"Arschloch!", "Scheiß-Bulle!" – Starker Tobak, aber längst nicht das Schlimmste, was Polizisten im Alltag so zu hören bekommen. Wenn ein Betrunkener derartiges herauslallt, kann er Glück haben, dass die Beamten das überhören. Was sie nicht überhören: "Ich fick' deine Mutter." – "Wenn ich dich privat sehe, kriegst du auf die Fresse." – "Du fühlst dich ja nur so groß, weil du die Uniform anhast." – Sätze wie diese werden den Beamten immer öfter entgegengeschleudert. So erzählen es Streifenpolizisten.

Zum Beispiel Jürgen Dummel. Der Polizeioberkommissar ist ein ruhiger und bedächtiger Mann, gepflegtes Äußeres, modische Kunststoffbrille, ruhige Gestik, feiner Humor. Dieser Mann wirkt nicht wie jemand, der Menschen provoziert. Und trotzdem: "Wenn sich Leute vor einem aufbauen, da sieht man teilweise blanken Hass."

Warum bloß wird ein Malteser-Rettungswagen zum Ziel für ein Wurfgeschoss?

Im Jahr 2013 verzeichnete die Polizei im Kreis Konstanz 115 Fälle von Körperverletzung und Widerstand gegen Polizeibeamte. 2017 waren es bereits 161. Und für das laufende Jahr seien "die Zahlen wieder ansteigend", sagt Bernd Schmidt, Pressesprecher der Polizei Konstanz. 

Bernd Schmidt, Sprecher des Polizeipräsidiums Konstanz.
Bernd Schmidt, Sprecher des Polizeipräsidiums Konstanz. | Bild: Rau, Jörg-Peter

"Zahlenmäßig und in der Intensität haben Straftaten dieser Art in den letzten Jahren zugenommen", erklärt Andreas Mathy, Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz.

Beim Konstanzer Seenachtfest warf ein Betrunkener eine Bierflasche auf einen Malteser-Rettungswagen im Einsatz. Sanitäter, Notärzte und Feuerwehrleute sind im Kreis Konstanz zwar von tätlichen Angriffen nicht so stark betroffen wie Polizisten. Die Zahlen seien nicht tendenziell ansteigend, heißt es von ihnen. Zu verbalen Prügelknaben werden aber auch diese Einsatzkräfte immer öfter.

"Der Respekt, den man früher hatte, schwindet"

"Unfreundliche und ablehnende Aktionen sind in der Tat da", sagt José da Silva, Rettungsdienstleiter beim DRK-Kreisverband. "Früher wurde man um etwas gebeten, heute wird man aufgefordert. Früher waren die Menschen froh, wenn sie uns gesehen haben. Heute sagen sie: ,Konntet ihr nicht schneller kommen?'" Für ihn ist klar: "Der Respekt, den man früher hatte, schwindet. Und es gibt eine sehr große Erwartungshaltung."

Peter Marschall, stellvertretender Geschäftsführer des Krankenhausträgers Gesundheitsverbund Landkreis Konstanz, teilt diesen Eindruck: "Das Anspruchsdenken verändert sich." Es komme zum Beispiel oft vor, dass jemand den Notarzt kommen lässt, obwohl es nur um eine Bagatelle geht oder dass Patienten und Angehörige in der Notfallaufnahme einen rüden Ton anschlagen.

Feuerwehrleute müssen Gaffer abhalten

Wenn Feuerwehrwagen bei einem Einsatz Straßen zustellen, "kann es schon das eine oder andere mal zu verbalen Attacken kommen", sagt Kreisfeuerwehr-Chef Stefan Kienzler. Und: "Bei bestimmten Einsatzszenarien muss sofort Personal abgestellt werden, um Gaffer abzuweisen."

"Diejenigen, die die Schwelle überschreiten, sind in 80 bis 90 Prozent von Alkohol oder Drogen beeinflusst", sagt Polizist Jürgen Dummel. Was aber auch auffalle: Bei jungen Leuten gebe es offenbar den Trend, sich in der Clique zu beweisen, indem man gegen die Polizei vorgeht: Dann fielen Sätze wie "Hey, lass meinen Freund in Ruhe", und es könne brenzlig werden.

Liegt es am Alkohol?

"Ansehen und Respekt scheinen diesen Berufsgruppen gegenüber erodiert zu sein", sagt Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachen. Liegt die Malaise am enthemmenden Alkohol? "Es ist ja nicht so, dass heute mehr Alkohol getrunken wird als früher", verneint Bliesener.

Liegt es daran, dass mit Flüchtlingen eine andere Einstellung der Polizei gegenüber ins Land gekommen sein könnte? Untersuchungen haben laut Bliesener in der Tat ergeben, dass Menschen Erfahrungen mit Polizeien im Ausland auf die deutsche Polizei übertragen. So gilt zum Beispiel die deutsche Polizei unter Spätaussiedlern oft als wenig durchsetzungsstark, weil sie erst dann handgreiflich wird, wenn nichts anderes mehr hilft. Aber: Die Zahl der Flüchtlinge unter den Tätern sei nicht überproportional hoch. Auch Polizist Jürgen Dummel hat nicht diesen Eindruck.

Der Ton wird rauer in dieser Gesellschaft

Vielleicht liegen die Ursachen ja eher hier: Der Ton ist rauer geworden in Deutschland. Das Pöbeln kommt in Mode. In Internetforen und sozialen Netzwerken sind Polemik und Beleidigungen leicht eingetippt. "Und von der Beschimpfung zum körperlich übergriffigen Verhalten ist es dann nicht mehr weit", sagt Kriminologe Bliesener.

In der Politik benutzt die AfD aggressive Freund-Feind-Rhetorik, redet von "Altparteien", die zu "jagen" seien. Pegida-Demos zeigen Galgen-Modelle mit den Aufschriften "Reserviert Angela Merkel" und "Reserviert Sigmar Gabriel".

Ist all das die Saat, auf der auch Polizei, ja sogar Feuerwehr und Rettungswesen als Symbole für den Rechts- und Sozialstaat der "Altparteien" gesehen werden? Ja, meint Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery: Silvester seien Ärzte und Sanitäter angegriffen worden, weil man sie für "Repräsentanten der Staatsmacht" gehalten habe. Sieht jemand nur die Dienstkleidung und nicht den Menschen, ist es zum blanken Hass nicht weit.

In jeder Dienstkleidung steckt eben auch: ein Mensch

"Es gibt viele altgediente Polizisten, die dann nachts nicht einschlafen können", sagt Polizeisprecher Bernd Schmidt. Die Polizei muss Maßnahmen durchziehen. "In solchen Momenten funktioniert man so, wie man es gelernt hat", erklärt Jürgen Dummel. "Aber danach kommen die Gedanken, zum Beispiel: ,Wie hätte ich verhindern können, dass der Kollege verletzt wird?'"

Er sei froh, dass es interne Hilfen gebe. "Wir setzen uns auch zusammen und arbeiten das auf. Jeder hat über die Jahre viel erlebt – man redet viel darüber, und sei es beim Feierabendbier." In jeder Dienstkleidung steckt eben auch: ein Mensch. Ist selbstverständlich, vielen aber erstaunlich egal.

Gaffen, spucken, treten: drei Bespiele

  • Handy-Filmer versperrt den Weg: Ein Auto gerät ins Schleudern und kracht in ein Schaufenster. Der Fahrer und zwei Fußgänger verletzen sich bei diesem spektakulären Unfall in der Konstanzer Bodanstraße im Oktober 2017. Polizei und erste Rettungskräfte sind schon vor Ort. Ein 51-jähriger Autofahrer wird langsamer, um das Szenario mit seinem Handy zu filmen und zu fotografieren. Er versperrt nun aber mit seinem Wagen den Weg für weitere Rettungskräfte. Feuerwehrleute und Polizisten fordern ihn auf, Platz zu machen – er reagiert nicht. Am Ende beleidigt er sogar Polizisten, und diese müssen ihn aus dem Wagen zerren und ihm Handfesseln anlegen.
  • Rollerfahrer spuckt und tritt: Ohne Helm auf einem Motorroller und 1,6 Promille Alkohol intus – so fährt ein 25-jähriger Mann durch Konstanz-Petershausen. Auch sein Sozius trägt keinen Helm. Der Roller ist im Stadtgebiet gestohlen worden, von wem, ist noch unklar. Jedenfalls: Der Rollerfahrer flüchtet vor der Polizeistreife, wirft dann den Roller zu Boden, versucht, zu Fuß zu fliehen. Die Polizisten erwischen ihn. Als der Mann zur Ausnüchterung in Gewahrsam genommen werden soll, reagiert er sehr aggressiv, spuckt und tritt nach den Beamten. Auch einen Streifenwagen traktiert er mit Tritten. Die Beamten streifen dem Mann einen Spuckschutz über.
  • Notarzt muss die Polizei rufen: Auf dem Bodanplatz in Konstanz bricht ein Mann zusammen. Rettungssanitäter und ein Notarzt versuchen ihm zu helfen. Es gibt dort viele Passanten. Sie könnten Pietät beweisen und Abstand halten; zumindest aber könnten sie zurückweichen und weitergehen, wenn die Sanitäter sie dazu auffordern, weil diese zu wenig Platz haben – tun sie aber nicht. Sie kommen immer näher, viele zücken ihre Handys, um zu filmen. Der Notarzt ruft die Polizei. Vier Beamte stellen sich im Kreis um den Unglücksort, um Arzt und Sanitätern Platz zu verschaffen. Selbst dann rücken Passanten noch auf eineinhalb Meter an die Polizisten heran.