22 Flüchtlinge aus Krisenländern der Welt haben ein Jahr lang in Radolfzell ganztätig den Unterricht besucht. Sie haben Deutsch, Mathematik, Geschichte und Geografie gepaukt, und sie haben sich mit deutschen Sitten und Gebräuchen vertraut gemacht. Am Mittwoch nahmen die Absolventen in der Mettnauschule ihre Zeugnisse in Empfang, begleitet vom Lob vieler, die das Unterrichtsangebot ermöglicht und fachlich begleitet hatten.

Fachunterricht und Betriebspraktika

Am Anfang stand die Erkenntnis, dass auch für jene Migranten ein Bildungsangebot im Klassenverbund geschaffen werden sollte, die der deutschen Schulpflicht entwachsen sind und deshalb nicht mehr in die Vorbereitungsklassen an den beruflichen Schulen aufgenommen werden. Daraus entwickelte sich ein Pilotprojekt, das in Baden-Württemberg einzigartig ist. In der Schulklasse "Vorbildung Arbeit und Beruf für Erwachsene" (VABO-E) wurden erstmalig Personen im Alter von 22 bis 40 Jahren mit Fachunterricht und Betriebspraktika so weit qualifiziert, dass sie nun eine realistische Chance auf einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz haben. Träger des Projekts ist die Beschäftigungsgesellschaft des Landkreises Konstanz. Der pädagogische Leiter Manfred Hensler, der früher Leiter der Robert-Gerwig-Schule in Singen und Sprecher der beruflichen Schulen war, scharte ein Team von Lehrkräften um sich.

Ein Lehrer: Im Berufsleben war Werner Leber Leiter der Gemeinschaftschule Eigeltingen. Im Ruhestand engagiert er sich für Flüchtlinge. In der Projektklasse für ältere Migranten hat Leber allgemeinbildende Fächer unterrichtet. "Der Sozialraum Klasse ist wichtig“, sagt er.
Ein Lehrer: Im Berufsleben war Werner Leber Leiter der Gemeinschaftschule Eigeltingen. Im Ruhestand engagiert er sich für Flüchtlinge. In der Projektklasse für ältere Migranten hat Leber allgemeinbildende Fächer unterrichtet. "Der Sozialraum Klasse ist wichtig“, sagt er. | Bild: Domgörgen, Franz

Die Einschätzungen der Redner bei der Zeugnisübergabe fielen allesamt positiv aus. "Wir sind sicher, dass so Integration gelingen kann", sagte Werner Walschburger, der Geschäftsführer der Beschäftigungsgesellschaft. Mareike Binder lobte als Sprecherin des Lehrerteams die Schüler und deren gute Motivation und kam zum Schluss: "Ich habe genauso viel gelernt wie Sie." Manfred Hensler versicherte, die vom Kreistag für das Projekt bewilligten 80 000 Euro seien gut angelegtes Geld. Immerhin seien 22 junge Menschen nun auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Und Hensler lobte die Flüchtlinge: "Ihr habt euch durchgebissen."

Experiment wird zum Erfolg

Ein Absolvent: Mohamed Kahsay Salh (25) zeigt sein Zeugnis. 1150 Unterrichtsstunden hat der junge Mann aus Eritrea in einem Jahr absolviert. Dazu kamen fünf Wochen Praktikum. Kahsay arbeitet nun in den Konstanzer Konzilsgaststätten und beginnt dort auch eine Ausbildung zum Koch.
Ein Absolvent: Mohamed Kahsay Salh (25) zeigt sein Zeugnis. 1150 Unterrichtsstunden hat der junge Mann aus Eritrea in einem Jahr absolviert. Dazu kamen fünf Wochen Praktikum. Kahsay arbeitet nun in den Konstanzer Konzilsgaststätten und beginnt dort auch eine Ausbildung zum Koch. | Bild: Jarausch, Gerald

Landrat Frank Hämmerle, der den Absolventen, darunter drei Frauen, die Zeugnisse überreichte, stellte fest: "Wir haben mit diesem Experiment einen Erfolg gelandet." Hämmerle sandte zudem eine politische Botschaft aus: "Flüchtlinge, die sich hier engagieren, arbeiten und sich anständig aufführen, müssen dableiben dürfen."