Richter und ebenso für nichtrichterliche Mitarbeiter. Dennoch seien die, die in der Justiz arbeiten, nicht zwingend „glückliche Menschen“. Aber immerhin würden laut Allensbach-Umfrage „87 % der Richter und Staatsanwälte ihren Beruf sicher oder wahrscheinlich wieder ergreifen.“ Das gelte auch für ihn selbst.