Viele Entscheidungen des Kreistags treffen die Menschen hautnah, auch wenn das manchem vielleicht gar nicht bewusst ist. Dafür seien hier drei Beispiele genannt. Der Landkreis ist für Bau und Unterhalt der Kreisstraßen zuständig. Wer auf dem Land in sein Auto steigt, rollt mit einiger Wahrscheinlichkeit erst mal über eine Kreisstraße, bevor er auf die Bundesstraße oder Autobahn kommt. Da spielt es schon eine Rolle, ob das 350 Kilometer lange Kreisstraßennetz gut in Schuss ist. Der Landkreis ist ebenso verantwortlich für den Regionalbusverkehr, der es Menschen ohne eigenes Auto ermöglicht, aus der kleinen Landgemeinde in die Stadt zu fahren. 2019 wird der Kreis diese Dienstleistungen neu ausschreiben. Vieles soll besser werden. Und der Landkreis ist Träger der beruflichen Schulen, in denen rund 9000 junge Menschen unterrichtet werden. In diesem Jahr fiel die Entscheidung, für geschätzte 90 Millionen Euro ein neues Berufsschulzentrum in Konstanz zu bauen.

Etwas Werbung für ehrenamtliches Engagement

Straßenbau, Busverkehr oder Berufsschulen: Menschen, die in der Kreispolitik die Arbeitsfelder des Gemeinwohls beackern, haben Aufmerksamkeit verdient. Und vielleicht könnten sich bisher unbeteiligte Bürger sogar dazu motiviert fühlen, nicht nur das kreispolitische Geschehen intensiver zu verfolgen, sondern sich auch selbst aktiv in die Entscheidungsprozesse einzubringen. Zum Beispiel, indem sie sich um ein Kreistagsmandat bewerben.

Etwas Werbung für aktives kommunalpolitisches Engagement scheint angebracht vor der Kommunalwahl am 26. Mai 2019. Denn diese Wahl wird dem KonstanzerKreistag einen personellen Umbruch bringen, wie es ihn seit Bestehen des Landkreises in seiner jetzigen Struktur noch nicht gegeben hat. Der Wechsel ist in erster Linie eine Altersfrage. Derzeit sind 30 der 68 Kreistagsmitglieder 60 Jahre und älter. 20 Kreisräte sind sogar 65 Jahre und älter. Männer und Frauen, die über Jahrzehnte die Entscheidungen im Kreistag wesentlich mit geprägt haben, haben ihren Abschied schon angekündigt. Allen voran der Sozialdemokrat Jürgen Leipold. Der heute 74-Jährige gehört seit 1971 ununterbrochen dem KonstanzerKreistag an, neuneinhalb Legislaturperioden lang. Er ist damit dienstältestes Mitglied des Gremiums. Leipold wird ebenso nicht mehr zur Wahl antreten wie eine ganze Reihe anderer Mandatsträger. Der Freie Wähler Artur Ostermaier zum Beispiel, der seit 1979 dem Kreistag angehört. Und der CDU-Mann Helmut Kennerknecht, der seit 1984 mitmischt.

Alter Kreistag wählt Hämmerle-Nachfolger

Zum Rückzug diverser Kreisräte kommt der angekündigte Abschied des Kreistagsvorsitzenden Landrat Frank Hämmerle (CDU). Der 66-Jährige will –noch vor Ablauf der Amtsperiode – Ende April 2019 in Ruhestand gehen. Die Bewerbungsfrist für die Nachfolge des Chefs der Kreisverwaltung läuft noch bis Ende Dezember. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Zeitschiene der Neuwahl so angelegt ist, dass noch der alte Kreistag den neuen Landrat wählen wird. Wo sich doch argumentieren ließe, die Wahl des neuen Landrats sei das Königsrecht des neuen Kreistags. Nennenswerten Widerspruch zum vom Amtsinhaber vorgeschlagenen Zeitablauf gab es nicht. Der alte Kreistag wählt den neuen Landrat. Und der wird erst wenige Wochen im Amt sein, wenn am 26. Mai der neue Kreistag gewählt wird.

Mit dem Abschied gestandener Kreispolitiker geht Wissen für die Arbeit im Kreistag verloren. Und mit dem alten Landrat geht auch dessen Wissen und eine bestimmte Form der Netzwerkarbeit. Sie basiert auf einer pragmatischen Konsenssuche. Ihm komme es auf die Einigkeit an, hat Hämmerle jüngst noch einmal bei einem Treffen von Kommunalvertretern betont. Städte und Gemeinden im Hegau dürften nicht gegen die am Bodensee ausgespielt werden. Der Mann, der "ideologisch verklemmte Debatten" nicht mag, fand seine Mehrheiten nicht nur im konservativen Lager. Die Suche nach diesen Mehrheiten erfolgte oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Im Wechsel liegt die Chance

Wer nun den Verlust von politischem Wissen beklagt, der sollte Folgendes bedenken: Der bevorstehende große Generationswechsel im Kreistag und der Wechsel in der Führung der Kreisverwaltung können auch eine Chance sein: die Chance auf mehr Beweglichkeit, auf neue Blickwinkel und spannende öffentliche Debatten.