Schneefall dämpft am Vormittag des 11. Dezember noch etwas die Geräuschkulisse am Emmishofer Tor in Konstanz. Autos kurven vom Döbele-Kreisel aus im kleinen Gang auf den Grenzübergang zur Schweiz zu. Plötzlich herrscht Aufregung vor der Schweizer Zollstelle und in Sichtweite des Ali Orient Baszars am Eck zur Emmishofer Straße. Ein junger Mann wirft mit Pylonen, die die Durchfahrt vor der Grenzstelle markieren. Ingo Hensler, der als Hausmeister in der Emmishofer Straße arbeitet, beobachtet das Geschehen. Er weist den Werfer zurecht. Ohne Erfolg. Der junge Mann beginnt, fahrende Autos mit Schneebällen zu bewerfen. Die Schweizer Zöllner sehen Handlungsbedarf und alarmieren die deutsche Bundespolizei. Als die Streife eintrifft, will der Störer der öffentlichen Ordnung sich aus dem Staub machen. Hensler hält ihn auf. Die beiden Polizisten haben dann Mühe, den Verdächtigen festzunehmen. Gerangel. Es kommt zu handfestem Widerstand. Da schaltet sich Ali Hizar ein. Der Lebensmittelhändler aus dem Ali Orient Bazar hilft den Beamten. Am Ende kann der Widerspenstige in Handschellen auf die Wache gebracht werden.

So in etwa muss es sich abgespielt haben und so wird es von Ingo Hensler (54) und Ali Hizar (45) erzählt, als sie sich zehn Tage später noch einmal auf dem Platz vor dem Geschäft für türkische und griechische Lebensmittel und Spezialitäten mit einem Vertreter der Bundespolizei treffen. Der Präventionsbeauftragte und Bürgerkontaktbeamte Thomas Heim will sich im Auftrag der Bundespolizeiinspektion Konstanz bei den beiden Unterstützern bedanken. Dabei wird es sogar ein wenig förmlich. Heim hat kleine Geschenke mitgebracht. Und er überreicht Hizar und Hensler eine Urkunde für gezeigte Zivilcourage. "Gezielt agiert, aufmerksam reagiert", ist darauf unter anderem zu lesen. Heim betont, oberster Grundsatz der Zivilcourage sei, sich nicht selbst in Gefahr zu begeben. Für ihn zählt aber auch: "Besser mithelfen als gaffen." Dies gelte besonders in Zeiten, in denen die Polizei zunehmend gegen Gaffer vorgehen müsse, die Einsätze und Rettungsmaßnahmen behindern.

Bild: Domgörgen, Franz

Wunde am Schienbein

Angst habe er nicht gehabt, sagt Hausmeister Hensler, der früher mal als Judoka aktiv war. Und er würde jederzeit wieder so reagieren. "Ich dachte, es könnte etwas Schlimmes passieren", erzählt Ali Hizar. Deshalb habe er geholfen. Als Heldentat will er das nicht bewertet wissen: "Ich habe nur meine Pflicht getan". Der 45-Jährige, der aus Kappadokien stammt und seit 26 Jahren in Konstanz lebt und arbeitet, lobt bei dieser Gelegenheit die Bundesrepublik. "Deutschland ist ein demokratisches Land", sagt er. Und dafür hat er sich in diesem Falle starkgemacht.

Für die Bundespolizei ist die Auszeichnung für Zivilcourage kein Selbstzweck. Von der Ehrung soll ein Signal ausgehen. "Wir würden uns wünschen, dass andere diesem Beispiel folgen", sagt Thomas Mandl, der stellvertretende Leiter der Bundespolizeiinspektion Konstanz. Und er stellt fest: "Es ist bequemer, wegzuschauen als couragiert aufzutreten."

Ganz ohne Blessuren ging der Einsatz für Ali Hizar, den Lebensmittelhändler am Emmishofer Tor, übrigens nicht ab. Durch Tritte des 26-jährigen Randalierers zog sich der Mann aus der Zentraltürkei eine blutige Wunde am Schienbein zu. Vollständig verheilt ist sie noch nicht, wie er zeigt.

 

Beherzte Reaktion in letzter Sekunde

  • Gefahr am Bahnsteig: Es kommt nicht allzu häufig vor, dass die Bundespolizei am Bodensee Menschen für Zivilcourage auszeichnet. Vor dem aktuellen Fall am 11. Dezember 2017 bot zuletzt ein Ereignis im Dezember 2016 Anlass dazu. Ausgezeichnet wurde damals eine 14-jährige Schülerin, die in einer Gefahrensituation im Bahnhof Friedrichshafen rasch und richtig reagiert hatte. Nach Angaben von Thomas Heim, Präventionsbeauftragter der Bundespolizeiinspektion Konstanz, herrschte auf dem Bahnsteig Gedränge. Ein Mädchen stolperte und geriet mit dem Fuß zwischen die Bahnsteigkante und einen einfahrenden Zug. Die 14-jährige Schülerin reagierte geistesgegenwärtig und zog das Mädchen blitzschnell zurück. Damit sei ein möglicherweise folgenschwerer Unfall verhindert worden, ist Heim überzeugt.
  • Der Tipp des Zeugen: Auch die Landespolizei zollt hilfreichen Bürgern Lob und Anerkennung. Nach einem Überfall auf einen Lebensmittelladen in Schlatt im Kanton Thurgau gab ein Jugendlicher den wichtigen Hinweis auf das Fahrzeug des mutmaßlichen Täters. Der Räuber konnte ermittelt werden und die Untersuchungen ergaben nach Angaben eines Konstanzer Polizeisprechers, dass der Mann außerdem in Deutschland für zwei Überfälle in Büsingen und Gottmadingen verantwortlich war. Der Tippgeber erhielt ein Dankesschreiben des Polizeipräsidenten. Zudem wurde der Junge zu einer Fahrt im Boot der Wasserschutzpolizei auf dem Bodensee eingeladen.