Plädoyer für Gelassenheit

Scheibenwischer, Stinkefinger, Schimpfkanonade hinterm Steuer: Es stimmt, beim Adressaten solcher Attacken hinterlässt das schlechte Laune. Das muss nicht sein, zeugt von schlechter Kinderstube und ist richtig mies fürs Miteinander. Und dennoch wohnt den Beleidigungen ein soziopsychologischer Wert inne. Das Auto gehört zu den letzten geschützten Räumen ungenierten Verhaltens, in denen der ansonsten ach so korrekte Mensch sich noch so richtig daneben verhalten kann.

Da wird in Nasen gebohrt und Ohren gepuhlt, es wird an sensiblen Stellen gekratzt und sage niemand, er habe in der Tiefe des automobilen Käfigs noch nie ungeniert einen veritablen Leibwind fahren lassen. Warum ist das so? Es gibt andere geschlossene Räume wie zum Beispiel den Lift, doch hier hält sich der Mensch zurück. Denn der Vorzug des Autos ist seine Gläsernheit: Man wird gesehen, kann aber nicht belangt werden. Das Paradox einer öffentlichen Intimität bietet eine Freiheit, die die ansonsten durch Konventionen und Gesetze verschnürte Seele dringend fürs archaische Durchschnaufen braucht.

Drum, liebe Opfer von Stinkefinger & Co: Bleibt gelassen, denn der Flegel hat seine Flegelei dringend nötig. Deshalb eine Anzeige? Nicht nötig, denn der Stinkefinger ist seinem Besitzer am nächsten und die Geste sagt damit mehr über ihn als über den Adressaten der Beleidigung. Ausnahmen sind Helfer und Ordnungskräfte wie Polizisten, ihnen gebührt wegen des öffentlichen Auftrags ein besonderer Respekt. Eine Anzeige? Hier muss sie sein!

Torsten Lucht
Torsten Lucht | Bild: Tesche, Sabine

Unterwegs in einer Waffe

Selbst der leistungsschwächste Kleinwagen hat heute 60 Pferdestärken unter der Haube. Ein vermeintlicher Volkswagen wie der Golf geht, sobald ein „GTI“ auf dem Heck steht, sogar mit knapp 300 an den Start. Es braucht nicht viel Fantasie, um ein solches PS-Monster als Waffe einzustufen. Eine falsche Bewegung kann den Fahrer, seine Mitfahrer, weitere Verkehrsteilnehmer, ja, sogar vollkommen unbeteiligte Passanten in den Tod reißen.

Das hat auch der Gesetzgeber erkannt. Mit Weitsicht hat er Maßnahmen umgesetzt, die unsere Straßen sicherer machen. Und, – oh Wunder – heute wünscht sich kein Mensch mehr die Freiheit zurück, unangeschnallt und mit vier Promille im Blut durch die Bodenseeregion zu heizen. Die jüngste Gesetzesverbesserung: Wer sich auf dem Fahrersitz breitmacht, darf kein Smartphone in der Hand halten. Gut so. Wer eine Waffe steuert, sollte seinem Fahrzeug und den sich ständig ändernden Situationen außerhalb der eigenen vier Autotüren seine volle Aufmerksamkeit widmen.

Und genau deshalb müssen Verkehrsrowdys, Fäusteschwinger und Stinkefingerausfahrer kompromisslos zur Verantwortung gezogen werden. Mit ihren peinlichen Gesten zeigen sie nur, dass sie nicht über die Besonnenheit und Empathie verfügen, die im heutigen Straßenverkehr absolut unabdinglich sind. Wer seine über den Tag angestauten Aggressionen loswerden muss, sollte sich statt eines Autos einen Boxsack kaufen. Das ist effektiver, kosten- und umweltschonender. Vor allen Dingen aber: sicherer für uns alle.

Bild: Tesche, Sabine


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