Alles begann in der Regierungszeit von Kaiser Augustus mit einer Seeschlacht auf dem Bodensee. Um 15 vor Christus kämpften die ansässigen Kelten gegen die aus dem Süden vordringenden römischen Truppen des späteren Kaisers Tiberius. Die Kelten verloren und die Bodenseeregion wurde Teil des Römischen Reiches. Dieses umfasste damals schon große Teile Europas sowie die an das Mittelmeer angrenzenden Gebiete Nordafrikas und Asiens. Es war nicht nur ein gewaltiges Herrschaftsgebiet, sondern auch ein über Straßen und Handelswege vernetzter Wirtschafts- und Kulturraum.

Auch wenn die Bodenseeregion eher am Rand des Vielvölkerreiches lag, veränderte sich das Leben der Menschen grundlegend. Dazu sagt der Thurgauer Archäologe Urs Leuzinger (siehe auch Interview): „Die Menschen am Bodensee übernahmen den Roman Way of Life. Er wurde als vorbildlich und nachahmenswert gesehen.“

Kaum schriftliche Quellen

Diesem Wandel heute nachzuspüren, ist gar nicht so leicht. Schriftliche Quellen gibt es praktisch keine, dafür hat die Archäologie Erstaunliches über das Leben der Menschen in römischer Zeit herausgefunden. So gelangten durch die Römer neue Bautechniken an den Bodensee. Zement, Bögen und Gewölbe waren bei den Kelten unbekannt. Mit ihrer Hilfe konnten größere Bauten wie Thermen, Foren (Marktplätze), Verkaufshallen, große Villen und Gutshöfe entstehen.

Händler und Handwerker bauten ihre Häuser vermehrt aus Stein. Die neuen Fußboden- und Wandheizungen hielten die Räume auch im Winter warm. Fenster wurden verglast und selbst in kleinen Siedlungen wie in Eschenz am Untersee wurden Wasser- wie Abwasserleitungen gelegt. Für ärmere Leute, die keine Toilette im Haus hatten, gab es öffentliche Latrinen. Dachziegel schützten vor Feuer und machten die Häuser beständig.

Schöner wohnen und besser essen

Dicht besiedelt war die Region damals nicht. Mit Bregenz (römisch: Brigantium) gab es nur eine größere Stadt am See. Kleinere Straßensiedlungen gab es hingegen einige, etwa in Eschenz, Arbon, Konstanz und Eriskirch. Große Gutshöfe im Hegau, Thurgau und auf dem Bodanrück, oft durch ehemalige römische Legionäre betrieben, versorgten die Menschen mit Nahrung. Durch die Römer wurden auch bessere Anbautechniken und neue Getreide- und Fruchtsorten eingeführt.

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So gelangten Walnuss, Kastanie, Zwetschge, Knoblauch, Sellerie und Zwiebeln an den Bodensee. Olivenöl und Wein wurden zu Grundnahrungsmitteln. Händler brachten die begehrte Fischsoße, Zimt, Ingwer, Kardamom, Anis, Kreuzkümmel, Sesam, Datteln, Feigen, Granatäpfel und Pinienkerne in die Region. Heimische Rinder wurden nun mit großwüchsigen Mittelmeerrassen gekreuzt und gaben mehr Fleisch als zuvor. Neben den Bodenseefischen kamen jetzt auch Makrelen vom Mittelmeer auf den Tisch.

Verkehrswege am See

Für einen regen Handel sind Verkehrswege unabdingbar. Damals mussten die Waren mit Ochsenkarren und Wagen vom Mittelmeer bis an den See transportiert werden. Vor Ankunft der Römer gab es keine Fernstraßen am Bodensee. Dann wurden zwei Hauptstraßen gebaut, die südlich und nördlich am Bodensee vorbeiführten. Auch der Bodensee und die Flüsse Rhein, Thur und Schussen waren wichtige Verkehrswege. An manchen Stellen wie in Eschenz und vermutlich auch in Konstanz führten Brücken über den Rhein.

Funde belegen, dass auch die römische Kleidung übernommen wurde. Die Tunika (ein Unterkleid) war in allen Gesellschaftsschichten verbreitet. Darüber trugen wohlhabende Bürger bei festlichen Anlässen eine Toga. Dieses Stoff- oder Seidentuch wurde über die Schulter geworfen. Frauen trugen über dem Untergewand ein langes Kleid, das mit Fibeln geschlossen wurde. Mäntel und Wadenbinden schützten vor Nässe und Kälte. Im Sommer ging man überwiegend barfuß, bei kälterer Witterung trug man lederne Sandalen, Bundschuhe sowie Filzpantoffeln.

Kleider machen Römer

Römerinnen legten viel Wert auf ihr Erscheinungsbild. Mit der Kleidung zeigte man auch seinen sozialen Rang, etwa mit teuren Ringen oder Fibeln. Armreife aus Metall und Ketten mit Glas- oder Buntmetallperlen wurden am Bodensee gerne getragen. Die zum Teil geflochtenen Frisuren wurden mit Haarnadeln aus Knochen, Bronze oder Silber zusammengehalten. Maßgebend für die Haarmode war die Frisur der Kaiserin, die sich durch Münzporträts bis an den Bodensee verbreitete. Glasspiegel gab es in der Antike noch nicht. Die Römerinnen konnten ihr Antlitz nur verschwommen mit Bronze- oder Silberplatten bestaunen.

Baden war Römerinnen und Römern wichtig. Man ging gern in Thermen. Auch in kleinen Siedlungen und Gutshöfen am Bodensee wurden beheizte Badehäuser gebaut. Mit Schwämmen, Schabern und einer Seife aus Asche und Ackerbohnenmehl wurde der Körper gereinigt. Mit Kämmen aus Holz, Geweih oder Knochen wurden die Haare gebändigt und von Läusen befreit. Auch Werkzeuge der Alltagshygiene wie Pinzetten, Ohrlöffelchen, Nagelreiniger, Zahnstocher und Rasiermesser kamen an den See. Die medizinische Versorgung verbesserte sich. Archäologe Leuzinger: „Die medizinischen Kenntnisse der Römer waren denen der Kelten weit überlegen. Neben Allgemeinärzten gab es bald Fachärzte wie Chirurgen, Zahn-,­ Ohren-, Haut- und Augenspezialisten.“

In Glaubensfragen tolerant

Als Polytheisten glaubten die Römer nicht nur an einen Gott. Mit dem Anwachsen des Römischen Reiches wurden immer mehr Götter in den römischen Götterhimmel aufgenommen. Denn die Römer zwangen den unterworfenen Völkern nicht ihre Religion auf. In Glaubensfragen waren sie tolerant. So fanden bald auch keltische Gottheiten Eingang in den römischen Götterhimmel, wie etwa die keltische Göttin Epona, die für den Schutz von Pferden und Ställen verantwortlich war. Gerade auch diese religiöse Pluralität machte es den Seebewohnern leichter, die römische Herrschaft zu akzeptieren und ihre Kultur zu übernehmen.

Kopfläuse im Holzkamm

Urs Leuzinger, 1966 in Basel geboren, ist Leiter des Museums für Archäologie des Kantons Thurgau sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter im Amt für Archäologie des Kantons Thurgau. Er war unter anderem an den archäologischen Auswertungen des römischen Tasgetium (heute Eschenz) beteiligt und ist Kurator der Ausstellung „Stadt-Land-Fluss –Römer am Bodensee“ in Konstanz.

Herr Leuzinger, was war für Sie der erstaunlichste beziehungsweise interessanteste Fund bei Ihren Ausgrabungen in Eschenz?

Die Reste von Kopfläusen, die noch zwischen den Zähnen der römischen Holzkämme steckten. Lausige Zeiten vor 2000 Jahren am Bodensee.

Hätten Sie damals gern in Eschenz gelebt?

Spannend wäre so eine Zeitreise ja schon – aber nur mit einer gültigen und garantierten Rückreise-Fahrkarte.

Ist die Romanisierung damals mit der Globalisierung heute vergleichbar?

Für die damaligen Bewohnerinnen und Bewohner war die Machtübernahme durch Rom sicher sehr einschneidend. Von Aleppo bis in die Wetterau träufelte man nun über alle Speisen Garum, eine salzige Fischsauce. Ein Schelm, wer da an das heutige Coca-Cola denkt.

Das Römische Reich war ein Vielvölkerreich, in dem verschiedene Völker, Kulturen und Religionen zusammenlebten. Warum hat das lange Zeit recht gut funktioniert?

Wirtschaftswunder, starke Armee, straffe (undemokratische) politische Führung, Diplomatie und religiöse Toleranz waren machtentscheidend. Solche Voraussetzungen sind zumindest teilweise auch heute ein Garant für Wohlstand und Prosperität. Aber gut ging es damals vor allem den reichen Bevölkerungsschichten. Man sollte die Vergangenheit also nicht zu schönreden.

Auch heute leben in Europa Menschen verschiedener Herkunft und Religion zusammen. Können wir da etwas von den Römern lernen?

Mauerbau und religiöse Intoleranz sind nie gute Lösungen.